Politik
Steinbrück kann Weil derzeit kaum Rückenwind bieten, umgekehrt erhofft er sich von der Niedersachsen-Wahl aber Schwung für sein Duell gegen Kanzlerin Merkel.
Steinbrück kann Weil derzeit kaum Rückenwind bieten, umgekehrt erhofft er sich von der Niedersachsen-Wahl aber Schwung für sein Duell gegen Kanzlerin Merkel.(Foto: picture alliance / dpa)

Der eigenartige Erfolg des Stephan Weil: Der Heilsbringer

Von Christian Rothenberg

Ein Drittel der Niedersachsen kennt ihn nicht. Er gilt als blass und spröde. Die Unruhen um Kanzlerkandidat Peer Steinbrück erwischen ihn zur Unzeit: mitten im Wahlkampf. Doch bei der Landtagswahl soll Stephan Weil nichts Geringeres, als die SPD retten. Die Chancen stehen gar nicht schlecht.

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Als die Frage nach Peer Steinbrück kommt, beginnt Stephan Weil plötzlich, mit dem Löffel in seinem Kakao zu stochern. "Ich muss erst einmal kurz klären, ob hier auch Schokolade drin ist. Bis jetzt ist das nämlich nur heiße Milch. Das ist ja skurril", sagt er und starrt auf sein Heißgetränk. Hat er die Frage wohl gehört oder lenkt er gerade nur geschickt vom Thema ab? Dann hebt Weil wieder den Kopf und bittet höflich darum, die Frage nochmal zu wiederholen. Strahlender Genosse jetzt: Die Falten in seinem Gesicht ziehen sich jetzt noch etwas tiefer von den Nasenflügeln herab Richtung Mundwinkel, die Lippen sind zu einem Strich geformt. Schüchtern, bescheiden, aber irgendwie nett.

Während im Hintergrund langsame Chanson-Musik aus den Boxen erklingt, sitzt Weil leger auf einem Barhocker. Unter seiner Jacke trägt er einen schwarzen Pullover mit Hemd: Äußerlich fällt er in diesem Cafe nicht weiter auf. Groß ist er, aber nicht einschüchternd. Ein freundlicher Herr mit Brille und schütteren Haaren, dem man den Stress dieser Tage nicht anmerkt. Sein Pressesprecher macht es sich unterdessen am Nebentisch bequem, von Sicherheitsleuten keine Spur. Noch ist alles ganz ruhig. Dabei sind es nur noch ein paar Tage bis zum 20. Januar. Dann will Weil zum neuen Ministerpräsident gewählt werden. Umso mehr reist er in dieser heißen Phase des Wahlkampfes durch Niedersachsen. Von Emden nach Braunschweig, Goslar und Göttingen, zwischendurch immer wieder zurück nach Hannover. Wo es als nächstes hingeht? "Auswärtsspiel", sagt er mit sonorer Stimme. "In Osnabrück."

Kronprinz ohne Heimvorteil

Spannung bis zum Schluss
 Infratest
(10.1.)
INFO
(12.1.)
GMS      (17.1.)
CDU40 %38 %41 %
SPD33 %31,5 %33 %
Grüne13 %14,5 %13 %
FDP5 %4,5 %5 %
Linke3 %6 %3 %
Piraten3 %3 %3 %
    
Quelle:wahlrecht.de

Weil wird 1958 in Hamburg geboren, wohnt aber ab seinem siebten Lebensjahr in der Stadt an der Leine. Hier wächst er im bürgerlichen Hindenburgviertel auf. Es ist keine typische SPD-Karriere, aber zielstrebig nach oben geht es trotzdem: Nach dem Abitur studiert er Jura in Göttingen. 1980 tritt er in die SPD ein, seit 1987 arbeitet er in Hannover. Zunächst als Rechtsanwalt und Richter. Später im niedersächsischen Justizministerium und als Stadtkämmerer. Eine führende Stellung in der Partei nimmt er erst 1991 ein, als Vorsitzender des Unterbezirks Hannover-Stadt. Doch schnell gilt er als Ziehsohn von Herbert Schmalstieg. Als der Sparkassen-Direktor 2006 nach 34 Jahren als Oberbürgermeister abtritt, beerbt ihn Weil. Die vorerst letzte Stufe nimmt er 2012, als ihn die Landes-SPD zum Spitzenkandidaten für die Landtagswahl kürt.

Die Roten sind ihm nicht nur politisch wichtig. Als Fan von Hannover 96 geht der 54-Jährige, dessen Hobbys wandern und lesen sind, so oft er kann ins Stadion. Wenn Weil Ministerpräsident wird, bliebe sein Amtssitz in Hannover. Und doch muss er sich daran gewöhnen, dass Osnabrück nun kein Auswärtsspiel mehr ist. Die große Bühne der Landespolitik ist Neuland für ihn. Aber darin sieht Weil sogar einen Vorteil. Eingeschliffenes auf den Prüfstand stellen, mit seiner sachlichen Art einen respektvolleren Umgang prägen, "ein Bürgerministerpräsident auf Augenhöhe, der die Nase nicht zu hoch trägt", das will er sein. Im Rathaus von Hannover hat er sich den Ruf des sachlichen Realos erworben. Doch es gibt kein Zurück mehr. Bei einer Wahlniederlage wird er Oppositionsführer im Landtag.

Die Generalprobe

McAllister gegen Weil, ein bisschen ist es auch das Duell Popstar gegen Nobody. Das zeigt sich auch beim TV-Duell zwischen den beiden Konkurrenten. Der Sozialdemokrat wirkt weitaus ruhiger und unaufgeregter, fast wie ein Gegenentwurf zu dem jüngeren smarten Ministerpräsidenten, der als Hoffnungsträger der CDU gilt. Eine Rampensau ist Weil nie gewesen. Auch kein Mann, der die großen Auftritte in großen Hallen mit 5000 Zuhörern liebt. Die großen Posen eines McAllister, das Lachen mit weit aufgerissenem Mund, sind nicht seine Welt. Für viele gilt er deshalb als farblos, blass und langweilig. Weil interpretiert das anders, er beschreibt sich als typischen Niedersachsen. "Ich bin nüchtern, bodenständig und keiner, der wie ein Pfau ein Rad schlägt."

McAllister und Weil nach dem TV-Duell.
McAllister und Weil nach dem TV-Duell.(Foto: picture alliance / dpa)

Viel unterwegs ist er derzeit auch, um bekannter zu werden in dem Land, das er bald regieren will. Ein Drittel der Niedersachsen kennt ihn laut einer Umfrage von Infratest Dimap gar nicht. Wenn Weil das hört, zuckt er nur mit den Schultern. "Ich sehe mich als Kapitän eines Teams, aber Politik ist ein Mannschaftssport." In Deutschland würden weniger Personen als Konstellationen gewählt. Ein Betroffener habe ihm das kürzlich am eigenen Leibe bestätigt: Gerhard Schröder. "2005 war er wesentlich populärer als Merkel. Das hat ihm am Ende aber auch nicht genutzt." Im Hintergrund surrt jetzt die Kaffeemaschine.

Die Landtagswahl ist keine gewöhnliche. Neun Monate vor der Bundestagswahl gilt sie als entscheidender Testlauf. Denn die Mehrheitsverhältnisse in Niedersachsen ähneln denen im Bund. Ein Regierungswechsel in Niedersachsen hätte große Signalwirkung für die Bundestagswahl. Durch einen Sieg würde die SPD auch die Mehrheit im Bundesrat erringen. Den Genossen könnte das nach den zermürbenden letzten Wochen wieder Aufschwung geben. Natürlich wird Weil in diesen Tagen häufig auf Steinbrück angesprochen. Kann man im Moment über seine Partei reden, ohne über den Kanzlerkandidaten den Kopf zu schütteln?

Peer und er

Eine Belastung? "Ich spüre keine Bremsspuren", sagt Weil. Beide traten im Wahlkampf mehrfach gemeinsam auf. Aber von Wählern werde er nur selten darauf angesprochen. Die Aufregung um Steinbrück hält er für übertrieben. In den vergangenen Jahren hätten sich immer wieder Politiker zu Wort gemeldet und darauf hingewiesen, dass das Kanzlergehalt zu niedrig sei. "Manche Sätze werden von den Medien hochgezogen und andere nicht."

Steinbrück verspricht sich von einem Sieg in Niedersachsen neue Impulse für seinen Bundestagswahlkampf.
Steinbrück verspricht sich von einem Sieg in Niedersachsen neue Impulse für seinen Bundestagswahlkampf.(Foto: picture alliance / dpa)

Die Zahlen geben Weil recht. Tatsächlich schadet ihm offenbar weder der vermeintliche Gegenwind durch Steinbrück noch seine mangelnde Bekanntheit. Ganz im Gegenteil: In den Umfragen verschiedener Institute bewegt sich die niedersächsische SPD seit dem Sommer konstant zwischen 33 und 35 Prozent. Sphären, von denen die Bundespartei derzeit nur träumen kann. Damit liegt Weil zwar einige Prozentpunkte hinter McAllister. Aber entscheidend am Wahlabend ist das Schicksal der FDP. Weil die Liberalen den Wiedereinzug in den Landtag womöglich verpassen und als Koalitionspartner ausfallen, könnte das am Ende reichen für Weil.

In dem kleinen Cafe neben der SPD-Zentrale in der Odeonstraße in Hannover wird es kurz unruhig. "Noch fünf Minuten", sagt Weils Sprecher. Das nächste Gespräch drängt, um Zwölf die nächste Pressekonferenz, danach geht's weiter nach Osnabrück. Die Tage im Januar 2013 sind lang. Doch der Mann auf dem Barhocker wiegelt ab. "Och ja, Gott Gott, wir haben doch noch Zeit."

Der Überzeugungstäter

Weil erklärt gerade, wo er als erstes anpacken will, wenn er erst einmal in die Staatskanzlei eingezogen ist. Vor allem die Familienpolitik sei ihm, der verheiratet und Vater eines erwachsenen Sohnes ist, wichtig. Denn bei der Geburtenrate und der Krippenversorgung hinke sein Land weit zurück. Die Studiengebühren sollen abgeschafft werden. Doch er hat noch auch Pläne, die über die Grenzen Niedersachsens hinausgehen. Weil will nicht darauf warten, bis Rot-Grün die Regierung Merkel ablöst. Sobald seine Partei wieder die Mehrheit im Bundesrat hat, möchte er dort gemeinsam mit den anderen SPD-Ländern Bundespolitik machen. Mindestlohn, strengere Strafen für Banken: die ganz großen Themen.

Doch das wichtigste politische Anliegen Weils ist ein anderes: die Abschaffung des Betreuungsgeldes. "Das halte ich für die größte innenpolitische Fehlleistung der letzten Jahrzehnte", sagt er. Es kommt jetzt Bewegung in sein Gesicht, Weil redet sich in Rage, die Augenbrauen gehen hoch und runter, die Gemütlichkeit ist plötzlich fort. Der freundliche Herr kann auch anders. Es sei unverantwortlich, wie um die Zukunft der Kinder gezockt wird. Sagt Weil und schwingt mit dem Zeigefinger in der Luft. In dieser Frage sei er, "bei all meinem sonstigen Pragmatismus Überzeugungstäter".

Doch das Weilsche Grinsen kehrt schnell zurück. Was man als Ministerpräsident verdient? Er hat das erst vor einigen Tagen gelesen. "In einem Interview mit McAllister." Es sind etwas mehr als 13.000 Euro brutto. In Niedersachsen seien sie ja mit allem recht bescheiden. Aber ist das genug für einen Stephan Weil? "Lassen Sie es mich so sagen", sagt er und beginnt zu lachen. "Ich bin bis jetzt mit meinem Geld ausgekommen und beabsichtige, es auch künftig zu schaffen." Das erste Problem ist jedenfalls schon mal gelöst. In seinem Kakao hat er inzwischen wieder für Ordnung gesorgt. Der Brocken Schokolade hat sich endlich aufgelöst. Jetzt muss er nur noch die SPD retten.

Quelle: n-tv.de

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