Wirtschaft
Star-Ökonom Nouriel Roubini legt sich wieder ins Zeug. Hier im August 2014 bei einer Podiumsdiskussion von IWF und Weltbank in Washington.
Star-Ökonom Nouriel Roubini legt sich wieder ins Zeug. Hier im August 2014 bei einer Podiumsdiskussion von IWF und Weltbank in Washington.(Foto: REUTERS)

Die größten ökonomischen Risiken: Roubini sieht fünf Mal schwarz

Von Diana Dittmer

Während Europa fast gelassen einen möglichen Euro-Austritt Griechenlands diskutiert, warnt Dr. Doom alias Nouriel Roubini vor dem "perfekten ökonomischen Sturm". Ein Euro-Crash zählt für ihn zu den größten Gefahren für die Weltwirtschaft.

Nouriel Roubini ist der ewige Schwarzmaler unter den Ökonomen. Doch er ist auch der Mann, der einen guten Riecher bewiesen hat: 2004 warnte er vor der amerikanischen Immobilienblase - vier Jahre später platzte sie mit einem lauten Knall. Jetzt hebt er wieder den Zeigefinger. Auf seiner Website "Roubini's Edge" zählt der Professor von der New York University die aus seiner Sicht fünf größten ökonomischen Gefahren für die Weltwirtschaft auf. Zusammengenommen könnten sie seiner Auffassung nach den ökonomischen Gau in Form einer globalen Rezession auslösen.

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Zu den größten ökonomischen Risiken unserer Zeit zählt für den Wirtschaftsexperten das Wiederaufflammen der Eurokrise. Obwohl nicht nur die Bundesregierung inzwischen eine große Gelassenheit an den Tag legt, was den Zusammenhalt der Währungsgemeinschaft angeht, zeigt sich doch gerade jetzt wieder, wie groß die Unsicherheiten sind. Kurz vor den Neuwahlen in Griechenland scheint ein sogenannter Grexit nach Jahren der Ruhe plötzlich wieder eine durchaus eine realistische Option. Aber nicht nur die ungelösten Probleme Griechenlands bergen Sprengkraft in Europa.

1. Risiko Euro-Crash

Dabei verliefen die beiden Jahre 2013 und 2014 dank der Interventionen der EZB in Europa vergleichsweise ruhig. Die Wogen der Eurokrise schienen geglättet. Allen Anstrengungen der Zentralbank zum Trotz geistern aber immer noch Rezessions- und Deflationsgespenster über den Kontinent. Und der europäischen Zentralbank bleiben bei dem historisch niedrigen Leitzins von 0,05 Prozent nicht mehr viele Möglichkeiten, die Inflationsraten nach oben zu treiben. Für Roubini birgt das Nein vor allem der deutschen Entscheidungsträger gegen ein "Quantitative Easing" - also der exzessive Aufkauf von Anleihen durch die EZB nach US-Vorbild - deshalb eine große Gefahr. Seiner Auffassung nach steuert der Kontinent auf eine "Triple-dip"-Rezession zu.

Schuld hat daran vor allem die zweitgrößte Volkswirtschaft Europas, Frankreich. Die Wirtschaft im Nachbarland Deutschlands kommt nicht auf Touren. Auch an anderen Stellen knirscht es im europäischen Getriebe: Die Sparmaßnahmen in Krisenländern wie Griechenland, Italien oder Spanien fordern ihren Tribut und sind Wasser auf den Mühlen der Eurokritiker. Trotz aller Sparanstrengungen kommen die Länder kaum von ihren Schuldenbergen runter, was anti-europäische Bestrebungen nährt.

Sollte die Verschuldung der Krisenländer Portugal, Italien, Griechenland und Spanien aus dem Ruder laufen und diese Staaten nicht mehr in der Lage sein, ihre Schulden zu bedienen - zum Beispiel als Folge einer Deflation -, wäre das aus Sicht von Roubini das Ende des Euro.

2. "Abenomics" könnte ein Rohrkrepierer werden

Eine weitere Gefahr sieht Roubini in Japan. Das durch jahrzehntelange Deflation gebeutelte Land ist allen Anstrengungen der drortigen Notenbank zum Trotz nicht über den Berg. Das als "Abenomics" bekannt gewordene Programm zur Stimulierung der Wirtschaft könnte nach hinten loszugehen. Das liegt daran, dass die 30-prozentige Abwertung der Landeswährung Yen gegenüber dem Dollar innerhalb von zwei Jahren nicht nur positive Wirkungen hat. Sie kurbelt nicht nur die Exporte an. Sie hat auch zur Folge, dass die Einkäufe für die Konsumenten teurer werden, weil die Preise für importierte Güter wie Öl und Gas steigen. Damit besteht das Risiko, dass die Konsumenten, die Premier Shinzo Abe mit seinem Programm locken wollte, sich wieder zurückziehen. Das gleiche könnte für japanische Firmen gelten.

Mit dem schwachen Yen wird die Deflation exportiert. Roubini befürchtet, dass die Milliarden, die die Regierung in die Wirtschaft pumpt, nur kurz für Erleichterung sorgen werden und stattdessen eine neue Runde im Währungskrieg losbricht. Seiner Ansicht nach droht konjunkturell ein weiteres verlorenes Jahrzehnt. Der Ökonom schätzt, dass sich das Scheitern der Abenomics in drei bis fünf Jahren manifestieren dürfte.

3. Konjunkturlokomotive China säuft ab

Peking hat mit vielen Problemen zu kämpfen: Chinas Immobilien-Blase ist vielleicht geplatzt, aber die Gefahr einer harten Landung der nach den USA weltweit größten Volkswirtschaft bleibt. Die Konjunkturdaten im Dezember 2014 sind die schwächsten des ganzen Jahres, das angepeilte Wachstum für das Gesamtjahr wackelt. Roubini prognostiziert, dass Chinas Wachstum 2016 auf 5,5 Prozent schrumpfen wird. 2015 wird die Wirtschaft nach seiner Prognose noch um sechs Prozent wachsen. Negative Auswirkungen auf die Aktienmärkte in Asien und anderen Wachstumsregionen sind programmiert.

4. Notenbank-Interventionen mildern geopolitische Risiken

Die größte Überraschung im vergangenen Jahr war aus Sicht Roubinis, dass die Finanzmärkte die geopolitischen Krisen in der Ukraine und im Nahen Osten nahezu ignoriert haben. Auch das birgt Risiken: Denn der Grund dafür liegt allein bei den Notenbanken, die die Märkte massiv mit Geld stützen. Die Frage ist, was passiert, wenn der Geldregen versiegt. Genau das deutet sich in den USA und Großbritannien an.

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Nach Ansicht des Krisen-Experten sind die ökonomischen Gefahren derzeit größer als die finanziellen. Roubini geht davon aus, dass die Sanktionen gegen Russland und der fallende Ölpreis das flächenmäßig größte Land der Erde in eine Rezession stürzen und Russland zum Einlenken zwingen könnten.

Zu den weiteren geopolitischen Pulverfässern, die Roubini aufzählt, gehören die Ebola-Epedemie und die weltweiten Cyberattaken, die in der Wirtschaft immer größere Schäden anrichten. Beispiele dafür waren im vergangenen Jahr die Datenklaus bei Apple und Sony.

5. Dollar-Schock für Schwellenländer

Wenn die US-Notenbank Fed den Geldhahn zudreht, fehlt nicht nur das Schmiermittel für den amerikanischen Finanzmarkt. Im vergangenen Jahr konnte man bereits sehen, wie sehr Schwellenländer von der Politik der Währungshüter in den USA abhängen. Als die Fed ihr Anleiheprogramm einstampfte, gerieten viele Staaten in Bedrängnis.

Dollar-Investoren zogen ihr Geld ab, um es wieder in den Vereinigten Staaten zu investieren, wo mit dem Ausstieg der Fed aus dem Anleihe-Kaufprogramm auch die Zinsen wieder stiegen. Höhere Zinsen ziehen Kapital aus dem Ausland an, der Dollar steigt. Das macht nicht nur dem russischen Rubel zu schaffen. Was ein gutes Zeichen für die amerikanische Wirtshaft ist, wird zum Stolperstein für die BRICS-Staaten, ebenso für Mexiko oder Indonesien. Zuversichtlich ist Roubini nur für Indien.

Ob es letztlich zum Knall kommt, ob das globale Finanzsystem auf den "perfekten Sturm" zusteuert, der mit der Finanzkrise nicht zu vergleichen sein wird, so wie ihn Roubini seit Jahren weissagt, kann kaum jemand vorhersagen. Letztlich auch Roubini nicht. Was zählt, ist die Warnung, Vorsicht walten zu lassen und sich nicht von der weltweiten Börsen-Rally einlullen zu lassen.

Der Crash-Prophet versucht, das große Bild im Blick zu behalten. Zwei Erkenntnisse zieht er daraus. Zum einen: Industrie- und Schwellenländer sind sehr eng miteinander verknüpft. Zum anderen: Nachdem die Konjunktur in Europa, Japan und China bereits stottern, steht und fällt das Wachstum der Weltwirtschaft mit der Stärke der USA. Doch auch da lauern Risiken. Investoren sollten deshalb ihre Risiken mindern und so ihr Vermögen schützen.

Quelle: n-tv.de

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