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Wall Street dreht ins Plus: Dax-Anleger "sell the rallys"

Die Lage am deutschen Aktienmarkt entspannt sich auf dem Papier zwar - die Kurse steigen. Die Nerven der Anleger liegen dennoch blank, wie die Handelsspanne beweist: Erst sorgt EZB-Präsident Draghi für ein Kursfeuerwerk. Dann kippt die Stimmung.

Mit einer wilden Berg- und Talfahrt hat der deutsche Aktienmarkt am Donnerstag aufgewartet. Vor allem am Nachmittag ging es auf dem Parkett heiß her. Verantwortlich dafür zeichnete Zentralbank-Chef Mario Draghi. Er äußerte sich zur Geldpolitik und heizte die Fantasie der Anleger an. Doch die Realität holte sie schnell wieder ein, die Wall Street musste helfen. Nach Einschätzung eines Händlers überwog das Motto "sell the rallys".

Der Dax verabschiedet sich mit einem Aufschlag von 1,9 Prozent und 9574 Punkten aus dem Handel. Das Tageshoch markierte er bei 9656 Zählern, das Tagestief bei 9349 Stellen. Zur Wochenmitte hat er mehr als 270 Punkte eingebüßt und war zeitweise unter das Verlaufstief aus dem Jahr 2015 gefallen. Der MDax schloss 1,6 Prozent fester bei 18.612 Punkten. Der TecDax stieg 1,6 Prozent auf 1622 Stellen.

Devisen: Alle Augen auf die EZB

Der Zinsentscheid der Europäischen Zentralbank (EZB) brachte zwar keine Überraschungen, die EZB ließ sowohl den Hauptrefinanzierungs- als auch den Einlagensatz erwartungsgemäß unverändert. Unerwartet verlief aber die anschließende Pressekonferenz mit EZB-Präsident Draghi. Ihm zufolge hatten sich seit Jahresbeginn die Abwärtsrisiken verstärkt, die Inflationsdynamik habe sich schwächer als erwartet entwickelt. Draghi kündigte deshalb an, die Geldpolitik auf der März-Sitzung auf den Prüfstand zu stellen.

"Die Aussagen werden als eine Art Vorankündigung für weitere Lockerungsmaßnahmen im März interpretiert", sagte ein Händler. Nach Einschätzung der Helaba bleibt Draghi seinem Ruf als "geldpolitische Taube" treu. Mit dem Hinweis verstärke er Spekulationen auf weitere Lockerungsmaßnahmen. Die Kommentare von Draghi stünden unter erhöhter Beobachtung, so die Helaba.

Der Euro geriet nach den Äußerungen des EZB-Chefs deutlich unter Druck: Die Gemeinschaftswährung fiel bis auf ein Tagestief von 1,0778 Dollar. Davor hatte sie um die 1,09er Marke notiert. Im späten US-Handel kostet ein Euro dann 1,0887 Dollar. Die EZB setzte den Referenzkurs am Mittag auf 1,0893 Dollar fest nach 1,0907 Dollar zur Wochenmitte.

Rohstoffe: Was macht das liebe Öl?

Trotz eines stärker als erwartet ausgefallenen Lageraufbaus der Erdölbestände erholten sich die Ölpreise von den Zwölfjahrestiefs des Vortages. Das American Petroleum Institute hatte zuvor einen noch deutlicheren Anstieg der wöchentlichen US-Ölvorräte in Aussicht gestellt. Insofern sorgten die Regierungsdaten für eine gewisse Erleichterung. Zudem gab es Berichte über einen Angriff von IS-Terroristen auf Öleinrichtungen in Nordlibyen. "Die Schlagzeilen dämpfen die Erwartung, dass Libyen schon bald mehr Öl exportieren wird", sagte Ölanalyst Phil Flynn von Price Futures.

US-Leichtöl der Sorte WTI verteuerte sich um 4,2 Prozent auf 29,53 US-Dollar - der größte Tagesgewinn seit drei Monaten. Europäisches Referenzöl der Sorte Brent legte um 4,9 Prozent auf 29,25 Dollar zu.

Dax: Rekordminus bei Deutscher Bank

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Bei den Einzelwerten stand das veröffentlichte Zahlenwerk der Deutschen Bank im Blick. Sie hatte demnach im vergangenen Jahr einen Rekordverlust erzielt. Die Aktien waren mit Abstand größter Verlierer im Leitindex. Sie rauschten zeitweise rund 8 Prozent in den Keller, schlossen dann nur knapp 3,5 Prozent leichter.

Positive Händlerstimmen hoben zwar hervor, dass es sich um ein "Großreinemachen" bei der Bank handele. Andere Marktteilnehmer äußerten sich allerdings "entsetzt" über die Höhe des Verlustes und der zusätzlichen, operativen Schwäche der Bank. "Der Verlust ist fast 2 Milliarden Euro höher als die Erwartungen und auch operativ läuft es nicht", sagte ein Händler: "Die Zahlen sind horrend schlecht."

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Infineon schlossen fast 2 Prozent höher. Der Kurssprung der Xilinx-Aktie nach guten Quartalszahlen des Chip-Herstellers stützte den Kurs, wie es im Handel hieß. Von der Produktpalette ist Xilinx aber am ehesten vergleichbar mit Atmel, die bis vor Kurzem noch ein Übernahmeziel von Dialog Semiconductor waren. Dialog-Papiere verbesserten sich um mehr als 4 Prozent.

Gefragt waren im Dax zudem die Autowerte - allen voran Volkswagen. Das Unternehmen steht im Zuge des Abgasskandals offenbar vor einem umfangreichen Jobabbau. Laut "Manager Magazin" sind "weit mehr als 10 Stellen" in Gefahr. VW-Aktien zogen etwa 5,5 Prozent an. BMW gewannen 2,5 Prozent, Daimler rund 3 Prozent. Skeptische Analystenstimmen hatten den Werten jüngst zugesetzt.

USA: Na, es geht doch

Die Aussicht auf eine weitere Lockerung der Geldpolitik in Europa und ein Anstieg der Ölpreise haben die Wall Street auf Trab gebracht. Der Dow-Jones-Index der Standardwerte schloss mit einem Plus von 0,7 Prozent auf 15.882 Punkten. Der breiter gefasste S&P-500 stieg um 0,5 Prozent auf 1868 Zähler. Der Index der Technologiebörse Nasdaq gab dagegen seine Gewinne kurz vor Börsenschluss ab und beendete den Handel kaum verändert auf einem Stand von 4472 Stellen.

Zeitgleich mit Beginn der Draghi-Pressekonferenz wurden die Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe und der Philadelphia-Fed-Index veröffentlicht. Die Erstanträge stiegen in der Vorwoche stärker als erwartet. Der Philly-Fed-Index fiel dagegen mit einem Stand von minus 3,5 im Januar besser als erwartet aus: Volkswirte hatten den Index bei minus 6,0 gesehen, nachdem im Dezember ein Indexstand von minus 10,2 ermittelt worden war.

Am Aktienmarkt führten Energiewerte die Liste der Gewinner an, der Branchenindex kletterte um 2,9 Prozent, Consol Energy und Southwestern Energy haussierten um jeweils über 19 Prozent. Und nicht zuletzt mussten neue Unternehmenszahlen verarbeitet werden. Der Telekomkonzern Verizon schnitt im traditionell schwierigen vierten Quartal besser ab, als Analysten erwartet hatten. Die Aktie legte um 3,3 Prozent zu.

Bei der Fluggesellschaft United Continental verfehlte das bereinigte Ergebnis die Analystenschätzung, der wichtige Sitzladefaktor stieg aber. Die Aktie gewann 0,5 Prozent. Wettbewerber Southwest Airlines verdreifachte den Gewinn in der vierten Periode nahezu, die Titel zogen um 0,5 Prozent an. Der Chiphersteller Xilinx überraschte im dritten Geschäftsquartal positiv, der Kurs sprang um 8,6 Prozent nach oben. Travelers überzeugte zwar beim Gewinn, die Einnahmen des Versicherers blieben aber hinter den Markterwartungen zurück. Die Papiere verloren 0,9 Prozent.

Asien: Chinas Zentralbank greift ein

In Asien gaben die Kurse an den Aktienmärkten nach: Der Nikkei-Index in Tokio schloss nach einem sehr volatilen Handel 2,4 Prozent niedriger. Er liegt mit 16.017 Zählern nur noch knapp oberhalb der psychologisch wichtigen 16.000er Marke. Die chinesischen Börsen lagen ebenfalls im Minus, der Shanghai Composite büßte 3,2 Prozent ein.

Chinas Zentralbank reagierte umgehend und hat dem Finanzsystem des Landes eine aggressive Geldspritze verpasst, um angesichts des nahenden Neujahrfestes und der anhaltenden Kapitalflucht für zusätzliche Liquidität zu sorgen. Die People's Bank of China (PBoC) teilte über ihre kurzfristige Kreditfazilität 400 Milliarden Yuan (60,8 Milliarden Dollar) zu. Das ist die größte Summe für eine solche Geldmarktoperation seit vier Jahren. Durch verschiedene Maßnahmen hat die PBoC in dieser Woche eine Nettosumme von 315 Milliarden Yuan in den Interbankenmarkt gepumpt, die größte Liquiditätsspritze seit Januar 2012.

Quelle: n-tv.de

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