Ökonomen-BarometerKonjunkturklima bremst Talfahrt
Deutschlands führende Volkswirte sehen die konjunkturelle Entwicklung in den kommenden Monaten mit nahezu unverändert hoher Skepsis. Das geht aus dem Ökonomen-Barometer Oktober von Euro am Sonntag und dem Nachrichtensender n-tv hervor.
Die Skepsis unter Deutschlands Volkswirten zu den heimischen Wachstumsperspektiven hält an, der steile Einbruch ist jedoch zunächst gestoppt. Die Einschätzung der aktuellen Lage des jüngsten Ökonomen-Barometers sank um
2,4 Prozent auf 60,4 Punkte. Der Wert für die Erwartungen gab um zwei Prozent auf 46,8 Punkte
nach.
Alleine zwischen Februar und September war
der Wert für die erwartete wirtschaftliche Entwicklung auf Sicht von zwölf Monaten
um insgesamt 41 Prozent eingebrochen. Die jüngste Verschnaufpause könnte darauf
hindeuten, dass die Ökonomen für das kommende Jahr zwar mit einer abrupten konjunkturellen
Abkühlung rechnen, jedoch nicht mit einer Rezession.
Ähnlich hatten sich auch führende
Wirtschaftsinstitute in ihrem Herbstgutachten geäußert. Danach rechnen sie für das
kommende Jahr nun nur noch mit einem Wirtschaftswachstum von 0,8 Prozent nach 2,0
Prozent zuvor. Dies dürfte den Steuersenkungsspielraum der Bundesregierung deutlich
einschränken. Für 2011 prognostizieren die Experten nun ein Plus von 2,9 Prozent
nach zuletzt 2,8 Prozent. Die Schulden- und Vertrauenskrise in Europa belaste "zunehmend
die deutsche Konjunktur", sagte der Konjunkturchef des Rheinisch-Westfälischen
Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), Roland Döhrn.
Griechenland-Pleite wohl unabwendbar
Für Vorsicht unter Volkswirten sorgt weiterhin
die Entwicklung in Griechenland. Eine Pleite gilt unter Ökonomen inzwischen als
nahezu unabwendbar. Zwar sehen die befragten Experten die Wahrscheinlichkeit, dass
das Land bis Jahresende seine Verpflichtungen bedienen kann, bei 52 Prozent. Auf
Sicht von sechs Monaten sinkt der Wert jedoch auf 40 Prozent. Binnen Jahresfrist
erwarten gar nur noch 29 Prozent der Volkswirte, dass Athen seine Schulden pünktlich
bedienen kann. "Die Eurogruppe habe sich politisch derart festgelegt, dass
genügend Geld für die nächsten drei Monate verfügbar gemacht werden kann",
sagte Prof. Karlhans Sauernheimer von der Uni Mainz. Aber der kommende Konjunktureinbruch
werde die "schöngefärbten Prognosen für die wirtschaftliche Entwicklung in
Griechenland unerfüllbar machen". Ähnlich äußerte sich Prof. Friedrich Heinemann
vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung Mannheim (ZEW): Ein Zahlungsausfall
sei derzeit nicht ausreichend vorbereitet. Insofern würden "alle Beteiligten
alles tun, um ihn kurzfristig noch zu vermeiden". In einem halben Jahr werde
ein Default Griechenlands jedoch "wahrscheinlicher, weil sich viele Akteure
derzeit auf diesen Fall vorbereiten", sagte Heinemann.
Auf Jahressicht ist die Mehrheit der Ökonomen
ohnehin sehr skeptisch. Ein Zahlungsausfall in den kommenden zwölf Monaten sei nur
dann zu vermeiden, wenn "sich herausstellen würde, dass der gesamte Pelopponnes
aus Gold oder Platin bestünde", erklärte etwa Prof. Volker Caspari von der
TU Darmstadt.
Unterdessen gibt es unter den Experten eine
klare Mehrheit für eine stärkere Beteiligung des privaten Sektors an einem möglichen
zweiten Rettungspakte für Griechenland. Immerhin 78 Prozent der befragten Experten
erklärte, eine höhere Beteiligung des privaten Sektors sei richtig, 18 Prozent halten
das für den falschen Weg.
Beim Euro-Gipfel Ende Juli hatten sich die
Mitgliedsstaaten auf eine freiwillige Verlängerung der Laufzeiten für griechische
Anleihen geeinigt. Durch diesen Tausch in längerlaufende Bonds müssen die Banken
eine Wertberichtigung von 21 Prozent hinnehmen. Allerdings hat sich die Lage in
Griechenland seither weiter zugespitzt. Angesichts dessen werden inzwischen in Brüssel
Pläne diskutiert, den Banken Wertberichtigungen von 30 bis 50 Prozent abzufordern.
Einen solchen Schritt halten viele Ökonomen
ordnungsplitisch für geboten. Wer die höheren Zinsen wolle, müsse "auch das
höhere Risiko tragen", sagte etwa Prof. Horst M. Schellhaaß von der Uni Köln.
Allerdings forderten zahlreiche Ökonomen, die Folgen zu bedenken. Viele europäische
Banken seien unterkapitalisiert, sagte etwa Prof. Horst Löchel von der Frankfurt
School of Finance & Management. Zur Aufrechterhaltung der Stabilität des Bankensektores
sei eine Rekapitalisierung gefährdeter Banken daher nötig, erklärte auch Prof. Tim
Krieger von der Uni Marburg. Entsprechende Pläne treibt auch die EU voran. Die Banken
laufen dagegen Sturm.