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Einsatzbereit: Ein französischer Rafale-Jet.
Einsatzbereit: Ein französischer Rafale-Jet.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Kampfeinsatz in Mali: Warum Paris gerade jetzt zuschlägt

Von Issio Ehrich

Der Bürgerkrieg in Mali tobt seit fast einem Jahr. Die Weltgemeinschaft schaut lange tatenlos zu. Auch Frankreichs Präsident Hollande. In einem beispiellosen Alleingang ändert er plötzlich seine Haltung. Auch Uran, Migranten und vor allem Frankreichs Innenpolitik dürften ihn umtreiben.

Monatelang zögerte Frankreich wie der Rest der Welt, sich militärisch in die Angelegenheiten Malis einzumischen. Doch dann ging plötzlich alles schnell: Am Freitag eröffneten französische Kampfhubschrauber, die im Nachbarland Burkina Faso stationiert waren, das Feuer auf die Stellungen der radikalen Islamisten in Konna. Sie befreiten die letzte größere Stadt in Zentral-Mali, die noch in den Händen der Regierungstruppen war. Am Samstag bombardierten Mirage-Kampfjets dann den besetzten Norden des Landes. Praktisch zeitgleich mobilisierte Paris weitere französische Soldaten aus dem Tschad, Marineinfanteristen aus Frankreich und Kämpfer der Fremdenlegion.

Mali - Land am Niger
Mali - Land am Niger

Heute agieren rund 750 Franzosen in Mali. Laut der Tageszeitung "Le Monde" stehen 40 Panzerfahrzeuge und Truppentransporter in der Hauptstadt Bamako bereit, die Paris aus der Elfenbeinküste abgezogen hat. Und die Zahl der Kräfte vor Ort soll weiter auf 2500 Mann steigen. Warum prescht Paris ausgerechnet jetzt derart vor?

Das zentrale Argument von Frankreichs Präsident Francois Hollande lautet: Er kämpfe gegen den internationalen Terrorismus, wolle das Vorrücken der Dschihadisten in den Süden des Landes verhindern. Dahinter steckt die Angst, dass sich nach Somalia im Westen Afrikas ein weiteres Rückzugsgebiet für terroristische Banden und ein weiteres Ausbildungslager von Al-Kaida entwickeln könnte. Doch diese Gefahr besteht in vielen Staaten Afrikas. Ein Beispiel ist der von der islamistischen Sekte Boko Haram bedrohte Norden Nigerias.

Das Rückgrat der französischen Stromversorgung

Der Terrorismus mag der bedeutsamste Grund für den Einsatz Frankreichs gewesen sein. Und der Umstand, dass die Islamisten in Mali kurz davor standen, den infrastrukturellen Vorhof der Hauptstadt Bamako, Mopti, zu erobern, mag den Zeitpunkt bestimmt haben. Doch allein das erklärt den überraschenden Alleingang nicht.

"Frankreichs Militärintervention in Mali dient nicht nur der Terrorismus-Bekämpfung, sondern auch der Sicherung seiner eigenen Energieversorgung", heißt es von der Gesellschaft für bedrohte Völker (GFBV). Verfolgt die "Operation Serval" auch das Ziel Rohstoffe zu sichern? Vieles spricht dafür.

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Bisher ist Frankreich bei der Versorgung seiner Atomkraftwerke maßgeblich auf Uran aus Malis Nachbarland Niger angewiesen. Laut der GFBV versorgt es ein Drittel seiner Atomkraftwerke mit dem radioaktiven Material aus dem Land. Sollten sich die Islamisten in Mali durchsetzen, könnten sie ihren Terror auch dorthin ausdehnen. Zudem wurde auch in Mali an mehreren Standorten Uran entdeckt. Einige Vorkommen liegen schon jetzt im Gebiet, das die Islamisten besetzen.

Insgesamt ist das Land trotz großer Rohstoffvorkommen aber ein "Handelspartner von untergeordnetem" Interesse, hieß es noch 2011 vom französischen Finanzministerium. China hat der Kolonialmacht dort längst den Rang abgelaufen. Die Bedeutung der Energieversorgung Frankreichs ist dennoch nicht zu unterschätzen.

Frankophonie

Entscheidend für das große Interesse Frankreichs an Mali dürfte neben den Kampf gegen den Terrorismus und der Sorge um bedeutsame Uranvorkommen auch die Zahl der Franzosen in Mali sein. Angaben aus Paris zufolge leben 5000 französische Staatsbürger in dem westafrikanischen Land.

Zugleich stammt laut dem Institut national de la Statistique (INSEE) mit rund 570.000 Menschen ein erheblicher Anteil der Zuwanderer in Frankreich aus Staaten der Subsahara. Mehr als 50.000 von ihnen kommen aus Mali. Die sicheren Rückzugsräume für die Franzosen in Mali schrumpften zusehends. Die Interessen der Malier in Frankreich erhöhten den Druck womöglich weiter.

Innenpolitik

Besonders auffällig ist allerdings, dass die Entscheidung, in den Bürgerkrieg in Mali einzugreifen, nicht in erster Linie eine Entscheidung Frankreichs war. Es war vor allem eine Entscheidung von Präsident Hollande. Denn der hielt es nicht für nötig, das Parlament zunächst zu befragen, bevor er in den Krieg zog.

Vieles spricht daher dafür, dass Hollande den Einsatz auch nutzen wollte, um sich innenpolitisch als starken Mann zu profilieren, als mutigen Entscheider. Dazu passt auch der waghalsige und blutig gescheiterte Versuch, einen französischen Geheimagenten mit Spezialkräften aus den Fängen somalischer Islamisten zu befreien.

Gründe für ein wenig Imagepflege gibt es für Hollande derzeit genug: Mit seinem Versuch, eine Reichensteuer einzuführen, eckte er zunächst bei Vermögenden an. Als der schlecht vorbereitete Plan am Verfassungsrat scheiterte, zog er den Ärger der Linken auf sich. Und die hatte er zuvor schon mit seinem rigiden Sparkurs vergrätzt. Die Konservativen treibt er dieser Tage wiederum mit dem Thema Homo-Ehe zu Zehntausenden auf die Straße. All diese Themen spielen in den französischen Medien seit Freitag nur noch eine untergeordnete Rolle.

Quelle: n-tv.de

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