Wirtschaft

Ökonomen-BarometerGroße Sorgen um Griechenland

17.06.2011, 15:35 Uhr

Deutschlands führende Volkswirte fordern die Beteiligung privater Gläubiger an Hellas-Hilfen - das Ökonomen-Barometer von n-tv und Euro am Sonntag bleibt auf hohem Niveau.

Deutschlands führende Ökonomen sehen die Konjunktur in Deutschland

weiter mit großer Zuversicht. Das geht aus dem aktuellen Ökonomen-Barometer des

Nachrichtensenders n-tv und Euro am Sonntag hervor. Danach sank die Bewertung

der gegenwärtigen Lage im Juni zwar leicht um 1,4 Prozent auf 75 Punkte, blieb

damit aber immer noch auf Rekordniveau. Der Erwartungswert, der die

Einschätzung der wirtschaftlichen Entwicklung auf Sicht von zwölf Monaten

widergibt, blieb gegenüber dem Vormonat mit 75 Punkten jedoch zuletzt praktisch

unverändert.

Die anhaltend hohen Werte spiegeln das gute wirtschaftliche Umfeld wider. Die

Auftragsbücher vieler Unternehmen sind prall gefüllt, die Zahl der Arbeitslosen

ist zuletzt erneut unter die Marke von drei Millionen gefallen. Angesichts der

Entwicklung hatten in den vergangenen Wochen zahlreiche

Wirtschaftsforschungsinstitute ihre Prognosen angehoben. So erwartet das

Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) für das laufende

Jahr nun ein Wachstum von 3,7 Prozent nach bislang 2,9 Prozent. 2012 dürfte der

Aufschwung zwar etwas an Schwung verlieren. Allerdings ist das erwartete Plus

von 2,3 Prozent immer noch sehr ansehnlich.

Mehrheit für Griechenland-Hilfe

Unterdessen sehen die Volkswirte die Entwicklung in Griechenland mit Sorge. Das

Land benötige weitere Hilfsmittel, um einen Kollaps von Wirtschaft und Banken

zu vermeiden und die Reformen wie geplant umzusetzen, warnte etwa

Postbank-Chefvolkswirt Marco Bargel mit Blick auf die aktuelle Entwicklung.

Nach dem wirtschaftlichen Absturz steckt das Land jetzt in einer schweren

Regierungskrise. Unter dem Druck der anhaltenden Massenprotesten will sich

Regierungsschef Giorgios Papandreou am Dienstag der Vertrauensfrage stellen.

Die Entwicklung droht nun auch noch, die mühsam erzielte Rettungsaktion zu

gefährden. Nach den Plänen soll das Land ein neues Rettungspaket über gut 100

Milliarden Euro erhalten.

Immerhin zwei Drittel der befragten Ökonomen erklärten, Deutschland solle sich

an einem solchen Hilfspaket für Athen beteiligen, 31 Prozent lehnten dies ab.

Als größte Volkswirtschaft innerhalb der EU „und auch angesichts der guten

wirtschaftlichen Situation“ könne sich Deutschland „faktisch gar nicht aus der

Hilfe ausklinken“, sagte etwa Prof. Xenia Matschke von der Uni Trier. Ähnlich

argumentierte Prof. Michael Bräuninger vom Hamburgischen

WeltWirtschaftsInstitut (HWWI). Ohne deutsche Beteiligung sei ein Rettungspaket

„nicht vorstellbar“, so Bräuninger.

Demgegenüber plädierten mehrere Experten dafür, die Notbremse zu ziehen und

damit auch die Zahlungsunfähigkeit Griechenlands in Kauf zu nehmen: „Besser ein

Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende“, sagte Prof. Walter Krämer von

der Uni Dortmund.

Wider besseren Wissens werde weiterhin „gutes und auch hart verdientes Geld

schlechtem nachgeschmissen“, kritisierte Prof. Thomas Gehrig von der Uni Wien.

Die EU scheine „beweisen zu wollen, dass sie durch die Geldpresse die Insolvenz

Griechenlands vermeiden könne. Dies sei in der Vergangenheit oft genug schief

gegangen und werde auch dies Mal „kaum in blühenden Landschaften enden“, sagte

Gehrig.

Neue Hilfen müssten nach Auffassung der Mehrheit der Volkswirte jedoch an klare

Vorgaben geknüpft sein. So sprachen sich immerhin 79 Prozent der Ökonomen für

eine Beteilung privater Investoren aus. Nur 13 Prozent halten davon nichts. Die

Beteiligung der Privaten habe „vorrangig, nicht nachrangig zu erfolgen. Ein

Kapitalismus, der die Erträge privatisiert und die Verluste sozialisiert, ist

ökonomisch und gesellschaftlich inakzeptabel“, mahnte Prof. Karlhans

Sauernheimer von der Uni Mainz.

Zudem hätten private Investoren gewusst, worauf sie sich einließen, erinnerte

Manfred Schweren von der Vermögensverwaltung Privalor. Anleihe-Renditen von 20

Prozent könnten „nicht risikolos sein“. Wer dann weiterhin investiert bleibe,

gebe „implizit sein Einverständnis, sich an der Rettung zu beteiligen“, sagte

Schweren.

Quelle: Thomas Schmidtutz