Wirtschaft
Der Finanzstabilitätsbericht des IWF erscheint Ende September.
Der Finanzstabilitätsbericht des IWF erscheint Ende September.(Foto: picture alliance / dpa)

Zu viel Schwund durch Krisenbonds: IWF schürt Zweifel an Banken

Neuer Wirbel um Europas Banken: Der IWF stochert in möglichen Bilanzlöchern. Die Experten des Fonds kommen einem Zeitungsbericht zufolge zu dem Schluss, dass das Eigenkapital der Banken um 200 Milliarden Euro niedriger wäre, wenn sie ihre Anleihen aus den Krisenstaaten zu Marktpreisen bewerteten. Politiker und Bankenvertreter weisen dies zurück.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) sorgt mit einem Schreckenszenario über die Lage der europäischen Banken für Wirbel. Die Experten des IWF fürchten nach Informationen von Reuters und der "Financial Times", dass die europäische Schuldenkrise ein Loch von bis zu 200 Mrd. Euro in die Kapitaldecke der Institute reißt. Das ist allerdings ein Extremszenario: Es ergäbe sich, wenn die Banken alle Staatsanleihen aus den Euro-Schuldenstaaten auf den Marktwert abschreiben müssten.  

Die europäische Politik und die Banken selbst wollen davon aber nichts wissen. "Wir kennen diese Zahlen, aber wir glauben, dass der Bericht große methodische Schwächen aufweist", sagte ein nicht genannter Regierungsvertreter aus der Euro-Zone.            

Die vom Währungsfonds errechneten 200 Mrd. entsprächen zehn bis zwölf Prozent des Grundkapitals und der Gewinnrücklagen der europäischen Banken. Die Zahl steht EU-Kreisen zufolge im Entwurf des regelmäßig erscheinenden Finanzstabilitätsberichts des IWF, der Ende September erscheint. Dazu haben die Experten die Staatsanleihen von Griechenland, Portugal und Spanien, aber auch von Italien, Frankreich und Belgien in den Bankbüchern mit ihren Marktwerten angesetzt. Sie werden wegen der Verunsicherung vieler Investoren über die Zukunft des Euro unter dem Nennwert gehandelt, mit einem Ausfall rechnen Experten aber nicht.   

"Brutale Übung"         

"Abschreiben auf den Marktwert ist eine ziemlich brutale Übung", zitierte die "Financial Times" einen ungenannten IWF-Vertreter. "Aber das sind Schätzungen, die Hedgefonds derzeit anstellen." Das könne auch die dramatischen Aktienkursverluste europäischer Banken in den vergangenen Wochen erklären.          

Brauchen die Banken mehr Geld? IWF-Chefin Christine Lagarde meint Ja.
Brauchen die Banken mehr Geld? IWF-Chefin Christine Lagarde meint Ja.(Foto: dpa)

Die neue IWF-Chefin Christine Lagarde hatte schon mit ihrer Forderung nach Zwangs-Hilfen für die nach ihrer Ansicht unzureichend mit Kapital ausgestatteten Banken in Europa für Wirbel gesorgt. Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann lehnt das ab: Die Deutsche Bank sei besser mit Kapital versorgt denn je. Der Geschäftsführer des Bankenverbandes BdB, Michael Kemmer, kritisierte die IWF-Chefin in der Zeitung "Die Welt": "Man tut nicht gut daran, Aufgeregtheiten zu provozieren." Er räumte aber ein, dass die Staatsschuldenkrise zu weiteren Abschreibungen bei den Banken führen könnte. Die Landes- und Förderbanken brauchten kein zusätzliches Kapital, sagte ein Sprecher des Landesbanken-Verbandes VÖB.

Frankreichs Zentralbankchef Christian Noyer versteht die Welt nicht mehr.
Frankreichs Zentralbankchef Christian Noyer versteht die Welt nicht mehr.(Foto: REUTERS)

Der französische Notenbankchef Christian Noyer schüttelte den Kopf über seine Landsfrau: "Entweder sie wurde von ihren Mitarbeitern beim IWF falsch informiert - das ist möglich -, oder sie hat die französischen Banken nicht im Sinn gehabt", sagte er. Spaniens Finanzministerin Elena Salgado kritisierte die Schätzung als "verzerrt". Der IWF habe nur die möglichen Verluste untersucht und dabei ignoriert, dass etwa der Wert der Bundesanleihen gestiegen sei. Er habe sich schon 2009 getäuscht, als er seine Schätzungen für die Verluste der Banken durch die Finanzkrise um ein Viertel nach unten korrigieren musste.

Experten halten den Alarmruf der neuen IWF-Chefin für einen Versuch, sich als unabhängig zu profilieren. "Das zeigt, dass Lagarde die Europäer nicht mit Samthandschuhen anfasst", sagte Jacob Kirkegaard vom Peterson Institute for International Economics in Washington. Sie schone auch jene nicht, die ihre Wahl unterstützt hatten. "Gleichwohl gibt es wenig Grund zu der Annahme, dass die EU-Politiker dem Rat Lagardes folgen werden und Staatsgeld in die unterkapitalisierten Banken stecken werden", sagte Kirkegaard. Vielleicht bereuten sie das bald. 

"Kein Spaziergang"

Banken brauchen ohnehin in den nächsten Jahren mehr Kapital, um die verschärften Anforderungen der Regulierer ("Basel III") zu erfüllen. Sie hoffen, dies ohne große Kapitalerhöhungen durch die Einbehaltung von Gewinnen und den Abbau von Risiken zu schaffen. "Es gibt keine deutsche Großbank, für die der Weg zu Basel III ein Spaziergang wäre", räumte DZ-Bank-Chef Wolfgang Kirsch ein.        

Experten kritisieren jedoch, dass Basel III falsche Anreize setze: Staatsanleihen gelten dort als risikolos und müssen nicht mit Kapital unterlegt werden, so dass Banken sie Firmenanleihen vorzögen. Zudem sollen die Institute den größten Teil ihrer Liquidität in Staatspapieren halten. Die Banken ersparten sich damit ein angemessenes Kapitalpolster, und die Staaten müssten nichts gegen ihre hohe Verschuldung unternehmen, sagte der Wirtschafts-Nobelpreisträger von 2007, Roger Myerson, Reuters.

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Quelle: n-tv.de

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