Wirtschaft

Ökonomen-BarometerGedämpfte Euphorie

17.07.2011, 17:40 Uhr

Deutschlands führende Volkswirte schätzen angesichts der Schuldenkrise die Konjunkturaussichten für Deutschland etwas vorsichtiger ein und rechnen mit einer leichten Abkühlung, wie das Ökonomen-Barometer von n-tv und Euro am Sonntag zeigt.

Deutschlands führende Volkswirte

rechnen in den kommenden Monaten mit einer leichten Abkühlung der Konjunktur. Das

geht aus dem aktuellen Ökonomen-Barometer von Euro am Sonntag und dem Nachrichtensender n-tv hervor. Danach sank der

Wert für die erwartete wirtschaftliche Entwicklung auf Sicht von zwölf Monaten um

6,5 Prozent auf 70,2 Punkte. Die Einschätzung der gegenwärtigen Lage blieb dagegen

mit 74,4 Punkten im Vergleich zum Vormonat stabil.

Die Vorsicht gegenüber

der weiteren Konjunkturentwicklung spiegelt die Sorge um die Schuldenkrise in Europa

und den USA wider. In Washington treten die Verhandlungen zwischen Präsident Obama

und führenden Republikanern über eine Anhebung der Verschuldungsgrenze von bislang

14,3 Billionen Dollar auf der Stelle. Falls bis zum 2. August keine Einigung erzielt

wird, sind die USA zahlungsunfähig. Auch in Europa spitzt sich die Schuldenkrise

weiter zu. Zuletzt konzentrierten sich die Märkte auf das hoch verschuldete Italien.

Zudem hatten Ratingagenturen die Kreditwürdigkeit von Irland und Griechenland herabgestuft.

Dies führte zu einer erneuten Diskussion um die Rolle der Ratingagenturen. So erklärte

Finanzminister Wolfgang Schäuble, das Oligopol der Ratingagenturen müsse gebrochen

werden. Zuvor hatte sich bereits das EU-Parlament für die Gründung einer europäischen

Ratingagentur ausgesprochen.

Der Vorschlag trifft auch

unter Ökonomen auf Zustimmung. So halten 60 Prozent der Volkswirte die Gründung

eines europäischen Wettbewerbers für sinnvoll. 31 Prozent lehnen dies allerdings

ab. "Konkurrenz belebt das Geschäft", erklärte etwa Dirk Schlotböller

vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Andere Fachleute wie Professor

Helmut Wagner von der Fern-Uni Hagen oder Professor Stephan Klasen von der Uni Göttingen

äußerten sich ähnlich.

Allerdings warnten zahlreiche

Experten vor überzogenen Erwartungen. "Auch wenn der Überbringer sich ändert,

die Nachricht bleibt die gleiche", erklärte etwa Professor Wilhelmus Spanjers

von der Uni Freiburg. Professor Karlhans Sauernheimer von der Uni Mainz vermutet

andere Beweggründe hinter den Vorstellungen. Dass die Forderung im gegenwärtigen

Umfeld erhoben wird, lege die Vermutung nahe, "dass es den Propagandisten nicht

mehr um mehr Wettbewerb geht, sondern um eine Relativierung der Bewertung europäischer

Schuldnerstaaten, weil deren Ergebnisse den Schuldenfreunden und Bürgschaftsspendern

Europas unangenehm" seien.

Unterdessen stößt das Modell

für eine radikale Steuervereinfachung des bekannten Steuerexperten Paul Kirchhof

unter Ökonomen auf breite Unterstützung. Immerhin 76 Prozent halten eine grundlegende

Reform für überfällig, 16 sprachen sich dagegen aus. Nach dem von Kirchhof unlängst

vorgestellten Modell werden Abertausende Steuerrechtsvorschriften künftig in 146

Paragrafen zusammengefasst. Für die Einkommensteuer sieht Kirchhof etwa einen pauschalen

Steuersatz von 25 Prozent vor. Alle Ausnahmetatbestände würden gestrichen.

Experten halten eine radikale

Steuervereinfachung für überfällig. "Das derzeitige Steuerrecht ist unsystematisch,

intransparent und ungerecht", erinnerte der frühere Vorsitzende des Sachverständigenrats,

Juergen B. Donges. Es verschaffe demjenigen Vorteile, "der sich den tüchtigsten

Steuerberater leisten kann". Professor Fred Wagner von der Uni Leipzig sagte,

eine grundlegende Neugestaltung böte nicht nur deutlich reduzierte "Administrationskosten,

sondern auch mehr Leistungsanreize".

An eine tatsächliche Umsetzung

einer radikalen Steuerreform glauben aber nur zwei Prozent der befragten Experten,

89 Prozent halten ein solches Projekt langfristig für illusorisch: "Es gibt

keine Krise, die einen solch radikalen Wechsel durchsetzbar machen könnte",

sagte Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank. "Das Konzept ist

politisch nicht umsetzbar", glaubt auch Professor Günter Franke von der Uni

Konstanz. Zudem fehle es am nötigen "politischen Mut", so Professor Roland

Döhrn vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung in Essen.

Quelle: Thomas Schmidtutz