Wirtschaft
Bei der Griechenland-Pleite rollen Milliardensummen auf Deutschland zu, die sich nicht mit Bilanztricks vertuschen lassen.
Bei der Griechenland-Pleite rollen Milliardensummen auf Deutschland zu, die sich nicht mit Bilanztricks vertuschen lassen.(Foto: picture alliance / dpa)

Die Kosten der Pleite: So treffen Athens Verluste Deutschland

Von Hannes Vogel

Ein Euro-Austritt Athens wird immer wahrscheinlicher, auch viele Deutsche wollen den "Grexit". Doch die Griechenland-Pleite wird Deutschland Milliarden kosten. Die Ausfälle lassen sich kaum vertuschen. Sie treffen direkt den Steuerzahler.

Knapp die Hälfte der Deutschen ist laut dem aktuellen ZDF-Politbarometer dafür, dass Griechenland die Eurozone verlässt. Inzwischen hat offenbar sogar die EU-Kommission die Hoffnung aufgegeben. Die Pleite naht - und mit ihr womöglich Athens Euro-Austritt ("Grexit"). Auf den deutschen Steuerzahler rollen Milliardensummen zu - über die staatliche Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), den Euro-Rettungsschirm EFSF und die Europäische Zentralbank (EZB). Mit Bilanztricks lassen sich diese Summen nicht mehr aus der Welt schaffen. Allein die Notenbank kann ihre Verluste vertuschen. Hier die Antworten auf die drei wichtigsten Fragen rund um die Staatspleite.

Was kostet die Pleite Deutschland?

Das kommt drauf an, wie sie abläuft: Erklärt Griechenland einseitig den Zahlungsstopp? Verlässt das Land gar den Euro-Raum? Dann wären die Hilfsmilliarden wohl komplett futsch. Bleibt Athen in der Währungsunion und handelt mit den Euro-Ländern einen Schuldenschnitt aus? Dann würden Deutschland und die Euro-Länder wohl wenigstens etwas von ihrem Geld wiedersehen. Vom Teilverlust bis zum Totalverlust ist alles drin.

Schlimmstenfalls geht es für Deutschland laut Ifo-Institut um rund 87 Milliarden Euro. Darin enthalten sind unter anderem die ausstehenden Kredite aus dem ersten Hilfspaket (15,2 Mrd. Euro) und der zweiten Griechenland-Hilfe (38,1 Mrd. Euro), den IWF-Anteilen aus beiden Paketen (1,2 Mrd. Euro) sowie Verluste der Europäischen Zentralbank (EZB) aus Anleihen-Käufen (4,7 Mrd. Euro) und dem Euro-Zahlungsverrechnungssystem Target (25,4 Mrd. Euro).

Ob die Target-Salden wirklich eingerechnet werden sollten, ist umstritten. Die Verluste bei der EZB werden wohl kaum auftreten. Historisch betrachtet liegt der Verlust bei Staatspleiten laut verschiedenen Studien von Rating-Agenturen zwischen 40 und 50 Prozent. Realistisch gesehen kämen auf den deutschen Staat also wohl Verluste zwischen 29 Milliarden Euro (Schuldenerlass von 50 Prozent) und 58 Milliarden Euro (Totalverlust) zu. Das entspricht 10 bis 20 Prozent des aktuellen Bundeshaushalts (299 Mrd. Euro).

Wie treffen die Ausfälle Deutschland?

Über die EZB: Die Zentralbanker haben Anleihen von Griechenland und anderen Schuldenstaaten gekauft, um die Märkte zu beruhigen. Im Juli und August werden 6,7 Milliarden Euro fällig. Athen hat dafür aber kein Geld mehr. Insgesamt hält die EZB noch Griechen-Anleihen für rund 20 Milliarden Euro. Sie laufen durchschnittlich noch dreieinhalb Jahre. Fallen die Papiere aus, müsste die EZB die Verluste schlucken. Deutschland ist an der EZB - und damit ihren Verlusten - mit rund 26 Prozent beteiligt.

In Wahrheit dürften die Ausfälle die Zentralbank aber kaum kratzen. Denn erstens kann sie unbegrenzt Geld drucken und Verluste damit verrechnen: Zurzeit hat sie Kapital und Reserven von über 96 Milliarden Euro. Und zweitens kann sie einfach so tun, als gäbe es gar keine Ausfälle in Athen. Denn die EZB orientiert sich zwar an den Bilanzregeln für normale Banken, stellt aber ihre eigenen Rechnungsvorschriften auf.

Anders als jede normale Bank kann sie deshalb einfach die Augen vor der Wirklichkeit verschließen: Schon heute bilanziert sie die Griechen-Papiere zu Anschaffungskosten statt zum Marktwert. Bei einer Pleite könnte sie einfach behaupten, dass Athen schon irgendwann bezahlt, auch wenn die Verluste längst angefallen sind.

Über die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW): Anders sieht es bei der staatlichen Förderbank aus, über die das erste Griechenland-Hilfspaket lief. Sie hat Athen auf Anweisung des Kanzleramts Kredite von 15,2 Milliarden Euro überwiesen. Deshalb haftet der Bund dafür voll. Verluste reicht die KfW an die Bundesregierung weiter. Sie müsste die Ausfälle mit Steuergeld bezahlen. Tut sie es nicht, setzt sie die Förderbank aufs Spiel, die den deutschen Mittelstand mit Milliarden finanziert und eng mit anderen Banken verwoben ist. Das ist nicht wirklich eine Option.

Über den EFSF: Auch die Ausfälle aus dem zweiten Griechenland-Hilfspaket, das über den Euro-Rettungsschirm EFSF abgewickelt wurde, werden den Steuerzahler voll treffen. Der EFSF hat sich am Finanzmarkt Geld geliehen und an Athen weitergereicht. Für diese Kredite bürgt Deutschland gemeinsam mit den anderen Euro-Ländern mit einer unwiderruflichen Garantie. Zahlt Griechenland nicht mehr, müssen Berlin, Paris und Rom anstelle von Athen Steuergeld an den EFSF überweisen. Falls sich einige Länder weigern, für Griechenland zu zahlen, müssten die anderen deren Anteil zusätzlich schultern. Auch Deutschland könnte seine Zahlungspflichten so auf die restlichen Euro-Länder abwälzen. Aber auch das ist reine Theorie: ein Schock am Finanzmarkt und Rückkehr der Euro-Krise wären die Folge, die der EFSF ja gerade verhindern soll. Die wirkliche Gretchenfrage ist aber eine andere.

Was ist besser: Pleite mit oder ohne Euro?

Kurzfristig ist der Rausschmiss die schlechtere Lösung. Denn wenn Griechenland den Euro-Raum verlässt, kann sich Deutschland die Rückzahlung seiner Kredite erst recht abschminken. Die neue griechische Währung würde massiv abwerten, die Schulden müssten aber trotzdem in der "Auslandswährung" Euro zurückgezahlt werden. Das macht sie noch größer als zuvor. Zahlen müsste Deutschland trotzdem weiter für Griechenland. Denn Athen wäre weiter EU-Mitglied und hätte Anspruch auf Strukturhilfen. Wer sonst wenn nicht Europa sollte die Verelendung der griechischen Bevölkerung verhindern?

Selbst das Ifo-Institut glaubt inzwischen, dass eine Pleite Griechenlands außerhalb des Euro für Deutschland etwa 500 Millionen Euro teurer wäre als eine Pleite im Euroraum. Im Januar hatte es noch genau das Gegenteil errechnet. Auf die kurzfristigen Kosten kommt es also nicht wirklich an. Entscheidend sind die langfristigen Folgen. Wie stark gehen die deutschen Exporte nach Griechenland zurück? Werden andere Länder Athen folgen? Zerbricht deshalb der Euro? Diese Fragen kann niemand eindeutig beantworten.

Genauso wenig wie diese: Falls man Griechenland eine Pleite im Euro-Raum erlaubt, werden dann nicht auch andere Länder einen Schuldenerlass in der Währungsunion verlangen? Wird der Euro zur Weichwährung? Deswegen sperrt sich Deutschland so vehement gegen die griechische Staatspleite. Womöglich wäre es kurzfristig einfacher, Griechenland noch einmal 20 oder 30 Milliarden Euro zu geben, damit die Syriza-Regierung eine letzte Chance bekommt, endlich echte Reformen anzupacken. Dann ist aber wohl endgültig Schluss.

Quelle: n-tv.de

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