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Schwer bewaffnete Einsatzkräfte überwältigen einen Verdächtigen - ob es sich um Abdeslam handelt, ist unklar (Standbild des belgischen TV-Senders VTM).
Schwer bewaffnete Einsatzkräfte überwältigen einen Verdächtigen - ob es sich um Abdeslam handelt, ist unklar (Standbild des belgischen TV-Senders VTM).(Foto: AP)

Fahndungserfolg in Belgien: Polizei nimmt Paris-Attentäter fest

Alarm in der belgischen Hauptstadt: Im Stadtteil Molenbeek umstellen Ermittler das Versteck von Salah Abdeslam. Nach einem Schusswechsel kann die Polizei den mutmaßlichen Drahtzieher der Pariser Anschläge verhaften. Am Abend überwältigen Spezialeinsatzkräfte weitere Verdächtige.

Bei einem Großeinsatz in Brüssel hat die belgische Polizei den meistgesuchten Mann Europas festgenommen: Der im Zusammenhang mit den Pariser Attentaten gesuchte Terrorverdächtige Salah Abdeslam ist gefasst, erklärte die belgische Regierung. Salah Abdeslam steht unter dem Verdacht, an den Anschlägen vom 13. November maßgeblich beteiligt gewesen zu sein.

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Insgesamt gab es bei der Polizeiaktion im Brüsseler Stadtteil Molenbeek fünf Festnahmen. Wie Belgiens Regierungschef Charles Michel bei einer Pressekonferenz am Abend erklärte, wurden außer dem Hauptverdächtigen, Salah Abdeslam, noch vier weitere Personen festgenommen. Zur Identität der übrigen Verdächtigen wollte er keine Angaben machen.

Belgiens Regierungschef Michel äußerte sich an der Seite von Frankreichs Staatspräsident François Hollande. Der französische Staatschef sagte, er erwarte eine rasche Auslieferung von Abdeslam nach Frankreich. Für Samstag kündigte er eine Sitzung des Sicherheitsrats des Landes an.

Der Anti-Terror-Einsatz in der Brüsseler Gemeinde Molenbeek wurde am Abend beendet. Die Polizei hob die Straßensperren wieder auf. Lediglich das Gebäude, in dem sich der festgenommene Terrorverdächtige Salah Abdeslam aufgehalten hatte, blieb weiter abgesperrt.

"Wir haben ihn"

Abdeslam überlebte den Schusswechsel mit der Polizei leicht verletzt. Wie n-tv Korrespondentin Fabricia Josten berichtete, wurde Abdeslam bei seiner Festnahme am Bein getroffen. Er wurde in einem massiv gesicherten Konvoi aus Polizeifahrzeugen und Rettungswagen abtransportiert. Abdeslam gilt als Mittäter und Drahtzieher der Pariser Attentate vom vergangenen November, bei denen 130 Menschen getötet worden waren. Er befand sich gut vier Monate auf der Flucht.

Fahndungserfolg in der belgischen Hauptstadt: Belgiens Regierungschef Charles Michel tritt an der Seite von Frankreichs Staatspräsident Francois Hollande vor die Presse.
Fahndungserfolg in der belgischen Hauptstadt: Belgiens Regierungschef Charles Michel tritt an der Seite von Frankreichs Staatspräsident Francois Hollande vor die Presse.(Foto: dpa)

"Wir haben ihn", hatte der belgische Einwanderungsminister Theo Francken am Nachmittag erste Berichte über die spektakuläre Festnahme bestätigt. Belgiens Regierungschef Michel verließ vorzeitig den EU-Gipfel zur Flüchtlingskrise und berief ein Krisentreffen ein. Auch Hollande, der sich wegen des Gipfels in Brüssel aufhielt, eilte mit Michel zu dem Krisentreffen.

Zwei Polizeiaktionen in Molenbeek

Die belgische Polizei hatte kurz nach der Festnahme Abdeslams am frühen Abend einen weiteren Großeinsatz gestartet. Nach Angaben der belgischen Nachrichtenagentur Belga waren am Abend in der als Islamistenhochburg bekannten Brüsseler Gemeinde Molenbeek laute Explosionen zu hören. Ob sie von Spezialeinheiten der Polizei oder von Terroristen verursacht wurden, war zunächst unklar. Von der Staatsanwaltschaft gab es dazu zunächst keine Angaben.

Drei Tage nach einer blutigen Schießerei mit Terrorverdächtigen im wenige Kilometer entfernten Stadtteil Forest hatten Sicherheitskräfte zuvor offenbar Hinweise auf den Verbleib der Terrorverdächtigen in Molenbeek bekommen. Bei dem Einsatz am frühen Nachmittag in der Rue des Quatre-Vents in Molenbeek fielen nach Angaben des belgischen Radiosenders RTL mehrere Schüsse.

Verräterische Fingerabdrücke

Lokalen Medienberichten zufolge sollen die Beamten ein Haus umstellt und Blend- oder Tränengasgranaten eingesetzt haben. Die belgische Polizei war mit einem Großaufgebot vor Ort. Schwer bewaffnete Einsatzkräfte fuhren mit gepanzerten Fahrzeugen vor. Neben Polizeihunden kam auch mindestens eine Überwachungsdrohne zum Einsatz. Mit Schutzschilden und Schlagstöcken drängten Polizeibeamte die zahlreichen Schaulustigen zurück.

Aufgebrachte Atmosphäre: Mit einem Großaufgebot an Einsatzkräften riegelt die Polizei den Einsatzort in Molenbeek ab.
Aufgebrachte Atmosphäre: Mit einem Großaufgebot an Einsatzkräften riegelt die Polizei den Einsatzort in Molenbeek ab.(Foto: dpa)

Erst wenige Stunden zuvor hatte die belgische Staatsanwaltschaft bekannt gegeben, dass in einer Wohnung im Brüsseler Stadtteil Forest im Süden der belgischen Hauptstadt Fingerabdrücke des flüchtigen Terrorverdächtigen Abdeslam gesichert worden sein. Beobachter hielten es danach für sehr wahrscheinlich, dass sich Abdeslam in der fraglichen Wohnung in Forest versteckt gehalten hatte. Nach der Schießerei vom Dienstag befanden sich zwei Tatverdächtige auf der Flucht.

130 Menschen auf dem Gewissen?

Abdeslam ist einer der Hauptverdächtigen der November-Anschläge in Paris. Er soll zum Beispiel die Attentäter, die sich vor dem Stade de France in die Luft sprengten, mit einem Auto zu dem Stadion gefahren haben. Danach floh er offenbar mit Komplizen nach Belgien.

Bei den koordinierten Attacken hatten Islamisten am 13. November 2015 in Paris 130 Menschen getötet. Abdeslam ist zugleich Bruder eines der Selbstmordattentäter, die sich mit einem Sprengstoffgürtel in die Luft gesprengt hatten. Zu der schwersten Anschlagsserie in der Geschichte Frankreichs bekannte sich der IS. Mehrere der Attentäter von Paris stammten aus dem Brüsseler Problemviertel Molenbeek und waren den Sicherheitsbehörden bekannt.

Es sei "mehr als wahrscheinlich", dass Abdeslam bei der Schießerei am Dienstag den Ermittlern aus einer Wohnung im Brüsseler Stadtteil Forest entkommen konnte, berichtete der staatliche belgische TV-Sender RTBF. Belgische und französische Polizisten hatten an jenem Tag im Zuge routinemäßiger Ermittlungen zu den Pariser Anschlägen eine Wohnung im Stadtteil Forest durchsucht. Dabei gerieten sie unter Beschuss. Vier Polizisten wurden verletzt, einer von ihnen schwer.

Von Forest nach Molenbeek geflohen?

Ein Verdächtiger wurde beim Schusswechsel in Forest getötet. Es handelte sich um den 35-jährigen Algerier Mohamed Belkaid, der sich illegal in Belgien aufhielt und den Behörden nicht bekannt war. Neben der Leiche des Algeriers fand die Polizei ein Schnellfeuergewehr vom Typ Kalaschnikow einschließlich Munition, eine Fahne der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) sowie ein Buch über den Salafismus.

Belkaid habe sich unter dem falschen Namen Samir Bouzid an der Vorbereitung der Anschläge vom 13. November beteiligt, teilte die belgische Staatsanwaltschaft mit. Der belgische Sender VRT berichtete am Freitag, Belkaid habe zudem auf Listen von Rekruten der IS-Miliz gestanden. Er habe sich als Selbstmordattentäter freiwillig gemeldet.

Zu den Selbstmordattentätern von Paris gehörte auch Abdeslams Bruder Brahim. Er wurde am Donnerstag in einer zurückgezogenen Zeremonie in Brüssel beigesetzt. Bereits in der vergangenen Woche wurde ein weiterer Attentäter, Bilal Hadfi, in der belgischen Hauptstadt bestattet. Der als Drahtzieher der Anschläge geltende Abdelhamid Abaaoud war wenige Tage nach den Anschlägen bei einem Polizeieinsatz in Saint-Denis nördlich von Paris getötet worden.

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Quelle: n-tv.de

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