Politik

Person der Woche: Wie viel Le Pen steckt in Frauke Petry?

Von Wolfram Weimer

Polen, Ungarn, Schweiz, Dänemark, Kroatien und jetzt auch Frankreich - Europa wählt plötzlich rechts. Auch in Deutschland ist die AfD im Aufwind. Kann aus Frauke Petry eine deutsche Marine Le Pen werden?

Die politische Landkarte Mitteleuropas wird neu geschrieben. Über Jahrzehnte hinweg tanzten bürgerliche, liberale und sozialdemokratische Parteien miteinander ein demokratisches Menuett, mal eine Drehung links herum, dann wieder rechts herum, aber letztlich immer politisch-korrekt an der schwankenden Mitte orientiert. Doch plötzlich wird ein anderer Takt angeschlagen.

Frauke Petry: 40 Jahre alt, vier Kinder, seit Juli 2015 das Gesicht der AfD.
Frauke Petry: 40 Jahre alt, vier Kinder, seit Juli 2015 das Gesicht der AfD.(Foto: REUTERS)

Ein Land nach dem anderen wagt größere Ausfallschritte nach rechts. Von den "Wahren Finnen" über die holländische "Partei für die Freiheit" von Geert Wilders bis zu "Ukip" in England oder der österreichischen FPÖ mischen neue Parteien die alte Parteienordnung auf. Zugleich laden sich bürgerliche Volksparteien neo-konservativ auf, das gesamte Meinungsklima Europas kippt nach rechts. Eine Wahl nach der anderen wird von Konservativen gewonnen - in Polen, Ungarn, Dänemark, Kroatien und der Schweiz, überall das gleiche Bild. Bei der letzten Europawahl rutschten sogar die Mehrheiten in den europäischen Schlüsselstaaten Großbritannien und Frankreich weit nach rechts außen. 

Der spektakuläre Wahlsieg des Front National bei den jetzigen Regionalwahlen in Frankreich ist somit Teil eines längerfristigen, rechten Megatrends. Die Euroschuldenprobleme, die Migrationskrise und der islamistische Terror verstärken diesen Trend zu einer historischen Kategorie. Die Völkerwanderungsszenerie des Jahres 2015 könnte ein Signatur-Ereignis des europäischen Rechtsrucks werden, ähnlich wie die Studentenrevolten von 1968 eine Zeitenwende hin zu einem linkeren Europa einläuteten.

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Nun fragen sich viele, was das für Deutschland bedeutet, zumal Deutschland im Mittelpunkt der Migrationskrise steht. Die hiesige "Alternative für Deutschland" war im Frühsommer so gut wie erledigt. Tief zerstritten in einem offenen Machtkampf um die Führung, schien sie ihr Hauptthema der Eurokrise durch die Entschärfung der Griechenlandprobleme zu verlieren. Die Umfragewerte dümpelten um den Schwellenwert von fünf Prozent. Doch dann kam die Offentor-Politik von Angela Merkel. Seit der Ungarn-Entscheidung von Ende August, das EU-Dublin-Verfahren auszusetzen und Migranten auch aus sicheren Nachbarstaaten einfach hereinzulassen, sind nicht bloß 560.000 illegale Migranten nach Deutschland gekommen - zugleich hat die AfD ihre Gefolgschaft in der deutschen Bevölkerung glattweg verdoppelt. Mittlerweile messen die Demoskopen zweistellige Werte bei der Sonntagsfrage, die AfD ist auf dem Weg zur drittstärksten Partei Deutschlands und bei den anstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Baden-Württemberg könnte sie gar in die Gefilde der SPD vorstoßen.

Die Fehler der Bundesregierung in der Migrationskrise sind dabei das eine, der neo-konservative Trend in Zeiten von islamistischem Terror das andere. Ein drittes Argument für den Aufschwung der AfD ist auch die wortgewaltige Vorsitzende. Ihre Anhänger sehen in Frauke Petry bereits die Marine Le Pen Deutschlands. Doch der Vergleich ist so schräg wie das ostdeutsche Etikett von der "Sahra Wagenknecht der Rechten".

Zwischen Vatermord und Projektionsfläche

Petry hat zwar - ähnlich wie Le Pen beim leiblichen Vater - für ihren Aufstieg eine Art politischen Vatermord verübt, den Parteigründer Bernd Lucke entmachtet und aus der Partei gedrängt. Petry und Le Pen kommen aus der gleichen Generation, beide sind Akademikerinnen, beide mehrfache Mütter und schneidend selbstbewusste Frauen. Beide haben eine starke regionale Basis und ziehen zugleich den landesweiten Hass der Linken auf ihre Person. Frauke Petry wie Marine Le Pen sind Projektionsflächen für nationale Sehnsüchte wie für linke Verachtungen. Beide sind Profiteure und Dirigentinnen von Ängsten und Ressentiments. Und beide ziehen einen Nutzen daraus, dass manche Medien sie tabuisieren, dämonisieren, stigmatisieren und ihnen damit eine Opferrolle gönnen. Beide können so die Glaubwürdigkeitskrise öffentlich-rechtlicher Medien, insbesondere in der Migrationskrise, zu ihrer Selbststilisierung als Kämpferinnen für vermeintliche Wahrheiten nutzen.

Und doch gibt es erhebliche Unterschiede zwischen beiden. Le Pen vertritt radikalere Positionen als Petry, sie attackiert die muslimische Minderheit Frankreichs gezielt mit polemischen Angriffen, sie will den Nato-Austritt, fordert ein Ende des Freihandels, kritisiert die Marktwirtschaft und vertritt einen Protektionismus, der als "Rückeroberung der Souveränität" angepriesen wird. Le Pen bündelt damit gezielt rechte mit linken Ressentiments.

Petry hingegen ist eine Marktwirtschafts-Verfechterin, ihr sind - als Ex-Unternehmerin in einer Partei mit etlichen Wirtschaftsprofessoren - anti-kapitalistische Affekte fremd. Die diplomierte Chemikerin hat zudem eine Bindung zur Kirche, war Organistin und Chorleiterin, noch verheiratet mit einem evangelischen Pfarrer. (Allerdings leben beide seit Oktober 2015 getrennt; Frauke Petry ist inzwischen mit dem AfD-Chef in NRW, Marcus Pretzell, liiert.) Zugleich hält Petry ihre Sprache wie ihre Positionen bewusst anschlussfähig zur bürgerlichen Mitte. Sie achtet genau darauf, innerhalb des Verfassungsbogens zu bleiben, Le Pen hingegen will just den Verfassungsbogen sprengen. Während Le Pen nach eigenen Mehrheiten strebt, wirkt Petry so, als sei ihr eigentliches Fernziel doch eine Koalition mit der CDU. Bei den Landtagswahlen im März könnte sie ihre Partei erstmals in diese Position bringen. Le Pen hingegen will bei den Wahlen 2017 nichts weniger als Präsidentin Frankreichs werden.

Quelle: n-tv.de

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