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Die stylistsichen Anleihen aus dem Camaro-Design der Siebziger sind unübersehbar.
Die stylistsichen Anleihen aus dem Camaro-Design der Siebziger sind unübersehbar.(Foto: Axel F. Busse)

Muskelspiel mit dem Chevrolet Camaro : Posen zum Schnäppchenpreis

Von Axel F. Busse

Sie waren so US-amerikanisch wie Baseball oder Hot Dogs: die breiten und mächtigen "Muscle Cars". Nach zehn Jahren in der Versenkung ist eines davon nun wieder aufgetaucht – der Chevrolet Camaro. Praxistest mit einem Hauch Nostalgie.

Geduckt und auf dem Sprung: Geschlossen ist der Camaro nur 1,38 Meter hoch.
Geduckt und auf dem Sprung: Geschlossen ist der Camaro nur 1,38 Meter hoch.(Foto: Axel F. Busse)

Heute klingt der Betrag fast lächerlich: 2466 Dollar kostete der erste Camaro. Damals, im Jahr1966, hatte der amerikanische Traum damit für viele Kunden Räder bekommen. Nach der Produktionseinstellung 2002 ist er jetzt wieder da. Und obwohl für das Cabrio fast 44.000 Euro hinzublättern sind, ist das Auto ein Schnäppchen. In der Disziplin Euro pro PS ist der Camaro unschlagbar. Einen guten Hunderter kostet jede Pferdestärke, beim Coupé sind es knapp mehr als 90 Euro - Lederpolster, Rückfahrkamera und andere Annehmlichkeiten inklusive.

Oft nicht schön, aber dafür hemmungslos übermotorisiert, bevölkerten die "Muscle Cars" in den Sechzigern und Siebzigern US-amerikanische Straßen. Als Charger, Mustang oder Corvette erwarben sie sich einen Ruf als Vehikel Testosteron-vergifteter Machos, denen selbst dann noch Sympathie zuteil wurde, als die erste Ölkrise eine Ahnung davon aufkommen ließ, dass Autokraftstoff einmal ein teureres Gut werden könnte. 1970 wurde der Hubraum-Fetischismus beim Camaro bis auf 7,4 Liter getrieben, doch auch manche Designverirrung konnte den Kult-Status nicht wirklich beschädigen.

Mit aufgepumptem Bizeps

Das Stoffverdeck verschwindet bündig hinter den Rücksitzen.
Das Stoffverdeck verschwindet bündig hinter den Rücksitzen.(Foto: Axel F. Busse)

Die Formensprache des aktuellen Camaros sucht die stilistische Nähe der Modelle von 1969/70, als die erste Generation auslief. Mächtig und kantig steht die Nase im Wind, die Radhäuser sind wie anabolisch gezüchteter Bizeps aufgepumpt und das flache Greenhouse betont die Optik eines Athleten, der in einem eingelaufenen Trainingsanzug zum Wettkampf antreten muss. Als wiederkehrendes Designthema lässt sich an verschiedenen Bauteilen die Pentagon-Form identifizieren, etwa bei den Spiegelgehäusen, Instrumenteneinfassungen oder Lampen. Man sollte diesen Mix mit runden Formen mögen, denn harmonisch abgestimmt ist das nicht.

Überhaupt scheint der Camaro eher auf Provokation als auf Harmonie zu zielen, denn ein dezenter Auftritt ist mit diesem Cabrio nicht möglich. Fette rote Streifen auf Motorhaube und Heckklappe (als Sonderaustattung 500 Euro teuer) korrespondieren mit einer knallroten Innenausstattung, die obendrein im Dunkeln noch von leuchtenden LED-Streifen in gleicher Farbe bekräftigt wird. Gemeinsam mit dem Blau der Instrumenten-Inlays und den schwarzen Akzenten an Verkleidung und Schaltknauf ergibt das eine ebenso ungewöhnliche wie gewagte Coloration. Allerdings: Niemand kauft sich einen Camaro, um sich damit ihm Großstadt-Dschungel zu verstecken. Über Aufmerksamkeits-Defizite seitens der Passanten am Straßenrand kann sich der Testfahrer jedenfalls nicht beklagen.

Die grelle Lederausstattung erinnert ein einen Sportler, der zum Varieté gewechselt ist.
Die grelle Lederausstattung erinnert ein einen Sportler, der zum Varieté gewechselt ist.(Foto: Axel F. Busse)

Nicht so recht zum selbstbewussten Habitus passt die Abgasanlage, wo die Ausatmungen von acht Zylindern in nur zwei Endrohren münden. Und auch der Sound des V8 quillt zwar mit sonorem Brabbeln in die Botanik, ist aber auch unter Last nicht so krawallig aufgedreht, wie man ihn von anderen so verschwenderisch mit Hubraum gesegneten Spielzeugen kennt.

Open-Air-Spaß für zwei

Abgesehen davon, dass der Hebel zum Umklappen der Vordersitze ungünstig an der Rückwand der Lehnen sitzt und dass die Radioskala bei geöffnetem Dach kaum ablesbar ist, geht es im Innenraum bequem und entspannt zu. Das Dach öffnet nach dem manuellen Entriegeln elektrisch in 15 Sekunden, zum Schließen braucht es etwas länger. Es verschwindet komplett hinter den Sitzen und kann dort noch mit einer leicht zu befestigenden Persenning abgedeckt werden. Schnell fahren kann man auch ohne sie. Die hinteren Seitenscheiben lassen sich auch bei geöffnetem Dach hochfahren, doch angenehmer wird die Belegung der hinteren Sitze dadurch nicht. Den Camaro sollte man zu zweit nutzen.

Wem der Camaro noch nicht auffällig genug ist, bestellt sich die Streifen für 500 Euro dazu.
Wem der Camaro noch nicht auffällig genug ist, bestellt sich die Streifen für 500 Euro dazu.(Foto: Axel F. Busse)

Die Vorzüge eines sogenannten Head-Up-Displays erschließen sich jedem, der schon einmal ein Auto mit dieser Ausstattung gefahren hat. Wichtige Informationen wie zum Beispiel Tempo, Drehzahl, eingestellter Radiosender oder anderes müssen nicht mehr vom Auge auf verschiedenen Tableaus zusammengesucht werden, sondern sie erschienen mittels raffinierter Projektionstechnik auf der Windschutzscheibe, so dass der Blick nicht mehr von der Straße genommen werden muss.

Besonders hilfreich sind solche Informationen, wenn sie den Tatsachen entsprechen. Der Camaro-Testwagen ließ in dieser Hinsicht leider eine wichtige Frage offen: "Wie schnell fahren wir eigentlich?" Mit zunehmender Geschwindigkeit zeigten Analog-Tacho im Armaturenbrett und Digital-Tacho des Head-Up-Displays nämlich nicht unwesentliche Abweichungen. Idealerweise sollen sie eigentlich dasselbe Tempo anzeigen, im Bereich um 200 km/h (digital) wies die Nadel des herkömmlichen Tachos knapp mehr als 180 km/h aus. Der Camaro ist ein Sportwagen, weshalb man leicht mal in die Nähe von 200 km/h kommen kann. In der City und auf Landstraßen, das ist das Tröstliche an dem Sachverhalt, lagen die beiden Angaben sehr dicht beieinander.

"Small Block" gibt sich genügsam

Dass es beim Camaro eher um Entertainment als um Zweckmäßigkeit geht, ist auch am Kofferraum zu erkennen. Mit einem Volumen von knapp 300 Litern ist er annehmbar groß, doch die Öffnung des Gepäckfachs schränkt die mitzunehmenden Artikel ein. Die Luke ist 84 Zentimeter breit und 40 Zentimeter tief, die Kante liegt in 88 Zentimetern Höhe. An eine Öffnungsmöglichkeit von außen hat der Hersteller nicht gedacht, das geht nur per Knopfdruck vom Fahrersitz aus. Aber immerhin kann man die Klappe per Reißleine von Innen entriegeln, sollte man sich versehentlich einmal darin einsperren ...

So ein 6,2-Liter-V8 vom Schlage eines Camaro ist nur bedingt geeignet, heutige Maschinenbau-Studenten in Begeisterung zu versetzen. Hubraum satt, zwei Ventile pro Zylinder, das war's. Kein Turbo, keine Direkteinspritzung, kein Schnickschnack. Der Motor, den Kenner der Materie als "Small Block" identifizieren, ist ein ebenso so solider wie ehrlicher Spritverbrenner – und trotzdem in der Lage zu verblüffen. Bekanntlich weichen die tatsächlichen Verbrauchswerte der meisten Autos erheblich von dem auch dem Prüfstand ermittelten EU-Normwert ab. Ein bis zwei Liter mehr als im Prospekt steht können die Käufer getrost einplanen.

Anders der Camaro. Natürlich ist er verglichen mit einer Vierzylinder-Familienkutsche ein gewaltiger Schluckspecht, aber eben auch ein rechtschaffender. Nur 0,2 Liter mehr als versprochen genehmigte sich der Achtzylinder, was umso erstaunlicher ist, als auf dem EU-Prüfstand niemals mehr 200 km/h gefahren werden, wie zum Beispiel bei dieser Testfahrt. Wer das Cruisen bevorzugt und auf die Ampel-Duelle mit der einheimischen Konkurrenz verzichtet, kann ihn auch mit zwölf Litern je 100 Kilometer bewegen. Dann würde der 71-Liter-Tank immerhin knapp 600 Kilometer reichen – der Zylinderabschaltung sei's gedankt. Dass der Einfüllstutzen in Europa mit einem Extra-Schloss versehen ist, liegt wohl daran, dass Spritklau ein in den USA unbekanntes Phänomen ist.

Fazit: Auch ein VW Eos oder 1er Cabrio lassen sich mit etwas Ausstattung auf einen Preis von 44.000 Euro hochrüsten. Doch die bieten dann nicht halb so viel Überhol- und Boulevard-Prestige wie ein Camaro Convertible. Ein gewisser Hang zur Unvernunft und Freude am markanten Auftritt ist hilfreich, wenn man die Anschaffung dieser nostalgisch aufgeladenen Auto-Legende erwägt. Freude ist garantiert – und wenn es nur die des Tankwarts ist.

DATENBLATTChevrolet Camaro Convertible
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe)4,85/ 1,92/ 1,38 m
Radstand2,85 m
Leergewicht (DIN)1920 kg
Sitzplätze2+2
Ladevolumen267 Liter / 308 Liter
Maximale Zuladung410 kg
Motor/HubraumV8-Zylinder Ottomotor mit 6162 ccm Hubraum
Getriebe6-Gang-Handschaltgetriebe
Leistung432 PS (318 kW) bei 5900 U/min
KraftstoffartBenzin
AntriebHeckantrieb
Höchstgeschwindigkeit250 km/h
max. Drehmoment569 Nm bei 4600 U/min
Tankinhalt71 l
Beschleunigung 0-100 km/h5,4 s
Normverbrauch (außerorts/innerorts/kombiniert)10,2/ 20,9/ 14,1
Testverbrauch14,3 l
CO2-Emissionen
(Normverbrauch)
329 g/km
Grundpreis43.990,00 Euro
Preis des Testwagens44.490,00 Euro

Quelle: n-tv.de

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