Wirtschaft

Sozialer Friede ist in GefahrChinas Immomarkt birgt Risiken

22.09.2010, 11:20 Uhr

Die Preise am chinesischen Wohnungsmarkt schießen in die Höhe. Es wird kräftig spekuliert. Wird die Immobilienblase platzen? Wohl nicht, sagen Experten. Doch herrscht Krisenstimmung, weil bezahlbarer Wohnraum fehlt. Die Klagen werden immer lauter.

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Luftaufnahme der "Hong Kong Island" im chinesischen Hongkong. (Foto: dpa)

Der heiß gelaufene Immobilienmarkt in China bedroht den sozialen Frieden. Die Preise steigen, die Nachfrage ebenso. Immer mehr Chinesen klagen, dass sie sich keine Wohnung mehr leisten können. Die Gefahr, dass die Blase am Wohnungsmarkt platzen könnte, scheint zwar vorerst gebannt. Doch warnt Regierungschef Wen Jiabao: "Die Häuserfrage ist nicht nur ein wirtschaftliches Problem, sondern eine Frage des Wohlergehens der Menschen, die sich auf die soziale Stabilität auswirkt." Er macht den Immobilienmarkt zur Chefsache. Die Behörden müssten vorrangig die Wohnungspreise stabilisieren und genug Wohnraum für alle schaffen, mahnte der Ministerpräsident.

Eine noch schärfere Kontrolle des überhitzten Marktes ist vor der traditionell "goldenen Zeit" für Immobilienkäufe in den Herbstwochen aber nicht zu erwarten. Die Bankenaufsicht plane gegenwärtig keine weitere Straffung, um Spekulationen einzudämmen, teilte der Vizevorsitzende Jiang Dingzhi mit. Experten sehen eine vorläufige Stabilisierung und geben Entwarnung. "Ich bin nicht der Ansicht, dass der Wohnungsmarkt zusammenbrechen wird", sagte die renommierte Ökonomin Jing Ulrich, die für das Investmenthaus J.P.Morgan in Hongkong das Geschäft mit chinesischen Aktien leitet.

Kredithahn abgedreht

Es gebe durchaus "Ungleichgewichte", aber die grundlegenden Triebkräfte seien unverändert stark: Der Anstieg der Einkommen, die hohe Sparrate der Chinesen und der Wunsch der aufstrebenden Mittelklasse, eine Wohnung zu besitzen. Die Urbanisierung treibt zudem jährlich zig Millionen in die Städte. "Der Wohnungsmarkt wird hohe Wachstumsraten sehen", sagte die China-Expertin. "Auch schon weil es wenig andere Alternativen gibt, sein Geld anzulegen." Die Zinsen für Spareinlagen sind in China niedriger als die Inflation, so dass das Geld in der Bank nur an Wert verliert.

Ungesund ist die exzessive Liquidität durch das staatliche Konjunkturprogramm. Statt zu investieren, parken Staatsunternehmen ihr Geld in Immobilien, die sie in der Hoffnung auf steigende Preise für den Weiterverkauf leer stehen lassen. Auch um solche Spekulationen zu bremsen, wurde inzwischen der Kredithahn zurückgedreht. Im Frühjahr erhöhte die Regierung auch den nötigen Eigenkapitalanteil beim Hauskauf und den Hypothekenzins. Darlehen für dritte oder weitere Wohnungen wurden nicht mehr erlaubt.

Blase wird wohl nicht platzen

Die Gefahr, dass die Blase platzen und wie in den USA das ganze chinesische Finanzsystem in Mitleidenschaft gezogen werden könnte, ist aus Sicht von Experten aber gering, weil die Verschuldung vergleichsweise niedrig ist. Anders als in den USA, wo Häuser zu hundert Prozent finanziert wurden, legen Käufer in China ohnehin im Schnitt 30 bis 40 Prozent als Anzahlung auf den Tisch. Viele Wohnungen werden sogar komplett bar bezahlt. Als Weltmeister im Sparen verfügen die Chinesen über so viel Bargeld. Auch gibt es reichlich "heißes Geld", was derart investiert wird.

Bei den hohen Preisen fällt es unteren Einkommensgruppen aber immer schwerer, eine Wohnung zu kaufen. 14 Jahreseinkommen muss ein Chinese im Schnitt für eine Wohnung ausgeben, während es anderswo in der Welt nur das Fünf- bis Sechsfache ist. Die Abkühlung des Marktes hat die Preise jetzt etwas stabilisiert. Im August lagen sie um 9,3 Prozent über dem Vorjahresmonat, heißt es offiziell. Ungeachtet der hohen Preise sagten 15 Prozent der Befragten in einer Umfrage, in den nächsten drei Monaten eine Wohnung kaufen zu wollen. Mehr als ein Drittel erwartet und setzt auch auf weiter steigende Preise.

Regierung investiert in Sozialbauten

"Das Wichtigste ist, das Angebot an Wohnungen zu verbessern", sagte J.P.Morgan-Expertin Ulrich. Alles andere treibe nur die Preise in die Höhe. Die Regierung investiert bereits kräftig in den sozialen Wohnungsbau. Dieses Jahr werden 5,8 Millionen Wohnungen fertiggestellt. Aber erst in fünf Jahren könnten es mit insgesamt 30 Millionen Einheiten genug werden, um die Nachfrage zu decken.

Quelle: Andreas Landwehr, dpa