Deutschland reißt DefizitlatteWirtschaft bricht 5,0 Prozent ein
Die Bilanz für das vergangene Jahr fällt düster aus: Die deutsche Wirtschaft erleidet den stärksten Einbruch der Nachkriegszeit. Die noch junge Erholung ist bereits wieder ins Stocken geraten. Und die Verschuldungskriterien der EU werden auch nicht eingehalten.
Das BIP schrumpft nach einer ersten Schätzung des Statistische Bundesamts um 5,0 Prozent im Vergleich zu 2008. Experten hatten beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) lediglich mit einem Minus von 4,8 Prozent gerechnet. 2008 war die Wirtschaft noch um 1,3 Prozent gewachsen, 2007 sogar um 2,5 Prozent.
Grund für die schwere Rezession war der Einbruch bei Exporten und Investitionen. Die Ausfuhren brachen um 14,7 Prozent ein, während die Unternehmen 20,0 Prozent weniger für Maschinen, Fahrzeuge und andere Investitionsgüter ausgaben. Auch die Bauinvestitionen schrumpften um 0,7 Prozent. Der private Konsum zog dagegen um 0,4 Prozent an, weil die Preise kaum stiegen und die Abwrackprämie den Autokauf kräftig angekurbelt hatte. Der Staatskonsum nahm um 2,7 Prozent zu.
"Die Krise ist noch nicht vorbei"
2010 wird Experten zufolge nur ein Teil des Einbruchs wieder aufgeholt. Die Bundesregierung rechnet informierten Kreisen zufolge mit einem Wachstum von etwa 1,5 Prozent. "Die Rezession ist ganz klar vorbei, aber noch nicht die Wirtschaftskrise", sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. "Die Unternehmen werden immer noch viel weniger produzieren als vor der Krise."
Schon im vierten Quartal 2009 ist die Erholung der deutschen Wirtschaft nach Angaben des Statistischen Bundesamts ins Stocken geraten. Das BIP stagnierte im vierten Quartal. "Das BIP hat preisbereinigt im vierten Quartal auf dem Niveau des Vorquartals stagniert", sagte ein Statistiker. Im dritten Quartal hatte es noch ein Plus von 0,7 Prozent gegeben.
Export stottert, Defizit steigt
Besonders betroffen von der Krise war die Exportindustrie: Die Ausfuhr von Waren und Dienstleistungen gingen preisbereinigt um 14,7 Prozent zurück. Der Außenhandel sei nicht wie gewohnt der Motor, sondern Bremse der wirtschaftlichen Entwicklung gewesen, sagte der Präsident des Statistischen Bundesamtes, Roderich Egeler.
Die privaten Konsumausgaben dagegen stiegen um 0,4 Prozent. Eine große Rolle habe hier aber die Abwrackprämie gespielt, sagte Egeler. Der staatliche Konsum sei um 2,7 Prozent gestiegen.
Bund, Länder und Gemeinden wiesen daher auch ein Finanzierungsdefizit von 77 Mrd. Euro aus, wie die Statistik ermittelte. Dies bedeute eine Defizitquote von 3,2 Prozent. Damit überschritt Deutschland erstmals seit vier Jahren wieder die EU-Verschuldungskriterien, die eine Verschuldungsquote von maximal drei Prozent des BIP erlaubt.
Im internationalen Vergleich war Deutschland als Exportnation besonders heftig von der Wirtschaftskrise betroffen. Für die 27 Mitgliedsstaaten der EU habe die Kommission in Brüssel einen Rückgang des BIP von 4,1 Prozent prognostiziert, für die USA einen Wert von 2,5 Prozent.
Arbeitsmarkt unerwartet robust
"Kaum spürbar" waren die Auswirkungen der Krise auf den Arbeitsmarkt, wie Egeler hervorhob. Die Zahl der Erwerbstätigen lag demnach 2009 bei 40,2 Mio. und damit auf der Höhe wie 2008 - "und das war ein Rekordjahr". Die Unternehmen hätten ihre Mitarbeiter vielfach nicht entlassen, sondern die Arbeitszeit reduziert, durch Kurzarbeit, Abbau von Arbeitszeitkonten oder Kürzungen der Arbeitszeit.
Kehrseite der Medaille sei, dass damit die gesamtwirtschaftliche Produktivität "erheblich" zurückging, wie Egeler sagte. Sie sei je Erwerbstätigen im Vergleich zu 2008 um 4,9 Prozent gesunken, je Arbeitsstunde um 2,2 Prozent.
Und erstmals seit der Wiedervereinigung seien damit auch die Bruttolöhne gesunken, und zwar um 0,4 Prozent, wie Egeler sagte. Die Nettolöhne gingen durchschnittlich um 0,9 Prozent zurück. Positiv sei aber, dass die Verbraucherpreise im Jahresschnitt nur um 0,4 Prozent gestiegen seien.