Wirtschaft
Finanzminister Wolfgang Schäuble (li.) und sein griechischer Kollege Yanis Varoufakis bewegen sich im Schulden-Streit keinen Millimeter.
Finanzminister Wolfgang Schäuble (li.) und sein griechischer Kollege Yanis Varoufakis bewegen sich im Schulden-Streit keinen Millimeter.(Foto: picture alliance / dpa)

Schäuble trifft Varoufakis: Spar-General zermürbt Griechen-Granit

Von Hannes Vogel

Wolfgang Schäuble versucht Griechenlands Finanzminister Yanis Varoufakis im Schuldenstreit mit Aussitzen weichzukochen. Denn wenn die Griechen nicht einlenken, können sie die Pleite höchstens noch ein paar Wochen hinauszögern.

Wolfgang Schäuble sitzt vor einem Meer aus Kameras und Reportern. Mit ernster Miene referiert der deutsche Finanzminister minutenlang über europäische Integration, den schweren Weg, den die Griechen zurückgelegt hätten, den Respekt, den man deshalb vor den Menschen in Griechenland nicht verlieren dürfe. Der Tonfall ist höflich. In der Sache bleibt Schäuble knüppelhart: "Wir sind uns einig, dass wir uns uneinig sind".

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Doch Griechenlands neuer Finanzminister Yanis Varoufakis will nicht über die goldene Brücke gehen, die ihm Schäuble gebaut hat. "Wir haben uns nicht einmal geeinigt, dass wir uns uneinig sind. Wir haben auch nicht über einen Schuldenschnitt gesprochen, sondern entschieden in Verhandlungen zu treten, die diese Krise beenden sollen", widerspricht Varoufakis. "Es ist Zeit einen Strich zu ziehen". Er sei gewählt worden, damit "meine Mitbürger wieder in Würde leben können". Die Sparwächter der Troika hat Varoufakis schon vom Hof gejagt. Nun setzt er den Widerstand gegen die Sparpolitik in Berlin fort, wenn auch diplomatischer.

Schäuble und Varoufakis sind die Gegenpole der Euro-Krise. Nach ihrem ersten Showdown ist klar: Die Fronten sind verhärteter als je zuvor. Keiner bewegt sich auch nur ein Jota. Eine Einigung ist nicht in Sicht. Deshalb setzt Schäuble auf eine altbekannte Taktik: Aussitzen. Der deutsche Spar-General versucht den Griechen-Granit mürbe zu machen. Er lässt Varoufakis auflaufen. Ende Februar endet das Hilfspaket der EU, die Zeit arbeitet im Schulden-Streit gegen die Griechen. Wenn sie nicht einlenken, können sie die Staatspleite bestenfalls noch ein paar Wochen hinauszögern.

Kniefall vor dem Spar-General

Auch äußerlich sind Schäuble und Varoufakis Antipoden. Hier der deutsche Finanzminister: lila Krawatte, krause Stirn, mürrisches Gesicht. Dort der griechische Rockstar-Ökonom: blaues Hemd, aufgeknöpft, sicheres Lächeln. Sie wechseln viele freundliche Worte. Varoufakis appelliert, dass die Griechen Deutschland an ihrer Seite bräuchten, das "Land von Goethe, Kant und Hegel" eine Inspiration sei. Schäuble betont das "breite gemeinsame Grundverständnis".

Doch seine Forderungen sind unmissverständlich. Schäuble erwartet, dass die neue griechische Linksregierung von Alexis Tsipras ihre Wahlversprechen bricht. Ein Schuldenschnitt steht nicht zur Debatte. Er pocht auf die Fortsetzung der Sparpolitik, die Entlassung von Beamten, die Privatisierung von Staatsfirmen. Der deutsche Finanzminister will nichts Geringeres als einen Kniefall von Varoufakis. Dann können wir über Bedingungen reden, lautet freundlich verpackt seine Botschaft.

Varoufakis Ablehnung ist physisch spürbar. Schäubles Angebot ist für ihn schlicht unannehmbar. Es wäre politischer Selbstmord, weil er seinen Wählern das Gegenteil versprochen hat. Deswegen bittet Griechenlands Finanzminister Schäuble um "das wertvollste aller Güter": Zeit. Varoufakis will ein Überbrückungsprogramm bis Ende Mai, damit die Griechen einen Fahrplan für die grundsätzliche Lösung der Krise vorlegen können.

Verlängerung für Athen?

Doch Zeit ist genau das, was Griechenland noch weniger hat als Geld. Der Druck steigt massiv. EU-Parlamentspräsident Martin Schulz hat die Griechen bereits vor der Staatspleite gewarnt. Tsipras habe "keine Wahl", als die vereinbarten Sparauflagen zu erfüllen, sagte Schulz. Nur so seien auch Zugeständnisse an Athen möglich.

Auch die Europäische Zentralbank (EZB) hat der Tsipras-Regierung die Pistole auf die Brust gesetzt. Ab kommendem Mittwoch akzeptiert die Notenbank keine griechischen Anleihen mehr als Sicherheiten. Griechenlands Banken geraten nun ins Wanken: Sie haben außer den Staatsanleihen Athens kaum etwas, was sie bei der EZB im Tausch für neue Kredite hinterlegen können. Die Papiere kommen eigentlich schon längst nicht mehr als Sicherheiten infrage, weil sie nur noch Ramsch sind. Solange Athen die Sparauflagen befolgte, machten die Notenbanker aber eine Ausnahme.

Doch weil die Tsipras-Regierung offen gegen den Sparkurs rebelliert, haben die Währungshüter Griechenlands Geldzufuhr nun faktisch auf Notfallversorgung umgestellt: nur die griechische Zentralbank hält die Geldhäuser an der Akropolis nun noch über Liquiditätshilfen am Leben. Eine Pleite droht ihnen zwar erstmal nicht. Doch die Börsen in Athen, Rom und Madrid zittern schon. Keiner weiß, wie lange diese letzte Sicherheitsverbindung hält. Wenn sie reißt, bliebe Griechenland kaum eine Wahl, als eigenes Geld zu drucken und den Euro zu verlassen. Allzu viele Gelegenheiten für weitere Treffen werden Schäuble und Varoufakis bis dahin womöglich nicht mehr haben.

Quelle: n-tv.de

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