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Ein Junge in Idomeni mit etwas Feuerholz.
Ein Junge in Idomeni mit etwas Feuerholz.(Foto: REUTERS)

Schlamm und Elend in Idomeni: "Die Stunde der Schleuser"

Tausende Flüchtlinge drängen sich seit Tagen an der griechischen Grenze zu Mazedonien. Das Camp versinkt im Schlamm, die Kinder spielen im Dreck, Schleuser freuen sich über ein gutes Geschäft. Imad Aoun von der Hilfsorganisation Save the Children berichtet im Gespräch mit n-tv.de von der verzweifelten Lage der Menschen.

n-tv.de: Sie arbeiten für die Hilfsorganisation Save the Children in Idomeni. Wie verzweifelt ist die Lage dort?

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Imad Aoun: Die Situation ist äußerst kritisch. Seit zwei Tagen regnet es ohne Ende. Alles ist überflutet und schlammig. Einige Menschen schlafen im Schlamm, manche haben Zelte, die aber wegen des Regens von Wasser völlig überflutet sind. Nachts verbrennen die Menschen Plastik und Kleider, um warm zu bleiben. Das Problem ist nur, dass sie dadurch viele giftige Gase einatmen.

Welche Folgen hat das für die Gesundheit der Flüchtlinge?

Die gesundheitliche Situation ist die größte Sorge hier im Camp. Viele haben Atemprobleme, Husten, sind chronisch krank. Gestern wurde ein Kind wegen einer Lungenentzündung ins Krankenhaus gebracht. Die Menschen haben Hautprobleme, weil sie sich seit Wochen nicht waschen können. Und die Lage kann nur noch schlimmer werden. Viele Flüchtlinge sind schon lange unterwegs. Sie sind völlig erschöpft und werden immer anfälliger für Krankheiten, je länger sie hier sind.

Im Camp leben auch rund 5000 Kinder. Wie geht es ihnen?

Besonders für die Kinder ist es katastrophal. Sie spielen im Schlamm, im dreckigen Wasser, es gibt nicht viel für sie. Viele sind traumatisiert, sie haben in ihren Heimatländern schreckliche Dinge erlebt, sie haben weite Strecken zurückgelegt und waren auf der Flucht zahlreichen Risiken ausgesetzt. Wir haben ein Zelt für sie aufgebaut, einen Schutz- und Spielraum, wo sie schreiben und malen können und sich Psychologen um sie kümmern.

Wie sieht denn die Versorgung in Idomeni aus?

Imad Aoun arbeitet für Save the Children in Idomeni. Die Hilfsorganisation ist die größte unabhängige Kinderrechtsorganisation weltweit und entlang der gesamten Fluchtrouten aktiv.
Imad Aoun arbeitet für Save the Children in Idomeni. Die Hilfsorganisation ist die größte unabhängige Kinderrechtsorganisation weltweit und entlang der gesamten Fluchtrouten aktiv.

Die Unterkunft hier war als Transitlager für 1500 bis 2000 Menschen geplant, jetzt sitzen hier rund 14.000 Menschen fest. Täglich kommen Hunderte weitere Menschen an. Allein in den vergangenen zehn Tagen hat sich das Lager etwa verdoppelt. Die Kapazitäten sind völlig ausgeschöpft. Immerhin sind hier viele Flüchtlingsorganisationen vor Ort und versuchen, so gut es geht, zu helfen und das Nötigste zu verteilen. Das Problem ist, dass wir wirklich hart darum kämpfen müssen, um alle Bedürfnisse halbwegs zu erfüllen. Die Zahl der Flüchtlinge ist einfach zu hoch.

Was brauchen die Flüchtlinge am dringendsten?

Sie brauchen vor allem Essen, Wasser, trockene Kleidung, - ganz normale Dinge, die wir für selbstverständlich halten. Und sie brauchen dringend Informationen darüber, was an der Grenze passiert. Oft treffen die lokalen oder regionalen Behörden Entscheidungen über Nacht, ohne dass die betroffenen Menschen oder wir Hilfsorganisationen ordentlich informiert werden. Der Mangel an Informationen ist besonders kritisch, weil es hier viele Schmuggler gibt, die von der  allgemeinen  Verwirrung profitieren. Sie versuchen die Flüchtlinge davon zu überzeugen, illegal die Grenzen zu überqueren.

Gelingt ihnen das?

Seit den letzten zwei Tagen, seitdem die Grenze ganz geschlossen wurde, vertrauen sich immer mehr Menschen den Schmugglern an. Es ist die Stunde der Schleuser. Denn die Abschreckungspolitik der EU führt nicht dazu, dass die Menschen in ihre Heimat zurückkehren. Vielmehr suchen sie sich jetzt illegale und gefährliche Routen und zahlen den Schleusern horrende Summen.

Dauerregen, geschlossene Grenze - wie ist da die Stimmung unter den Flüchtlingen?

Die Menschen sind verzweifelt, sie wissen nicht, was als nächstes passiert. Ihnen geht das Geld aus, weil sie hier seit Wochen ausharren, ihre Pläne gehen nicht auf. Sie können nicht in ihre Heimat zurückkehren, sie sitzen in der Falle. Erst gestern gab es hier im Camp eine friedliche Demonstration von Flüchtlingen. Sie blockierten die Eisenbahnschienen und forderten, dass die Grenzen geöffnet werden.

Sind sie auch wütend auf die EU?

Sie sind - wie wir alle hier vor Ort - hochgradig frustriert, dass jetzt die Grenzen für sie komplett geschlossen werden. Viele der Entscheidungen der EU sind sehr weit weg von den Flüchtlingen und von dem, was hier passiert. Der ganze EU-Deal mit der Türkei widerspricht der Flüchtlingskonvention und vielen internationalen Gesetzen. Es ist komplett illegal und amoralisch, die Menschen in verschiedene Klassen einzuteilen und ab und zu jemanden durchzulassen, andere nicht. Die Menschen hier haben ein Recht auf einen fairen Asylprozess.

Mit Imad Aoun sprach Gudula Hörr

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Quelle: n-tv.de

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