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Hochgerüstete Region: Im Februar besuchte der saudische Verteidigungsminister, Prinz Mohammed bin Salman (M.), die Waffenmesse von Abu Dhabi.
Hochgerüstete Region: Im Februar besuchte der saudische Verteidigungsminister, Prinz Mohammed bin Salman (M.), die Waffenmesse von Abu Dhabi.(Foto: REUTERS)

Widerwilliges Zusammenraufen: Angst vor IS eint die Golf-Monarchien

Von Nora Schareika

Die arabischen Golfstaaten sind in erster Linie reich und fördern den Terror - so das gängige Vorurteil. Dabei haben die Ölmonarchien besonders große Angst vor dem Islamischen Staat. Katar und die Emirate schauen bang nach Riad.

Wenn ein westlicher Politiker in die arabischen Golfstaaten reist, wird er kein Gespräch führen können, im dem es nicht auch um den Islamischen Staat geht. Das hat gerade Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel erlebt, der mit einer Unternehmerdelegation am Golf war und vornehmlich die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und der Region fördern wollte. "Es gibt kein Land in der Region, wo nicht das Thema IS vorherrscht", bilanzierte der Minister am Ende seiner Reise.

Erstaunt sei er gewesen, wie eindringlich etwa der Emir des Emirats Abu Dhabi, Mohammed Zayed al-Nahyan, auf die Gefahr durch die Dschihadisten in Syrien und im Irak hingewiesen habe. Die Emirate beobachten mit Sorge, wie viel Einfluss Islamisten in europäischen Moscheen haben, ohne dass Staaten wie Großbritannien oder Deutschland eingreifen.

Katar stellt seinen Reichtum gerne zur Schau. Mit dem Geld macht der kleine Golfstaat auch eine zunehmend einflussreiche Außenpolitik - die nicht allen Nachbarn gefällt.
Katar stellt seinen Reichtum gerne zur Schau. Mit dem Geld macht der kleine Golfstaat auch eine zunehmend einflussreiche Außenpolitik - die nicht allen Nachbarn gefällt.(Foto: picture alliance / dpa)

Die reichen Golfstaaten stehen paradoxerweise selbst im Verdacht, Förderer von Terrorgruppen wie dem IS oder der syrischen Al-Kaida (Al-Nusra-Front) zu sein. Tatsächlich sind sich Beobachter einig, dass es Geldüberweisungen gibt und gegeben hat. Doch erstens ist der Beweis schwer zu erbringen und zweitens handelt es sich bei den Terror-Sponsoren den Vermutungen nach um reiche Privatleute und nicht um Regierungen. Auch wenn die Übergänge zwischen Privatpersonen und Regierungskaste in den Erbmonarchien mitunter fließend sind, macht das einen Unterschied.

Unterdrückte Muslimbrüder als IS-Rekruten

Für die Herrscherhäuser in Katar, den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) und Saudi-Arabien stellt insbesondere der IS eine existenzielle Bedrohung dar. Alle drei engagieren sich militärisch in der von den USA angeführten Koalition gegen den IS. Doch nach dieser gemeinsamen Erkenntnis ist mit Einigkeit erst einmal wieder Schluss.

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Besonders Katar tanzt am Golf aus der Reihe, weil es zu Islamisten grundsätzlich eine andere Haltung hat. Der schwerreiche Kleinstaat steht offen zu den ägyptischen Muslimbrüdern und deren Schwesterorganisationen. Das Argument: Verbot und Unterdrückung dieser klassischen Verfechter eines politischen Islam führt zu deren Radikalisierung. Wer einmal im Gefängnis gesessen hat, sei dann nur noch einen kleinen Schritt davon entfernt, sich zum Beispiel dem IS anzuschließen.

Katar gestaltet mit seinem Reichtum zunehmend die Außenpolitik. Nicht nur die Muslimbrüder unterstützt der Kleinstaat. Der Satellitensender Al-Dschasira trägt mit seiner Berichterstattung (oder auch Nichtberichterstaatung) erheblich zur politischen Meinungsbildung in arabischen Staaten bei. Kürzlich verurteilte Katar die ägyptischen Angriffe auf IS-Stellungen in Libyen und verärgerte damit Kairo.

Emirate haben es intern im Griff

Sigmar Gabriel besuchte im Emirat Abu Dhabi die riesige Scheich-Zayed-Moschee. Was die Imame in den Emiraten predigen, unterliegt staatlicher Kontrolle.
Sigmar Gabriel besuchte im Emirat Abu Dhabi die riesige Scheich-Zayed-Moschee. Was die Imame in den Emiraten predigen, unterliegt staatlicher Kontrolle.(Foto: picture alliance / dpa)

Ganz anders sieht man das in den VAE. Für die Emiratis, ihrerseits konservative Muslime, sind IS und Muslimbrüder beinahe dasselbe. Denn die Muslimbrüder propagieren eine islamistische Alternative zu den Erbmonarchien, indem sie sich für eine Art islamistische Demokratie einsetzen. Eine solche Option wollen die Regenten am Golf am liebsten aus den Gedanken ihrer Untertanen verbannen, ist sie doch gefährlicher für ihre innere Stabilität als alle Dschihadisten zusammen. Als die Muslimbrüder 2012 in Ägypten die Wahlen gewannen und den Präsidenten stellten, war der Ernstfall eingetreten. Saudi-Arabien förderte die Gegenbewegung und heutige Militärregierung von Präsident Sisi mit Milliarden. Ägypten ist politisch nicht so bedeutungslos wie man meinen könnte: Gemeinsam mit Saudi-Arabien gilt es nach wie vor als wichtige Säule in der Sicherheitsarchitektur des Nahen Ostens und Nordafrikas. Fachleute warnen: Sollten Ägypten und Saudi-Arabien fallen, also zum Beispiel von Dschihadisten eingenommen werden, würde dies die gesamte Region endgültig in den Abgrund reißen.

Mit strenger Überwachung der Imame in den Moscheen sowie großzügigen Sozialleistungen haben es die Emirate bislang geschafft, den Dschihadismus aus ihrer Gesellschaft herauszuhalten. Saudi-Arabien dagegen kämpft mit diesem Problem im Inland wie im Ausland. Das bereitet den kleinen Golfstaaten am meisten Kopfzerbrechen. Sie wissen, dass sie bei allen Differenzen mit dem wahhabitischen Herrscherhaus in Riad nicht ohne den großen Nachbarn überleben können.

Riad agiert lethargisch und defensiv

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Saudi-Arabien wirkt unterdessen lethargisch angesichts all der Probleme, die dem einst unangefochtenen sunnitischen Hegemon langsam den Ruf einer verlässlichen Schutzmacht streitig machen. Vor einem Jahr erklärte der damalige saudische König Abdullah den IS und die Nusra-Front zu Terrororganisationen. Saudis, die sich in Syrien einer der Milizen anschließen, dürfen nach einem neuen Gesetz nicht mehr zurückkehren.

Doch die Strategie der Saudis bleibt defensiv und wirkt so, als würden sie immer einen Schritt hinterherhinken. Anders als die Emirate und Katar hat Riad es verpasst, das Land und seine Gesellschaft zu modernisieren. Obwohl die kleinen Nachbarn zeigen, wie man eine islamisch-konservative Gesellschaftsstruktur, wirtschaftlichen Erfolg und Beachtung durch den Rest der Welt vereinbaren kann, verharrt das Land in seinem altmodischen Konzept – wohl aufgrund der Dickköpfigkeit der mächtigen Kleriker. Dabei hätte gerade Saudi-Arabien es nötig, sich für die Zukunft etwas einfallen zu lassen. Die Hälfte der Bevölkerung ist unter 25 Jahre alt. Sie alle müssen mit Arbeit und Sozialleistungen versorgt werden – umso mehr, damit sie sich nicht den Dschihadisten zuwenden.

Das kostet viel Geld, das Saudi-Arabien zwar im Moment noch hat, aber nicht mehr so unbegrenzt wie noch vor ein paar Jahren. Wegen des gesunkenen Ölpreises wachsen die Devisenreserven von aktuell etwa 732 Milliarden Euro nicht mehr so schnell. Auch wirtschaftlich hinkt Saudi-Arabien hinterher. 2013 kündigte die Regierung ein milliardenschweres Programm zur Förderung der erneuerbaren Energien an. Auch die Unternehmer in Gabriels Delegation hofften auf Aufträge. Doch so richtig in Schwung ist die Wende nicht gekommen, obwohl die Saudis ein Drittel der Energie aus ihrem selbstgeförderten Öl gleich wieder für Klimaanlagen und andere Stromfresser verbraten. Ein Drittel dieses Öls wird unverarbeitet verbrannt.

Flüchtlingskrise: Angst vor einem "neuen IS"

Die Golfregion ist politisch also nicht weniger widersprüchlich als der Rest des Nahen Ostens. Die Bundesregierung mahnt deshalb, die Uneinigkeit der Ölmonarchien dürfe nicht dazu führen, dass der gemeinsame Kampf gegen den IS vernachlässigt werde. Im Auswärtigen Amt heißt es dazu: "Vor den Staaten des Golfkooperationsrates liegt ein ungeheurer politischer Weg." Dabei wird genau der westlichen Politik vorgeworfen, sich im Krisengebiet des Nahen Ostens zu wenig zu engagieren – ein Beispiel sind auch die jüngsten Äußerungen des Emirs von Abu Dhabi zu den Islamisten in Europa.

Ob die Äußerung des Emirs in Deutschland eine unmittelbare Reaktion nach sich ziehen wird, ist derzeit ungewiss. Doch Deutschland will in Zukunft stärker mit Katar und den Emiraten zusammenarbeiten, um die Entstehung eines "neuen IS" in wenigen Jahren zu verhindern. Denn in den syrischen Flüchtlingslagern im Libanon, in Jordanien, im Irak und in der Türkei schmort das nächste Problem: eine verlorene Generation von Millionen Kindern und Jugendlichen, die keine Schule mehr besuchen und keine Perspektive im Leben sehen. Sie sind leichte Opfer für die Extremisten, die längst in den Flüchtlingslagern aktiv geworden sind, um dort weitere Rekruten für ihren wahnhaften Kampf für das IS-Kalifat anzuwerben. Hier kommt auch wieder Katar ins Spiel. Wenn nötig, soll der Emir gesagt haben, werde sein Staat mehr Geld für die verlorene Generation geben als alle anderen.

Quelle: n-tv.de

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