Ökonomen-BarometerGroße Sorgen um Griechenland
Deutschlands führende Volkswirte fordern die Beteiligung privater Gläubiger an Hellas-Hilfen - das Ökonomen-Barometer von n-tv und Euro am Sonntag bleibt auf hohem Niveau.
Deutschlands führende Ökonomen sehen die Konjunktur in Deutschland
weiter mit großer Zuversicht. Das geht aus dem aktuellen Ökonomen-Barometer des
Nachrichtensenders n-tv und Euro am Sonntag hervor. Danach sank die Bewertung
der gegenwärtigen Lage im Juni zwar leicht um 1,4 Prozent auf 75 Punkte, blieb
damit aber immer noch auf Rekordniveau. Der Erwartungswert, der die
Einschätzung der wirtschaftlichen Entwicklung auf Sicht von zwölf Monaten
widergibt, blieb gegenüber dem Vormonat mit 75 Punkten jedoch zuletzt praktisch
unverändert.
Die anhaltend hohen Werte spiegeln das gute wirtschaftliche Umfeld wider. Die
Auftragsbücher vieler Unternehmen sind prall gefüllt, die Zahl der Arbeitslosen
ist zuletzt erneut unter die Marke von drei Millionen gefallen. Angesichts der
Entwicklung hatten in den vergangenen Wochen zahlreiche
Wirtschaftsforschungsinstitute ihre Prognosen angehoben. So erwartet das
Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) für das laufende
Jahr nun ein Wachstum von 3,7 Prozent nach bislang 2,9 Prozent. 2012 dürfte der
Aufschwung zwar etwas an Schwung verlieren. Allerdings ist das erwartete Plus
von 2,3 Prozent immer noch sehr ansehnlich.
Mehrheit für Griechenland-Hilfe
Unterdessen sehen die Volkswirte die Entwicklung in Griechenland mit Sorge. Das
Land benötige weitere Hilfsmittel, um einen Kollaps von Wirtschaft und Banken
zu vermeiden und die Reformen wie geplant umzusetzen, warnte etwa
Postbank-Chefvolkswirt Marco Bargel mit Blick auf die aktuelle Entwicklung.
Nach dem wirtschaftlichen Absturz steckt das Land jetzt in einer schweren
Regierungskrise. Unter dem Druck der anhaltenden Massenprotesten will sich
Regierungsschef Giorgios Papandreou am Dienstag der Vertrauensfrage stellen.
Die Entwicklung droht nun auch noch, die mühsam erzielte Rettungsaktion zu
gefährden. Nach den Plänen soll das Land ein neues Rettungspaket über gut 100
Milliarden Euro erhalten.
Immerhin zwei Drittel der befragten Ökonomen erklärten, Deutschland solle sich
an einem solchen Hilfspaket für Athen beteiligen, 31 Prozent lehnten dies ab.
Als größte Volkswirtschaft innerhalb der EU „und auch angesichts der guten
wirtschaftlichen Situation“ könne sich Deutschland „faktisch gar nicht aus der
Hilfe ausklinken“, sagte etwa Prof. Xenia Matschke von der Uni Trier. Ähnlich
argumentierte Prof. Michael Bräuninger vom Hamburgischen
WeltWirtschaftsInstitut (HWWI). Ohne deutsche Beteiligung sei ein Rettungspaket
„nicht vorstellbar“, so Bräuninger.
Demgegenüber plädierten mehrere Experten dafür, die Notbremse zu ziehen und
damit auch die Zahlungsunfähigkeit Griechenlands in Kauf zu nehmen: „Besser ein
Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende“, sagte Prof. Walter Krämer von
der Uni Dortmund.
Wider besseren Wissens werde weiterhin „gutes und auch hart verdientes Geld
schlechtem nachgeschmissen“, kritisierte Prof. Thomas Gehrig von der Uni Wien.
Die EU scheine „beweisen zu wollen, dass sie durch die Geldpresse die Insolvenz
Griechenlands vermeiden könne. Dies sei in der Vergangenheit oft genug schief
gegangen und werde auch dies Mal „kaum in blühenden Landschaften enden“, sagte
Gehrig.
Neue Hilfen müssten nach Auffassung der Mehrheit der Volkswirte jedoch an klare
Vorgaben geknüpft sein. So sprachen sich immerhin 79 Prozent der Ökonomen für
eine Beteilung privater Investoren aus. Nur 13 Prozent halten davon nichts. Die
Beteiligung der Privaten habe „vorrangig, nicht nachrangig zu erfolgen. Ein
Kapitalismus, der die Erträge privatisiert und die Verluste sozialisiert, ist
ökonomisch und gesellschaftlich inakzeptabel“, mahnte Prof. Karlhans
Sauernheimer von der Uni Mainz.
Zudem hätten private Investoren gewusst, worauf sie sich einließen, erinnerte
Manfred Schweren von der Vermögensverwaltung Privalor. Anleihe-Renditen von 20
Prozent könnten „nicht risikolos sein“. Wer dann weiterhin investiert bleibe,
gebe „implizit sein Einverständnis, sich an der Rettung zu beteiligen“, sagte
Schweren.