Wirtschaft
Skyline der Londoner City: Die EU hat Banken zu 1,7 Milliarden Dollar Strafe wegen Zinsmanipulationen verdonnert.
Skyline der Londoner City: Die EU hat Banken zu 1,7 Milliarden Dollar Strafe wegen Zinsmanipulationen verdonnert.(Foto: picture alliance / dpa)

"Hier läuft die reinste Manipulation": Die Libor-Lüge

Von Hannes Vogel

Die EU verdonnert die Deutsche Bank und andere Geldhäuser zu einer Rekordstrafe wegen jahrelanger Zinsmanipulation. Doch damit lässt sich das Problem kaum lösen: Der Libor-Skandal zeigt, wie tiefgreifend sich die Mentalität der Finanzindustrie ändern muss. Und wie gering die Chancen sind, dass der Kulturwandel gelingt.

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Philippe Moryoussef wusste, dass die Sache verboten war, als er am 12. Februar 2007 seinen Kollegen einweihte. "Wenn Du ein Geheimnis bewahren kannst, erzähl ich's Dir…Wir werden die Sätze nach unten drücken", schrieb der Zinshändler an einen befreundeten Banker. "Wenn Du ein Wort davon ausplapperst, sage ich Dir nichts mehr. Bitte behalt's für Dich, sonst wird es nicht klappen."

Moryoussef handelte damals für die britische Barclays-Bank mit Zins-Derivaten. Und hatte viel zu verlieren: Ein paar Wochen später, am 21. März 2007, wurden die meisten Futures und Optionen fällig, mit denen Moryoussef Milliarden auf die Entwicklung der Libor- und Euribor-Zinsen wettete. Die Zinssätze an diesen Money Market Dates - dem dritten Mittwoch im März, Juni, September und Dezember - entscheiden darüber, ob Moryoussef seine Wetten gewinnt oder verliert. Eine kleine Abweichung nach oben oder unten bedeutet für den Händler riesige Gewinne - oder Verluste.

Moryoussef wollte gewinnen. Und fand deshalb einen Weg, seine Chancen zu verbessern: Täglich um 11 Uhr Londoner und Brüsseler Zeit melden die größten Banken an eine zentrale Stelle, zu welchen Sätzen sie sich gegenseitig Geld leihen. Aus den Werten wird ein Durchschnitt gebildet, heraus kommen Libor und Euribor, die wichtigsten Leitzinsen für den Geldmarkt in der Londoner City und der Eurozone. Moryoussef und seine Kollegen beeinflussten einfach die Geldhändler, die die Sätze meldeten, um die Zinsen in die für sie günstige Richtung zu lenken. So strickten sie sich Wetten, die sie nicht verlieren konnten.

"Hier läuft die reinste Manipulation"

Persönlicher Profit war dabei wohl die wichtigste Motivation: "Ich lebe und sterbe mit diesen Zinssätzen. Ich träume sogar von ihnen", schreibt ein UBS-Händler in Emails, die später den Ermittlern in die Hände fielen. Die Verluste trugen dafür andere: Weltweit sind Derivate und Finanzprodukte im Wert von Hunderten Billionen Dollar an die Zinssätze gekoppelt, die Mouryoussef und die anderen Londoner Händler manipulierten. Einige hatten deshalb Gewissenbisse: "Ich werde den Libor nicht sieben Basispunkte von der Wahrheit angeben, UBS könnte dafür seine Lizenz verlieren", gibt ein UBS-Banker zu bedenken.

Doch die meisten zögern nicht. "Es ist Wahnsinn, wieviel Geld man mit der Libor-Festsetzung verdienen kann", frohlockte im August 2007 ein Banker der RBS: "Das ist jetzt ein Kartell hier in London". Sein Kollege konstatierte vier Monate später: "Hier läuft die reinste Manipulation". Die Händler erfanden Codewörter für ihre Manipulations-Feldzüge, redeten sich mit Decknamen wie "Die drei Musketiere" an. "Unsere Meldung hat das gesamte Fixing verschoben. Hahahah", feiert ein RBS-Trader seinen Erfolg.

Masters of the Universe

Die Bankenkontrolleure haben weltweit auf diese Exzesse mit drakonischen Strafen reagiert. Über 3,5 Milliarden Dollar Geldbuße haben Aufsichtsbehörden in den USA und Großbritannien inzwischen Barclays, UBS, Royal Bank of Scotland, ICAP und Rabobank aufgebrummt. Auch die EU hat nun sechs Banken, darunter Royal Bank of Scotland, Société Générale und die Deutsche Bank, zu Strafen von 1,71 Mrd. Euro verdonnert. Doch das dürfte das Problem kaum lösen.

Denn Bußgelder tun den Geldhäusern auf Dauer nicht wirklich weh. Zudem treffen sie die Banken selbst, die Mentalität der Banker dürften sie kaum verändern. Sie ist aber das eigentliche Problem: Die Chats und Emails der Londoner Händler sind nicht nur Protokolle des Betrugs. Sie sind Zeugnisse des moralischen Verfalls einer Branche.

Aus ihnen spricht der unbedingte Wille, sich die Welt gefügig zu machen, sie den eigenen Interessen zu unterwerfen, notfalls mit Betrug. Ohne Rücksicht auf Verluste, im wahrsten Sinne des Wortes. Die Finanzindustrie hat diese Einstellung ihrer "Masters of the Universe", wie sich die Händler selbst gerne nannten, ins Verderben geführt. Und die Welt in die Finanzkrise. Es ist diese Mentalität, die sich ändern muss, wenn sie es mit dem Kulturwandel wirklich ernst meint.

Mentalitätsproblem der Finanzindustrie

Allein der Blick auf die Deutsche Bank zeigt, welche Mammutaufgabe das bedeutet. Und wie aussichtslos das Unterfangen bisher zu sein scheint. Mit 725 Millionen Euro müssen die Frankfurter die höchste Strafe für die Zins-Manipulationen an die EU-Kommission zahlen. Deutschlands größtes Geldhaus ist am stärksten vom Mentalitätsproblem der Branche betroffen. Bankchef Fitschen hat den Kulturwandel deshalb zum offiziellen Programm seines Hauses gemacht. Doch ob auch die Händler in London diese Ansage so sehr verinnerlicht haben wie ihr Chef in Frankfurt, darf bezweifelt werden.

Dagegen spricht, dass der Libor-Skandal nur der letzte in einer langen Reihe ist: Betrug mit faulen Hypothekenkrediten kostete JPMorgan die Rekordsumme von 13 Milliarden Dollar. Die britische HSBC zahlte 1,9 Milliarden Dollar Strafe für Geldwäsche für mexikanische Drogenkartelle, Standard Chartered 327 Millionen Dollar für die Umgehung von US-Sanktionen gegen den Iran.

Und der nächste Skandal deutet sich schon an: Diesmal sollen internationale Großbanken nicht die Zinsen, sondern Währungskurse manipuliert haben, auf die sie wetteten. Davon wären nicht nur Firmen betroffen, die einen Kredit aufnehmen oder Privatleute, die ein Haus finanzieren. Sondern praktisch jeder, der mit fremden Währungen im Ausland einkauft, ob Firma oder Privatperson.

Härtere Eigenkapitalregeln, strengere Risikovorschriften, reformierte Bezahlungssysteme - all das ist nötig, um die außer Rand und Band geratene Finanzbranche wieder in den Griff zu bekommen. Doch härte Regulierung und die Reform von Strukturen nützen nichts, wenn die Menschen, die diese Regeln befolgen sollen, sie nicht anerkennen. Vorschriften kann man über Nacht verordnen. Mentalitäten wandeln sich dagegen langsam.

Quelle: n-tv.de

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