Wirtschaft
Wer heute zu spät kommt, hat eine wenig originelle Ausrede: Für vier Tage will die GDL den deutschen Bahnverkehr lahmlegen.
Wer heute zu spät kommt, hat eine wenig originelle Ausrede: Für vier Tage will die GDL den deutschen Bahnverkehr lahmlegen.(Foto: picture alliance / dpa)

98 Stunden weitgehender Stillstand: Lokführer beginnen historischen Streik

Wenige Stunden vor Beginn des Berufsverkehrs treten die Lokführer bundesweit in den Ausstand. Es soll der längste Streik der Bahn-Geschichte werden. Betroffen sind Fern-, Regional- und S-Bahnen.

Der längste Streik in der Geschichte der Deutschen Bahn hat begonnen: Die Lokführer der Gewerkschaft GDL traten in der Nacht wie angekündigt in den Streik. Diesmal ist der Ausstand auf vier Tage angesetzt. Millionen Reisende und Pendler in ganz Deutschland müssen sich damit bis Montagmorgen nach Alternativen umsehen. Die Arbeitsniederlegungen im Personenverkehr begannen zwei Stunden nach Mitternacht.

"Betroffen ist von Betriebsbeginn am frühen Morgen an der Fern-, Regional- und S-Bahn-Verkehr", warnte eine Bahn-Sprecherin. Der Streik soll nach Angaben der GDL erst am 10. November morgens um 4.00 Uhr enden. Im Güterverkehr hatte der Ausstand bereits am Mittwochnachmittag begonnen. Auch dieser Streik soll diesmal erst in der Nacht zum Montag enden.

Mit der Ausweitung des Lokführer-Streiks auf den Personenverkehr gibt es auch erhebliche Einschränkungen im S-Bahn- und Regionalbahnverkehr in Berlin und Brandenburg. Die S-Bahn bedient ein knappes Drittel ihres Netzes, die Regionalbahnen nach Angaben der Deutschen Bahn etwa ein Fünftel. Da es immer wieder Abweichungen von den Notfahrplänen geben könne, bittet die Bahn ihre Fahrgäste, sich jeweils vor Fahrtantritt über ihre Reiseverbindungen zu erkundigen.

Die Bahn rief Reisende dazu auf, sich im Internet, vor Ort oder telefonisch über die Ersatzfahrpläne zu informieren. Die besonders stark nachgefragten Verbindungen können demnach trotz des Streiks "im Kernnetz angeboten werden", hieß es. Zusätzlich veröffentlichte die Deutsche Bahn einen kurzfristig zusammengestellten Notfahrplan.

Der Konzern will eigenen Angaben zufolge versuchen, mindestens ein Drittel des Zugverkehrs aufrecht zu erhalten. In den kommenden Tagen will die Bahn jeweils 24 Stunden im Voraus jene Züge aufzulisten, die auf jeden Fall auch während des GDL-Streiks verkehren sollen.

Logistischer Alptraum: "Trotz Streiks können weiter die aufkommensstärksten
Verbindungen im Kernnetz angeboten werden."
Logistischer Alptraum: "Trotz Streiks können weiter die aufkommensstärksten Verbindungen im Kernnetz angeboten werden."(Foto: DB Fernverkehr AG)
Politik appelliert

Die GDL fordert für die Beschäftigten mehr Geld, eine kürzere Arbeitszeit und will das gesamte Zugpersonal bei Verhandlungen vertreten. Mitte der Woche war wenige Stunden vor Streikbeginn ein letzter Versuch gescheitert, doch noch eine Einigung zu erzielen.

GDL-Chef Claus Weselsky wies den Vorschlag der Bahn zurück, eine Schlichtung aufzunehmen. In einem ungewöhnlichen Schritt rieten Bundeskanzlerin Angela Merkel, Wirtschaftsminister Gabriel und Verkehrsminister Alexander Dobrindt der GDL daraufhin, ein solches Schlichtungsverfahren doch noch anzunehmen.

Die Bundesregierung hält sich mit Blick auf die Tarifautonomie eigentlich generell aus Verhandlungen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgeberseite heraus. Führende Unionspolitiker riefen die Arbeitsministerin Andrea Nahles dazu auf, Streiks wie den der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer per Gesetz zu verhindern. "Jetzt muss Frau Nahles einen vernünftigen Gesetzentwurf vorlegen", sagte der stellvertretende Unionsfraktionschef Michael Fuchs n-tv.de mit Blick auf das von Nahles geplante Gesetz zur Tarifeinheit.

Ausgerechnet zum Mauer-Jubiläum

Der jüngste Streikaufruf hatte der GDL scharfe Kritik von Seiten der Politik, der Wirtschaft und von Verbänden eingebracht. Die CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt nannte die Gewerkschaft vor diesem Hintergrund "geschichtsvergessen", weil der Streik auch am 9. November noch andauern soll. Die GDL beeinträchtige damit "massiv die Feier zu 25 Jahren Mauerfall in Berlin" am kommenden Sonntag, wie sie im Gespräch mit der Zeitung "Welt" beklagte. Das hohe Gut des Streikrechts dürfe nicht missbraucht werden, warnte sie.

Im Konflikt zwischen der Bahn und der GDL geht es nur vordergründig um die Gewerkschaftsforderung von fünf Prozent mehr Lohn bei kürzeren Arbeitszeiten. Weit umstrittener ist, dass die GDL dies nicht allein für die 20.000 Lokführer verlangt, sondern auch für rund 17.000 Zugbegleiter und Rangierführer.

Die Vertretung dieser Gruppe beansprucht die größere Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) für sich. Die Bahn lehnt konkurrierende Gehaltsabschlüsse ab. Im Gespräch mit n-tv.de kritisierte EVG-Chef Alexander Kirchner das Vorgehen Weselskys als populistisch. "Wir würden es begrüßen, wenn die Kollegen, die streiken, den Reisenden Rede und Antwort stehen - und sich der Unmut nicht gegenüber den Kollegen äußert, die nicht streiken."

Quelle: n-tv.de

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