Wirtschaft
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Der Fluch hoher Renditen: Brasilien ertrinkt in der Geldflut

Was tun gegen viel zu viel Geld? Was nach einem Luxusproblem klingt, ist für die aufstrebende Wirtschaftsnation Brasilien eine existenzielle Frage. Hohe Renditen locken Investoren aus der ganzen Welt an. Die Kapitalströme treiben jedoch die Landeswährung Real in die Höhe und verderben den Unternehmen so das Exportgeschäft.

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Nach seinem mühsam erarbeiteten Aufstieg in den Kreis der führenden Schwellenländer befürchtet Brasilien in der Geldflut aus den Industriestaaten unterzugehen. Mit aller Kraft versucht die Regierung in Brasilia sich dem entgegenzustemmen und sparte dabei auch nicht an harscher Kritik an der lockeren Geldpolitik in Europa, den USA und in Japan inklusive Protektionismusandrohungen. Schon seit Monaten spricht sie von einem tobenden "Währungskrieg". Nach der jüngsten Geldspritze der Europäischen Zentralbank in der vergangenen Woche warnte Präsidentin Dilma Rousseff nun vor einem "Tsunami" billigen Geldes, der ärmere Länder wie Brasilien zu verschlingen drohe.

Noch vor rund einem Jahrzehnt musste Brasilien vom Internationalen Währungsfonds (IWF) vor dem Kollaps bewahrt werden. Dann führte der Wirtschaftsboom in der größten Volkswirtschaft Lateinamerikas 25 Millionen Brasilianer aus der Armut. Die Mittelschicht wächst und gewinnt immer mehr an Kaufkraft. In diesem Jahrzehnt will das rohstoffreiche Land zu einer der fünf größten Volkswirtschaften der Welt avancieren. Erst im vergangenen Jahr hatte Brasilien Großbritannien von Platz sechs verdrängt. Mit seinem rasanten wirtschaftlichen Aufstieg muss sich Brasilien nicht hinter dem Wachstumstempo Chinas und Indiens verstecken.

"Hot money" verteuert Exporte

Diesen Erfolg sieht die linke Regierung aber durch die niedrigen Zinsen und die lockere Geldpolitik in den Industriestaaten bedroht. Diese hatten im Kampf gegen Finanz-, Wirtschafts- und Schuldenkrise ihre Geldschleusen weit geöffnet. Doch ein großer Teil des Geldes floss nicht in die heimische Wirtschaft, sondern in massiven Kapitalströmen in die schnell wachsenden Schwellenländer, wo Investoren auf der Suche nach besser verzinsten Anlagen fündig wurden. Dieses "hot money" führt aber dort zu steigenden Wechselkursen und zu Problemen für die heimische Wirtschaft.

Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff auf der Computermesse Cebit.
Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff auf der Computermesse Cebit.(Foto: dpa)

"Wir haben einen Währungskrieg, der auf expansiver Geldpolitik beruht, die ungleiche Wettbewerbsbedingungen schafft", sagte Rousseff. Der Kurs der brasilianischen Währung Real sei unverhältnismäßig hoch, was wiederum die Exporte des Landes belaste. Die Ökonomin will das nicht kampflos hinnehmen. Neuer Protektionismus droht. "Wir werden unser Land weiter entwickeln, in dem wir unsere Industrie verteidigen und dafür sorgen, dass Schwellenländer durch die Strategie der Industrieländer im Kampf gegen die Krise nicht aufgefressen werden", sagte Rousseff. So zeigte sie sich entschlossen, das von ihrem Vorgänger und Förderer Luiz Inacio Lula da Silva angestoßene Wirtschaftswunder fortzusetzen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel signalisierte kürzlich Verständnis für die Sorgen Brasiliens. Sie kündigte an, mit Rousseff bei einem Treffen in Hannover am Rande der IT-Messe Cebit über das Thema zu sprechen. Rousseff demonstrierte auf ihrem Weg nach Deutschland nun abermals Handlungsbereitschaft: Die brasilianische Regierung stehe bereit, um den Aufwärtstrend der heimischen Währung mit neuen Maßnahmen zu bremsen, sagte sie. Sie ließ jedoch offen, welches Vorgehen sie im Blick hat.

Wachstum ausgebremst

Zuletzt bekam Brasilien aber auch verstärkt den globalen Konjunkturabschwung zu spüren. Exorbitante Wachstumsraten scheinen vorerst vorbei zu sein. 2011 dürfte die Wirtschaft nur noch um 2,8 Prozent gewachsen sein. 2010 waren es 7,5 Prozent, so viel wie fast ein Vierteljahrhundert nicht mehr. Um eine Überhitzung zu vermeiden, hatte Präsidentin Rousseff allerdings bewusst mit Ausgabenkürzungen und strengerer Haushaltsdisziplin gegengesteuert. Da auch die Inflation zurückging, hat die brasilianische Notenbank nun mehr Spielraum für weitere Zinssenkungen, um die Wirtschaft anzuschieben. Experten rechnen denn auch damit, dass der Aufschwung im späteren Jahresverlauf wieder an Fahrt gewinnt.

Die Notenbank signalisierte bereits für Mittwoch die nächste Zinssenkung. Es wäre die fünfte infolge. Der Leitzins werde sich künftig sehr wahrscheinlich im einstelligen Prozentbereich bewegen, sagte Zentralbankchef Alexandre Tombini kürzlich beim Finanzministertreffen der 20 führenden Industrie- und Schwellenländer (G20) in Mexiko. Gegenwärtig liegt er bei 10,5 Prozent.

Quelle: n-tv.de

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