Politik
(Foto: picture alliance / dpa)

Deutscher trifft Griechen: Wer ist hier der Stümper?

Von Hubertus Volmer

Faule Griechen, deutsche Nazis - der Streit um die Griechenland-Politik der Eurogruppe ist auch eine Folge unterschiedlicher Wahrnehmungen in der deutschen und der griechischen Regierung.

Man kann den Streit zwischen der neuen griechischen Regierung und der übrigen Eurogruppe auch als Konflikt unterschiedlicher politischer Kulturen interpretieren. Als Streit zwischen Polit-Rebellen und dem politischen Establishment, in dem beide Seiten einander verachten.

Die Protagonisten: der Grieche Yanis Varoufakis, ein 53-jähriger politischer Quereinsteiger, ein anerkannter Ökonomie-Professor, ein Spieltheoretiker, der sein Hemd über der Hose trägt. Auf der anderen Seite: der Deutsche Wolfgang Schäuble, ein 72 Jahre alter, hoch respektierter Polit-Veteran, der die deutsche Einheit und die Einführung des Euro maßgeblich mitorganisiert hat und öffentlich nie ohne Krawatte und Jackett zu sehen ist. Kein Wunder, dass es zwischen diesen beiden gewisse atmosphärische Störungen gibt.

Beide Seiten, Schäuble und Varoufakis, verbreiten höchst unterschiedliche Versionen davon, was bei den Verhandlungen über die Verlängerung der Griechenland-Hilfen passiert ist. Natürlich arbeitet Varoufakis nicht mit dem Bild des deutschen Nazis - im Gegenteil, für eine entsprechende Karikatur in der Zeitung der griechischen Regierungspartei hat er sich bei Schäuble entschuldigt. Und Schäuble unterstellt den Griechen auch nicht, faul zu sein. Aber Stereotypen bedienen sie doch - beide.

Die anderen sind unprofessionell

In Schäubles Narrativ besteht die neue griechische Regierung aus Stümpern und Träumern, deren Pläne keine Substanz haben. "Niemand der Kollegen hat bisher verstanden, was Griechenland am Ende wirklich will", sagte er nach einer Sitzung der Finanzminister. Die deutsche Erzählung kann man heute in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" nachlesen: Schäuble habe unerträglich gefunden, dass Varoufakis beim Finanzministertreffen am 11. Februar "eine einstündige Ökonomie-Vorlesung" gehalten habe, ohne konkrete Vorschläge zu präsentieren, heißt es dort. Hätte Varoufakis schon damals eingelenkt, wäre die griechische Regierung "billiger davongekommen", zitiert die Zeitung deutsche Diplomaten. Kurzum: Die Griechen haben sich unprofessionell verhalten.

Die griechische Sicht auf die Brüsseler Verhandlungen findet man in einem Artikel der amerikanischen Zeitschrift "Fortune". Darin wird der US-Ökonom James Galbraith zitiert, ein Kollege von Varoufakis von der University of Texas in Austin. Im Februar war Galbraith eine Woche lang mit dem griechischen Finanzminister in Europa unterwegs; er war also dabei, als Varoufakis seine "Vorlesung" hielt. In seiner Darstellung wäre es leicht möglich gewesen, bei der legendären Sitzung am 16. Februar einen Kompromiss zu erzielen. Schäuble habe dies jedoch abgelehnt.

Galbraith wirft der Eurogruppe vor, "schlampig" zu arbeiten - der Mangel an Koordinierung unter den Europäern sei "schockierend" gewesen. Ähnlich bewertet er die unterschiedlichen Reaktionen, die es in Europa und selbst innerhalb der deutschen Regierung auf den Varoufakis-Brief vom 18. Februar gab. Die deutsche Seite und die Eurogruppe hätten zwar ein "hartes Spiel" gespielt, dies aber nicht besonders gut gemacht. "Die Europäer tun so, als hätte die griechische Position sie verwirrt, aber die Verwirrung ist in ihren Köpfen, nicht in der griechischen Position." Kurzum: Die Eurogruppe hat sich unprofessionell verhalten.

Wer ist nun also der Stümper: die griechische Regierung oder die übrige Eurogruppe? Es könnte sein, dass beide Seiten Unrecht haben - und nur die andere Seite diskreditieren wollen. Das ist wohl so, wenn Rebellen und Establishment zur Zusammenarbeit gezwungen sind.

Quelle: n-tv.de

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