Ökonomen-BarometerGedämpfte Euphorie
Deutschlands führende Volkswirte schätzen angesichts der Schuldenkrise die Konjunkturaussichten für Deutschland etwas vorsichtiger ein und rechnen mit einer leichten Abkühlung, wie das Ökonomen-Barometer von n-tv und Euro am Sonntag zeigt.
Deutschlands führende Volkswirte
rechnen in den kommenden Monaten mit einer leichten Abkühlung der Konjunktur. Das
geht aus dem aktuellen Ökonomen-Barometer von Euro am Sonntag und dem Nachrichtensender n-tv hervor. Danach sank der
Wert für die erwartete wirtschaftliche Entwicklung auf Sicht von zwölf Monaten um
6,5 Prozent auf 70,2 Punkte. Die Einschätzung der gegenwärtigen Lage blieb dagegen
mit 74,4 Punkten im Vergleich zum Vormonat stabil.
Die Vorsicht gegenüber
der weiteren Konjunkturentwicklung spiegelt die Sorge um die Schuldenkrise in Europa
und den USA wider. In Washington treten die Verhandlungen zwischen Präsident Obama
und führenden Republikanern über eine Anhebung der Verschuldungsgrenze von bislang
14,3 Billionen Dollar auf der Stelle. Falls bis zum 2. August keine Einigung erzielt
wird, sind die USA zahlungsunfähig. Auch in Europa spitzt sich die Schuldenkrise
weiter zu. Zuletzt konzentrierten sich die Märkte auf das hoch verschuldete Italien.
Zudem hatten Ratingagenturen die Kreditwürdigkeit von Irland und Griechenland herabgestuft.
Dies führte zu einer erneuten Diskussion um die Rolle der Ratingagenturen. So erklärte
Finanzminister Wolfgang Schäuble, das Oligopol der Ratingagenturen müsse gebrochen
werden. Zuvor hatte sich bereits das EU-Parlament für die Gründung einer europäischen
Ratingagentur ausgesprochen.
Der Vorschlag trifft auch
unter Ökonomen auf Zustimmung. So halten 60 Prozent der Volkswirte die Gründung
eines europäischen Wettbewerbers für sinnvoll. 31 Prozent lehnen dies allerdings
ab. "Konkurrenz belebt das Geschäft", erklärte etwa Dirk Schlotböller
vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Andere Fachleute wie Professor
Helmut Wagner von der Fern-Uni Hagen oder Professor Stephan Klasen von der Uni Göttingen
äußerten sich ähnlich.
Allerdings warnten zahlreiche
Experten vor überzogenen Erwartungen. "Auch wenn der Überbringer sich ändert,
die Nachricht bleibt die gleiche", erklärte etwa Professor Wilhelmus Spanjers
von der Uni Freiburg. Professor Karlhans Sauernheimer von der Uni Mainz vermutet
andere Beweggründe hinter den Vorstellungen. Dass die Forderung im gegenwärtigen
Umfeld erhoben wird, lege die Vermutung nahe, "dass es den Propagandisten nicht
mehr um mehr Wettbewerb geht, sondern um eine Relativierung der Bewertung europäischer
Schuldnerstaaten, weil deren Ergebnisse den Schuldenfreunden und Bürgschaftsspendern
Europas unangenehm" seien.
Unterdessen stößt das Modell
für eine radikale Steuervereinfachung des bekannten Steuerexperten Paul Kirchhof
unter Ökonomen auf breite Unterstützung. Immerhin 76 Prozent halten eine grundlegende
Reform für überfällig, 16 sprachen sich dagegen aus. Nach dem von Kirchhof unlängst
vorgestellten Modell werden Abertausende Steuerrechtsvorschriften künftig in 146
Paragrafen zusammengefasst. Für die Einkommensteuer sieht Kirchhof etwa einen pauschalen
Steuersatz von 25 Prozent vor. Alle Ausnahmetatbestände würden gestrichen.
Experten halten eine radikale
Steuervereinfachung für überfällig. "Das derzeitige Steuerrecht ist unsystematisch,
intransparent und ungerecht", erinnerte der frühere Vorsitzende des Sachverständigenrats,
Juergen B. Donges. Es verschaffe demjenigen Vorteile, "der sich den tüchtigsten
Steuerberater leisten kann". Professor Fred Wagner von der Uni Leipzig sagte,
eine grundlegende Neugestaltung böte nicht nur deutlich reduzierte "Administrationskosten,
sondern auch mehr Leistungsanreize".
An eine tatsächliche Umsetzung
einer radikalen Steuerreform glauben aber nur zwei Prozent der befragten Experten,
89 Prozent halten ein solches Projekt langfristig für illusorisch: "Es gibt
keine Krise, die einen solch radikalen Wechsel durchsetzbar machen könnte",
sagte Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank. "Das Konzept ist
politisch nicht umsetzbar", glaubt auch Professor Günter Franke von der Uni
Konstanz. Zudem fehle es am nötigen "politischen Mut", so Professor Roland
Döhrn vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung in Essen.