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Optisch ist den Koreanern mit dem Mini-SUV Tivoli ein echter Wurf geglückt. Nicht so abgefahren wie der Nissan Juke, aber irgendwie charismatisch.
Optisch ist den Koreanern mit dem Mini-SUV Tivoli ein echter Wurf geglückt. Nicht so abgefahren wie der Nissan Juke, aber irgendwie charismatisch.(Foto: Holger Preiss)

Preiswerter Drache: Ssangyong Tivoli - fahrender Freizeitpark?

Von Holger Preiss

Wer Tivoli hört, denkt vielleicht an den Vergnügungspark in Kopenhagen. In Korea und ab sofort auch in Deutschland steht der Name für ein neues SUV des Herstellers Ssangyong. Und das will preisbewusst gegen Opel Mokka und Nissan Juke anfahren.

Die Stückzahlen, die der koreanische Hersteller Ssangyong in Deutschland von seinen Autos absetzt, bewegen sich im homöopathischen Bereich. Um die 1500 Fahrzeuge werden hierzulande pro Jahr verkauft. Weltweit sind es immerhin 150.000, wobei der asiatische Raum Absatzmarkt Nummer eins ist. Hinzu kommt, dass sich die Koreaner unter der Herrschaft des indischen Mahindra-Konzerns auf ein Segment spezialisiert haben, das weltweit am meisten boomt: Man setzt für den Export ausschließlich auf SUV.

Italienischer Moment aus Korea

Auch die Heckpartie des Ssangyong Tivoli zeigt sich sehr gelungen.
Auch die Heckpartie des Ssangyong Tivoli zeigt sich sehr gelungen.(Foto: Holger Preiss)

Der aktuellste Kraxler des zweiköpfigen Drachens - nichts andere bedeutet Ssangyong - ist der Tivoli. Ein Mini-SUV von 4,20 Metern Länge, das vor allem gegen Konkurrenten wie den Renault Capture, Nissan Juke und natürlich den Opel Mokka anfahren will. Mit einem Einstiegspreis von 15.490 Euro sollte da auch was zu machen sein. Schließlich hat Mahindra 280 Millionen Euro in die Entwicklung des Wagens gesteckt und die Koreaner in ihrer Heimat ganze drei Jahre daran werkeln lassen.

So kann sich der italienische Moment aus Seoul mit seinen ganz individuellen Zügen durchaus sehen lassen. Und hier geht's nicht nur um die einem fliegenden Vogel nachempfundenen Linien an Bug und Heck, nein, es sind auch die weit ausgestellten Radkästen und die stark abfallende Dachlinie, die dem Tivoli etwas Eigenständiges geben. Auch sonst versucht der Koreaner, einen wertigen Eindruck zu vermitteln. Da gibt es LED-Leuchten für das Tagfahrlicht oder 18 Zoll große Alus mit 215er Bereifung für einen breiten Stand.

Schickes Ambiente

Nicht alles fasst sich so gut an wie das Lenkrad, aber auch innen ist der Tivoli gelungen.
Nicht alles fasst sich so gut an wie das Lenkrad, aber auch innen ist der Tivoli gelungen.(Foto: Holger Preiss)

Im Innenraum des Tivoli geht es modern zu. Anders als in früheren Ssangyong-Modellen lassen Bedienung und Ergonomie wenig Wünsche offen. Allerdings fällt auf, dass nicht alle Kunststoffe so angenehm, passgenau und wertig sind wie das sportlich abgeflachte Lederlenkrad, das leider nur in der Höhe verstellbar ist. Fahrer abseits der Standardgröße werden unter Umständen die mangelnde Armauflage vermissen, wenn der Sitz weit nach vorne gerückt wird. Dafür sind die Sitze gut geschnitten, wobei die Seitenwangen zur Rechten und Linken der Pobacken etwas mehr Halt bieten könnten.

Neben Platz und Variabilität stand vor allem ein schickeres Ambiente im Mittelpunkt der Entwicklungen. So blickt der Fahrer des Tivoli jetzt, wie etwa im Mokka, auf zylinderförmig gerahmte Instrumente, die sich in sage und schreibe sechs unterschiedlichen Farben beleuchten lassen: von Rennsportrot über Schneeweiß und Babyblau bis hin zu Schwarz und Gelb.

Keine Empfehlung für den Automaten

Für seine Größe bietet der Tivoli mit 423 Litern Kofferraum ausreichend Platz. Mit der riesigen Stufe bei umgeklappter Rückenlehne muss man leben.
Für seine Größe bietet der Tivoli mit 423 Litern Kofferraum ausreichend Platz. Mit der riesigen Stufe bei umgeklappter Rückenlehne muss man leben.(Foto: Holger Preiss)

Der Tivoli kann sich also durchaus von innen und außen sehen lassen. Aber wie fährt sich der Koreaner, der lediglich mit einem 1,6-Liter-Benziner an den Start geht? Nun, das muss man differenziert betrachten, denn verbandeln lässt sich das Triebwerk mit einer Sechsgang-Automatik oder einer ebensoviel Gänge zur Verfügung stellenden Handschaltung. Die Empfehlung nach einem ersten Ausritt mit beiden Modellen geht eindeutig in Richtung Handschalter. Nicht, weil hier der sportliche Aspekt im Vordergrund steht. Nein, es sind ganz banale Erwägungen.

Die Automatik leidet vor allem darunter, dass sie nicht in der Lage ist, spontane Gaspedalbewegungen so umzusetzen, dass es zu einem zufriedenstellenden Vortrieb kommt. Nur zur Illustration: Wer mit der anfänglich vorbildlich schaltenden Automatik bis auf 60 km/h beschleunigt hat und im Verkehr rollt, wird sich bei einem anstehenden Überholmanöver über Folgendes wundern: Bei einem kräftigen Tritt auf den Pin will die Elektronik logischerweise Druck auf die Räder bringen. Dafür schaltet das Getriebe von Aisin zwei Stufen runter, wobei der Motor aber brüllt wie ein bockiges Kind bevor eine brauchbare Kraftübertragung stattfindet. Nun kann man sagen, dass von 128 PS und einem Drehmoment von 160 Newtonmeter nicht mehr zu erwarte sei. Stimmt aber nicht! Andere Hersteller haben das schon vorgemacht.

Handschalten lohnt sich

Erstaunlich viel Platz gibt es in der zweiten Reihe. Die Gummibänder an den Vordersitzen dürften nur bedingt zur Ordnung beitragen.
Erstaunlich viel Platz gibt es in der zweiten Reihe. Die Gummibänder an den Vordersitzen dürften nur bedingt zur Ordnung beitragen.(Foto: Holger Preiss)

Der Handschalter macht sich hier deutlich besser, auch was den Verbrauch betrifft. Nach den Probefahrten standen bei der Automatik knapp 8 Liter auf der Uhr, beim Handschalter waren es 6,8 Liter. Hinzu kommt, dass der Fahrer es selbst in der Hand hat, die Gänge angenehm leichtfüßig durch die Gassen zu schieben. Zwar ist der Benziner, was die Geräuschkulisse betrifft, immer noch näher an einem Diesel dran. Aber man hat zumindest nicht mehr das Gefühl, mit dem Triebwerk mitleiden zu müssen, weil es von der Automatik so arg gemein in einen hohen Drehzahlbereich geprügelt wird.

Einen echten Diesel mit 115 PS gibt es übrigens für 2000 Euro mehr ab Oktober. Auch hier wird es sich um ein 1,6-Liter-Aggregat handeln, das in Korea entwickelt wurde und seine 300 Newtonmeter Drehmoment je nach Wunsch, wie beim Benziner, an alle vier Räder oder nur an die Vorderräder verteilt. Die Option des Allradantriebs, die bei Ssangyong ebenfalls 2000 Euro mehr kostet, bieten nur sehr wenige Hersteller im Segment der Mini-SUV. Auch Feature wie ein aktiver Überschlagschutz, Bremsassistent, ESP und die Berganfahrhilfe gehören im Tivoli zur Serienausstattung.

Ordentlich Platz in der Hütte

Auch LED-Tagfahrlicht ist im Tivoli Serie.
Auch LED-Tagfahrlicht ist im Tivoli Serie.(Foto: Holger Preiss)

Ein Plus sollte auch die Lenkradeinstellung in den Stufen Comfort, Normal und Sport sein. Ist es auch, aber nur bedingt. Zum einen befindet sich der Schalter zur Einstellung am äußersten Ende der Mittelkonsole in Richtung Beifahrer, zum anderen wird hier nur die Kraftverteilung der Servounterstützung variiert. Das heißt, dass alle, die im Sportmodus eine bessere Rückmeldung erwarten, an dieser Stelle enttäuscht werden müssen. Die Lenkung ist einfach nur schwergängiger. Was natürlich auch nicht schlecht ist, denn die Vorlieben der Piloten sind bekanntermaßen unterschiedlich.

Über eine Sache gibt es im Ssangyong aber wirklich nichts zu meckern und hier bewegt sich der Koreaner durchaus auf Augenhöhe mit der Konkurrenz aus Rüsselsheim: bei den Platzverhältnissen. Der 1,80 Meter breite Tivoli hat einen üppigen Radstand von 2,60 Metern, was auch Reisenden in der zweiten Reihe ausreichend Platz sichert; hinter den geteilt umlegbaren Rücksitzen warten 423 Liter Kofferraum. Für vier Reisende bietet der Koreaner also ausreichend Raum. Und auch das Fahrwerk dürfte den Insassen entgegenkommen. Das gibt sich angenehm straff und nimmt bis auf arge Querfugen Bodenunebenheiten klaglos auf, ohne sie ins Innere weiterzureichen.

Die kleinen Dinge machen den Unterschied

Und auch bei der Smartphone-Anbindung, Bluetooth-Freisprecher oder TomTom-Navigation mit Sieben-Zoll-Touchscreen für 600 Euro gibt sich der Tivoli im Wettbewerbsvergleich zumindest bei den höheren Versionen Quartz (17.990 Euro) und Sapphire (22.490 Euro) keine Blößen. Selbst ein HDMI-Anschluss ist neben dem USB im Testwagen vorhanden. Hier können also sogar hochauflösende Videos geguckt werden. Aber bitte nicht während der Fahrt.

Auch eine Rückfahrkamera ist für den, der sie will, an Bord. Warum die aber keine Parkpiepser hat, kann nur damit erklärt werden, dass die Sensoren zu teuer waren. Dafür gibt es eine voll funktionsfähige Zweizonen-Klimaautomatik, die bei der Topversion bereits im Grundpreis enthalten ist. Schlüsselloses Öffnen und Schließen gibt es optional ebenso wie ein beheizbares Lenkrad. Auch bei der Wahl von Farben und Zierleisten für das Interieur ist beim Tivoli einiges im Angebot.

Was dem Koreaner dagegen in Gänze fehlt, sind elektronische Helferlein wie Notbremsassistent, Abstandwarner, Spurhalteassistent oder auch ein automatischer Tempomat, wie ihn der japanische Rivale Suzuki Vitara bietet. Hier kann Ssangyong noch nachlegen. Vorgelegt wird hingegen bei der Garantie: Die Koreaner bieten fünf Jahre oder 100.000 Kilometer. Das ist ein Wort, das über manche kleine Schwäche hinwegsehen lässt.

Quelle: n-tv.de

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