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Belgien ist im Ausnahmezustand, Flughafen und Metro sind geschlossen.
Belgien ist im Ausnahmezustand, Flughafen und Metro sind geschlossen.(Foto: REUTERS)

Explosionen in Brüssel: Belgien ist Europas Terrorbasis

Von Issio Ehrich

Tote und Verletzte in Belgien: Das kleine Land im Herzen Europas ist ein Hort für Terroristen. Warum eigentlich?

Bei Explosionen am Brüsseler Flughafen und in einer U-Bahn-Station hat es mehrere Tote und zahlreiche Verletzte gegeben. Die Hintergründe sind noch unklar. Doch nicht nur der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte geht davon aus, dass Terroristen verantwortlich sind. "Belgien wurde erneut von feigen und mordenden Anschläge getroffen."

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Tatsächlich ist das Land seit längerem im Visier von Islamisten. Im Volksmund ist längst von "Belgistan" die Rede. Denn was so lange Waziristan im Nahen Osten war, ist mittlerweile der Brüsseler Stadtteil Molenbeek in Europa: ein Hort des islamistischen Terrorismus.

Die Festnahme des gebürtigen Belgiers Salah Abdeslam nach einem Großeinsatz der Polizei im Brüsseler Problemviertel ist ein weiterer Beleg. Der 26-Jährige ist einer der Hauptverdächtigen der Pariser Anschläge und war bis zu seiner Festnahme der meistgesuchte Mann Europas.  Abdeslam mietete den schwarzen VW Polo, mit dem einige der Attentäter zum Musikclub Bataclan fuhren, bevor sie allein dort mindestens 89 Menschen erschossen. "Belgistan" war bekanntes Pflaster für Abdeslam.

Der mutmaßliche Organisator der Attentate in Paris, Abdelhamid Abaaoud, war Belgier - und hat in Molenbeek gewohnt. Er wurde bei einem Polizeieinsatz am 18. November im Pariser Stadtteil Saint-Denis bei einem Polizeieinsatz getötet.

Nach den Anschlägen in der französischen Hauptstadt nahmen belgische Sicherheitsbeamte bereits sieben Männer fest, die sich alle aus dem berüchtigten Bezirk kannten.

Belgien liegt bei Dschihadisten-Quote ganz vorn

Belgien gilt als eines der am stärksten durch Terrorismus gefährdeten Länder in Europa. Hintergrund ist die im Verhältnis zur Bevölkerungsgröße hohe Zahl von Menschen, die als Dschihadisten in das Bürgerkriegsland Syrien gezogen sind. Und es werden immer mehr: 2013 zählte das International Center for the Study of Radicalisation (ICSR) 27 sogenannte Foreign Fighters pro eine Million Einwohner in Belgien. 2015 sind es 40. Zum Vergleich: Dänemark liegt in diesem Jahr mit 27 auf Rang zwei, Schweden mit 19 auf Rang drei. In Deutschland kommen auf eine Million Einwohner 7,5 Dschihadisten.

Bereits vor dem jüngsten Anschlag in Paris gab es bei Attentaten in Europa immer wieder Spuren, die nach Belgien und in den Stadtteil Molenbeek führten: Im Mai 2014 erschoss der französische Islamist Mehdi Nemmouche vier Menschen im Jüdischen Museum in Brüssel. Er wurde später in Marseille verhaftet und nach Belgien ausgeliefert. Nemmouche ist bislang nicht verurteilt.

Einer der Attentäter der Anschlagsserie in Paris unter anderem auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" hatte Verbindungen nach Belgien. Er wohnte in Charleroi und hatte mit dem Mann über den Kauf eines Autos und von Waffen verhandelt, der in einem koscheren Supermarkt in Paris Geiseln genommen und vier Menschen erschossen hatte. Der Mann wurde anschließend von der Polizei getötet.

Nur Tage später nahmen die belgischen Sicherheitskräfte zwei Islamisten in Veviers fest, die gezielt Polizisten ermorden wollten. Sie fanden dabei Sturmgewehre des Typs AK47, Munition und Sprengstoff. Auch der Marokkaner, der im August vergangenen Jahres in einem Thalys-Schnellzug überwältigt wurde, bevor er Schlimmes anrichten konnte, kam aus Belgien - aus dem Viertel Molenbeek.

Land der 1000 Kompetenzen

Obwohl Belgien und insbesondere der Stadtteil Molenbeek so offensichtlich ein Zentrum des islamistischen Terrors in Europa sind, gibt es kaum klare Antworten darauf, warum das so ist. Es kursieren jedoch etliche Erklärungsversuche.

Zwischen der 400.000 Mitglieder zählenden muslimischen Gemeinde und dem Rest der Gesellschaft gab es immer wieder Auseinandersetzungen. Das wohl plakativste Beispiel: 2011 führte Belgien ein Burka-Verbot ein. Frauen, die mit dem Vollschleier durch die Straßen liefen, sollten knapp 138 Euro Strafe zahlen. Die Anwältin von Muslimen, die dagegen klagten, sprach von einem "Frontalangriff auf die muslimische Welt".

Ein zweiter Ansatz: Ähnlich wie die französischen Banlieues sind belgische Viertel wie Molenbeek sozial abgehängtes Terrain mit einem hohen Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund. Die prekären Verhältnisse, die Möglichkeit einer religiösen und ethnischen Abgrenzbarkeit ermögliche es Menschenfängern jeglicher Art, dort erfolgreich zu ködern. Mohamed Galaye bezeichnete als Imam der großen Moschee in Brüssel islamistische Terroristen einmal als "Produkt der Gesellschaft", nicht als Produkt der Religion.

Offensichtlich erscheint, dass islamistische Gruppen sehr lange ungestört in Belgien rekrutieren konnten. Bei der bekanntesten, Scharia4Belgium, dauerte es Jahre bis zu einem Verbot. Der belgische Innenminister Jan Jambon sieht einen Grund für dieses Phänomen auch in der Zerrissenheit seines Landes. Der Zwist zwischen Flamen und Wallonen befördere schlicht zu viele nationale und regionale Ansprüche auf Kompetenzen. Die Folge: zersplitterte Sicherheitskräfte. "Brüssel hat 1,2 Millionen Einwohner", sagt Jambon. "Und trotzdem haben wir sechs Polizeiapparate." New York dagegen habe elf Millionen Einwohner - und wie viele Polizeiapparate? Einen.

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Quelle: n-tv.de

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