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"Sehr, sehr peinliche Situation": Berlin verschiebt Schönefeld-Start

Kurz vor dem von langer Hand geplanten Start des neuen Hauptstadtflughafens legen die Schönefelder Airport-Planer eine kostspielige Notlandung hin: Die Eröffnung des Luftdrehkreuzes wird auf unbestimmte Zeit verschoben. Urlauber fürchten um ihre Reisepläne, Berliner Politiker stehen vor einem Debakel.

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Die für Anfang Juni geplante Eröffnung des neuen Hauptstadtflughafens Berlin-Brandenburg "Willy Brandt" (BER) in Schönefeld muss bis auf Weiteres verschoben werden: Der Zeitplan lasse sich nicht halten, sagte Flughafenchef Rainer Schwarz bei einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz in Berlin-Schönefeld sichtlich betroffen. Der Betrieb könne nicht wie bis zuletzt geplant am 3. Juni aufgenommen werden.

Die zum Teil bereits angelaufenen Umzugsvorbereitungen werden mit sofortiger Wirkung gestoppt. Ein neuer Termin zur Inbetriebnahme solle "nach der Sommerpause" in Angriff genommen werden, erklärte Schwarz im Beisein von Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit und Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck. Bis auf weiteres sollen die Flüge von und nach Berlin über die bestehenden Einrichtungen an den Flughäfen Tegel und Schönefeld abgewickelt werden.

Auslöser für die spektakuläre Entscheidung waren Probleme mit dem Brandschutz den erforderlichen Betriebsgehmigungen. Flughafen-Chefplaner Manfred Körtgen erklärte, die Sicherheitsanlagen und deren Zusammenspiel untereinander hätten noch nicht den "nötigen Reifegrad" und könnten deshalb vom TÜV nicht abgenommen werden. Die Anlagen zum Brandschutz seien zwar baulich installiert, aber die notwendigen Tests könnten bis zum ursprünglichen Eröffnungstermin nicht abgeschlossen werden, sagte Schwarz. Die "Schutzziele" könnten bis 3. Juni nicht mehr erreicht werden.

Wowereit im Aufsichtsrat

"Das ist kein guter Tag für den Flughafen Berlin-Brandenburg", gestand Berlins Regierender Bürgermeister Wowereit ein. Er sitzt als Vorsitzender im Aufsichtsrat des Flughafenbetreibers. Die nötigen Arbeiten sollten so schnell wie möglich abgeschlossen werden, der Zeitraum der Verzögerung solle so kurz wie möglich sein. Auf einen genaueren Termin für die Eröffnung wollte sich jedoch auch Wowereit nicht festlegen lassen. Gedacht sei an ein Datum nach dem Ende der Sommerschulferien am 3. August, sagte der SPD-Politiker lediglich. Flughafenchef Rainer Schwarz sprach von einer "bitteren Enttäuschung" für alle Beteiligten. Er könne sich für die entstandene Lage "nur entschuldigen".

Schwarz sagte, er hoffe, dass das am neuen Flughafen erwartete Verkehrswachstum zunächst von Tegel und dem alten Schönefelder Airport bewältigt werden könne. Die Entscheidung zur Verschiebung sei "mehr als eine böse Überraschung - so eine Überraschung darf nicht kurz vorher passieren", kommentierte Platzeck die Verzögerung. "Wie es zu erklären ist, kann ich Ihnen noch nicht seriös beantworten, das werden wir in den nächsten Tagen erarbeiten", kündigte Platzeck bei n-tv an. "Da muss aufgeklärt werden, woran es genau gelegen hat."

Platzeck "stocksauer" bei n-tv

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"Auf jeden Fall ist uns im Aufsichtsrat auf unsere Fragen hin, weil es ja Bedenken gab, bis zum Wochenende gesagt und versichert worden, dass es zwar unter Anspannung aller Kräfte alles sehr eng wird, (dass es, Anm. d. Red.) aber schaffbar ist, den Flughafen am 3. (Juni) zu eröffnen", sagte er im Interview bei n-tv. "Deshalb bin ich auch stocksauer, dass dann gestern Abend plötzlich die Mitteilung kam, es wird nicht mehr leistbar sein und wir müssen die Eröffnung um einige Wochen verschieben. Ich hätte mir hier eine andere Früherkennungssystematik und ein anderes Projektmanagement an der Stelle schon gewünscht."

Platzeck betonte, dass niemand Bedenken haben müsse, seinen Urlaubsflug nicht antreten zu können. "Erstmal funktionieren die beiden Flughäfen Tegel und Schönefeld jetzt ganz normal weiter. Das heißt, es wird niemand, der einen Flug gebucht hat, nicht fliegen können. Das geht nahtlos. Die Flughäfen funktionieren ja bis dato  auch und werden auch in den nächsten Wochen funktionieren. Wir streben an, in der zweiten Augusthälfte endgültig den Flughafen zu eröffnen. Das wäre dann immer noch eine kompakte und kurze Bauzeit, aber nicht die, die wir uns vorgestellt haben.  Das ist überhaupt keine Frage." Der Festakt zur Eröffnung - unter anderem mit Bundeskanzlerin Angela Merkel - wurde dagegen zunächst ersatzlos abgesagt.

Lufthansa erinnert an Heathrow

Die größte deutsche Fluggesellschaft, die Deutsche Lufthansa, pocht unterdessen auf einen funktionierenden Flughafen in der Hauptstadt Berlin. Man habe daher ein Stück weit Verständnis, dass wegen technischer Probleme die Eröffnung nach hinten verschoben werden muss, hieß es am Rande der Hauptversammlung in Köln.

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"Ein Chaos wie London-Heathrow darf sich in Berlin nicht wiederholen", sagte ein hochrangiger Lufthansa-Sprecher. In London war es im Jahr 2008 nach Eröffnung des fünften Terminals zu etlichen Flugausfällen und Gepäckchaos gekommen. Zu möglichen Schäden, Regressansprüchen und Alternativplanungen in Berlin wollte sich das Unternehmen erst äußern, wenn Fakten zur Verschiebung vorliegen. Lufthansa will das Angebot in der Hauptstadt erheblich ausbauen.

"Die geplanten zusätzlichen Flüge sollen in jedem Falle starten", erklärte ein Lufthansa-Sprecher zur aktuellen Lage. Man sei in Gesprächen, um sich die zusätzlichen Start- und Landerechte in Tegel zu sichern. Lufthansa-Chef Christoph Franz erklärte, dass es zunächst darum gehe, die Ansprüche der vielen tausend Kunden zu erfüllen, die bereits nach dem neuen Flugplan gebucht hätten. "Wir sind nicht Verursacher der Probleme, sondern Leidtragender."

Die Fluggesellschaft berichtete von Testläufen in Schönefeld aus den vergangenen Wochen, bei denen zahlreiche Probleme aufgetreten seien. Es bestehe noch an vielen Stellen Handlungsbedarf, erklärte das Unternehmen. Es sei für Lufthansa wichtig, dass an dem neuen Flughafen ein reibungsloser Flugverkehr gewährleistet wird. Mit dem neuen Eröffnungsdatum erwarte man nun eine verlässliche Planungsgrundlage, hieß es.

Pro Monat 15 Mio. Euro

"Es ist unklar, wann der Flughafen eröffnet wird, ob im August, ob im September", sagte Brandenburgs Innenminister Dietmar Woidke. "Die Sicherheit geht vor." Probleme seien beim Brand- und Katastrophenschutz aufgetreten sowie bei der Genehmigung der Meldewege und Türabsperrungen. "Es kann also keine Abnahme vom TÜV geben. Sie sind noch nicht so weit", sagte der SPD-Politiker. "Es gibt keine abnahmefähigen Unterlagen."

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Der neue Flughafen kostet rund 2,5 Mrd. Euro und soll eine Startkapazität von 27 Millionen Passagieren haben. 2011 flogen rund 24 Millionen Passagiere von den Berliner Flughäfen Tegel und Schönefeld. Die Verzögerung wird laut Berliner "Tagesspiegel" pro Monat Kosten in Höhe von 15 Mio. Euro verursachen. Führende brandenburgische Wirtschaftsvertreter gehen von einem erheblichen Imageschaden für die Region aus. "Das ist eine sehr, sehr peinliche Situation", sagte der Präsident der Industrie- und Handelskammer Potsdam, Victor Stimming. Jetzt müsse alle Kraft darauf konzentriert werden, die Verschiebung so kurz wie möglich zu halten.

Stimming äußerte sich anlässlich einer gemeinsamen Pressekonferenz aller drei Industrie- und Handelskammern Brandenburgs zur Halbzeitbilanz der rot-roten Landesregierung. Die Kammern befürchten durch die verzögerte Airport-Eröffnung insbesondere für Hotels und andere Dienstleistungsbetriebe einen wirtschaftlichen Schaden.

Steilvorlage für Berliner Opposition

"Natürlich ist die Verschiebung für den Wirtschaftsstandort Berlin peinlich", sagte der Berliner CDU-Politiker Frank Steffel in einer ersten Reaktion. "Jeder mittelständische Unternehmer wäre bei so einer Planung am Rande der Pleite oder würde in Schadensersatzansprüchen ersticken." Als "Reinickendorfer Bundestagsabgeordneter" freue er sich "natürlich über jeden Tag, den der Flughafen Tegel länger geöffnet" habe.

Berliner Politiker der Grünen nannten den verzögerten Start des Flughafens in Schönefeld eine "Posse". Die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Abgeordnetenhaus, Ramona Pop, sagte, die Entscheidung sei ein Schlag ins Gesicht des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit. Sie passe zu den "jahrelangen Täuschungen" der Anwohner durch den Senat über die Flugrouten.

"Fehlplanung, Korruption, Intransparenz"

Schönefeld bedingt betriebsbereit: "Jeder mittelständische Unternehmer wäre bei so einer Planung am Rande der Pleite."
Schönefeld bedingt betriebsbereit: "Jeder mittelständische Unternehmer wäre bei so einer Planung am Rande der Pleite."(Foto: REUTERS)

Grünen-Fraktionschefin Renate Künast griff die politischen Planer hinter dem Großprojekt scharf an. Von Anfang an sei der Flughafen eine Geschichte von Pleiten, Pech und Pannen gewesen, wobei Pech davon die geringste Rolle gespielt habe, sagte sie. Fehlplanung, zwischendurch Korruption und durchgängig Intransparenz seien kennzeichnend für das gesamte Vorhaben. "Es ist schon ein Trauerspiel, dass das Großprojekt nicht so betrieben wurde, dass es dann pünktlich fertig wird."

Der Paukenschlag aus Schönefeld hatte die Landesregierungen von Berlin und Brandenburg angeblich auf ihrer gemeinsamen Kabinettssitzung in Potsdam überrascht. In einer Mitteilung informierte die Betreibergesellschaft Flughafen Berlin-Brandenburg GmbH die an dem Projekt beteiligten Landesregierungen. Berlins Regierender Bürgermeister Wowereit und Brandenburgs Ministerpräsident Platzeck begaben sich umgehend auf den Weg nach Schönefeld. "Aufgrund von Informationen des Sprechers der Geschäftsführung der Berliner Flughäfen in der heutigen gemeinsamen Kabinettssitzung haben sich die Gesellschafter entschlossen, ihre Gespräche umgehend in Schönefeld fortzusetzen", teilte die Brandenburger Landesregierung mit.

Eiliger Klärungsbedarf

Der Betreiber des neuen Großflughafens hatte Journalisten "aus aktuellem Anlass" kurzfristig zu einer eigens anberaumte Pressekonferenz ins Besucherzentrum "Airportworld" eingeladen. Bereits vor zwei Wochen hatte es Zeitungsberichte über Mängel bei der Belüftungsanlage für den Brandfall beim Flughafen Berlin Brandenburg gegeben. Damals hatte die Flughafengesellschaft noch bestritten, dass dies Einfluss auf den Eröffnungstermin haben könnte. Die Landesregierungen von Berlin und Brandenburg reagierten mit Erstaunen auf die angekündigte Verschiebung.

Noch am 24. April hatte Körtgen bestätigt, dass alle erforderlichen Genehmigungen, darunter auch die für den Brandschutz, auf dem Weg seien. Schon damals gab es Berichte, die Belüftungsanlage für den Brandfall im Terminal funktioniere nicht ordnungsgemäß. Es wäre bereits die zweite Verschiebung der Flughafen-Eröffnung in Schönefeld. BBI-Eröffnung erst 2012 .

Deutsche Bahn auf "Standby"

Der neue Großflughafen mit dem Kürzel BER soll die bisherigen Flughäfen Tegel und Schönefeld ersetzen. Gut vier Jahre nach der Schließung des zentrumsnahen Flughafens Tempelhof wird erobert soll am neuen Standort ein neues Drehkreuz für den Luftverkehr von und nach Berlin entstehen. Gebaut wird an dem Großprojekt seit 2006. Die Planungen reichen bis ins Jahr 1996 zurück.

Zur Eröffnung hatten die Fluggesellschaften zusammen mit dem Betreiber, den Behörden, den Berliner Verkehrsbetrieben und zahlreiche weitere beteiligte Unternehmen einen Berliner Flughafen-Umzug startet . Der Betrieb am bisherigen Hauptstadtflughafen Berlin-Tegel sollte eigentlich am 2. Juni komplett eingestellt werden. Fluggesellschaften wie Lufthansa und Air Berlin wollten ihre Maschinen Lufthansa plant Tegel-Abschied zum letzten Mal in Tegel abheben lassen und bei ihrer Rückkehr zum neuen Standort "Willy Brandt" umleiten.

Die Deutsche Bahn sieht für sich keine Probleme durch die spätere Eröffnung des Hauptstadtflughafens. "Wir sind auf Standby und können jederzeit starten", sagte ein Sprecher. "Unser Bahnhof ist fertig, die Züge stehen bereit." Derzeit läuft der Probebetrieb in der Regional- und Fernbahnstation unter dem Abfertigungsgebäude. Der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg müsse nun sagen, wie er sich den Zugverkehr ab dem 3. Juni vorstelle. Der neue Flughafen in Schönefeld kann wegen Problemen beim Brandschutz nicht wie geplant an diesem Tag in Betrieb gehen.

Quelle: n-tv.de

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