Politik
Silvester am Kölner Hauptbahnhof: Nordafrikanisch aussehende junge Männer wurden von der Polizei kontrolliert.
Silvester am Kölner Hauptbahnhof: Nordafrikanisch aussehende junge Männer wurden von der Polizei kontrolliert.(Foto: dpa)
Montag, 02. Januar 2017

Racial Profiling in Köln: Das Problem der rechten Tür

Ein Kommentar von Hubertus Volmer

Bitte keine Hysterie: Das Vorgehen der Polizei in der Silvesternacht in Köln war zugleich richtig und problematisch.

Vor einem Jahr brauchten Polizei und die Medien mehrere Tage, bis sie verstanden, was in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof passiert war. Dieses Mal blieb es auf der Domplatte weitestgehend friedlich. Das ist, nach allem, was man weiß, dem Einsatz der Polizei zu verdanken.

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Zu diesem Einsatz gehörte, Menschen nach ihrem Erscheinungsbild zu sortieren und dann zu entscheiden, ob jemand kontrolliert wird oder nicht. In seiner Reportage aus Köln beschrieb Kollege Christoph Herwartz das Vorgehen der Beamten an den Glastüren des Kölner Hauptbahnhofs so: "Ein einzelner Schwarzafrikaner? Nach rechts. Ein einzelner Araber, oder jemand, der so aussieht? Nach rechts. Ein Blonder ohne Mütze? Nach links. Ein Araber in Begleitung einer Frau? Nach links. Nach und nach wird das Schema deutlich: Wer nicht im engeren Sinne weiß ist und nicht in Begleitung einer Frau, muss fast immer die rechte Tür nehmen, die anderen die linke Tür." Einige Leser haben, warum auch immer, diese Schilderung als Kritik, als Anprangerung empfunden. Dabei war es nur eine Beschreibung der Fakten.

Linke und Rechte reagierten, wie sie meist reagieren: die einen empört, die anderen spöttisch, alle zusammen hysterisch. Die nordrhein-westfälische Linke warf der Kölner Polizei vor, "racial profiling" betrieben zu haben, also Kontrolle nach ethnischen Gesichtspunkten. Grünen-Vorsitzende Simone Peter sagte, das Großaufgebot der Polizei habe Gewalt und Übergriffe deutlich begrenzt, sie sagte aber auch, es stellte sich die Frage nach der Verhältnis- und Rechtmäßigkeit. Die AfD-Europaabgeordnete Beatrix von Storch twitterte, es sei wohl eine "Abwägungsfrage", ob man "racial profiling" oder "Massenvergewaltigung deutscher Frauen" zulassen wolle.

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Auf der linken und linksliberalen Seite des politischen Spektrums stört man sich auch an dem Begriff "Nafri", den die Kölner Polizei in der Silvesternacht auf ihrem Twitter-Account verwendete. Die Abkürzung ist eine Bezeichnung für Nordafrikaner und wurde schon vor einem Jahr verwendet, als Taten und Tätergruppen von Köln aufgelistet wurden. Polizeiintern ist "Nafri" nur Jargon – in der öffentlichen Kommunikation könnte man den Begriff als stigmatisierend empfinden. Kölns Polizeipräsident Jürgen Mathies sagte denn auch, "Nafri" hätte besser nicht nach außen verwendet werden sollen. Man muss nur wenige Tweets mit dem entsprechenden Hashtag lesen, um zu sehen, dass das wirklich keine gute Idee war.

Schwarz-weiß handeln ohne schwarz-weiß zu denken

Mathies sagte dann noch zwei Dinge, die Beachtung verdienen: Eine Häufung an Straftaten von Personen aus dem nordafrikanischen Raum lasse sich nicht bestreiten, deshalb müsse dafür auch ein polizeiinterner Begriff gefunden werden. Und er sagte, die allermeisten in Deutschland lebenden Nordafrikaner seien natürlich keine Straftäter.

Beides sind Selbstverständlichkeiten, die jedoch nicht jeder zu verstehen scheint – je nach politischer Heimat wird entweder das eine oder das andere ausgeblendet. Mit Blick auf die Silvesternacht von Köln ist die komplizierte Wahrheit vergleichsweise einfach: Wenn der Kreis der Verdächtigen überwiegend ethnisch definiert ist, dann muss dies Auswirkungen auf die Vorgehensweise der Polizei haben. Zugleich sollten Polizei, Politik und Öffentlichkeit sich bewusst sein, dass Kontrollen nach dem Muster der linken und der rechten Tür problematisch sind, weil sie immer auch harmlose Bürger unter Generalverdacht stellen.

In den USA kann man beobachten, wo das Problem liegt. Dort werden schwarze junge Männer deutlich häufiger von der Polizei kontrolliert, festgenommen und auch erschossen als ihre weißen Altersgenossen. Das liegt zum einen daran, dass schwarze junge Männer häufiger aus einem sozialen Umfeld kommen, in dem die Wahrscheinlichkeit für ein Abdriften in die Kriminalität höher ist. Insofern ist es nachvollziehbar, dass US-Polizisten Schwarze häufiger kontrollieren. Aber die häufigeren Kontrollen führen dazu, dass die Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden, für kriminelle Schwarze höher ist als für kriminelle Weiße. Dass bei alldem Rassismus im Spiel ist, sieht man spätestens daran, dass Schwarze in den USA für dieselbe Straftat höhere Strafen bekommen als Weiße.

Mathies hat zurückgewiesen, dass in Köln "racial profiling" betrieben wurde, aber offensichtlich ist genau dies passiert. Es scheint so zu sein, dass die Polizei sich gar nicht bewusst ist, was sie da tut. Idealerweise wäre es so: Die Polizei macht transparent, aus welchen Gründen sie bei welchem Anlass wie vorgeht. Das würde voraussetzen, dass die Polizei, wie auch die Gesellschaft insgesamt, es schafft, schwarz-weiß zu handeln ohne schwarz-weiß zu denken. Empörung, Spott und Hysterie sind sicherlich einfacher. Aber ganz bestimmt auch falsch.

Quelle: n-tv.de

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