Wirtschaft
Was hat Martin Winterkorn gewusst? Und wenn er etwas wusste: Was hat er sich dabei gedacht?
Was hat Martin Winterkorn gewusst? Und wenn er etwas wusste: Was hat er sich dabei gedacht?(Foto: imago stock&people)

Was hat VW geritten? : "Ich bin sprachlos!"

Die Manipulationen bei US-Dieselfahrzeugen werden VW-Chef Winterkorn nach Ansicht von Autoexperte Helmut Becker den Job kosten. "In der Branche könnten zudem noch mehr Bomben hochgehen", so Becker im n-tv.de Interview.

n-tv.de: Volkswagen hat am Wochenende gestanden, die Emissionswerte bei Diesel-Fahrzeugen in den USA gezielt manipuliert zu haben. Das war eine ganz schöne Bombe, die VW hoch gehen ließ.

Helmut Becker: Das kann man wohl sagen!

Warum hat VW das gemacht? Was hat das für einen Sinn, ein derart hohes Risiko einzugehen?

Helmut Becker: Das ist eine sehr gute Frage. Was VW gemacht hat, ist sowohl für die Branche als auch für Außenstehende nicht nachvollziehbar. Wenn der Konzern jetzt jährlich drei, vier Millionen Autos in den USA verkaufen würde, dann würde ich sagen: VW versucht die Stückzahlen hoch zu halten. Aber in diesem Fall geht es um homöopathische Dosen. VW verkauft in den USA nur wenige Autos und unter diesen wenigen Autos sind nur einige Dieselfahrzeuge.

Der US-Markt ist kein Dieselmarkt?

Helmut Becker schreibt als anerkannter Autoexperte und Volkswirt für teleboerse.de und n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt.
Helmut Becker schreibt als anerkannter Autoexperte und Volkswirt für teleboerse.de und n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt.(Foto: Helmut Becker)

Richtig. Ganz im Gegenteil, die Amerikaner mögen grundsätzlich keine Dieselfahrzeuge. Seit Jahrzehnten versuchen VW, BMW, Daimler, einfach alle deutschen Hersteller, Dieselfahrzeuge auf dem US-Markt zu propagieren – ohne Erfolg! Diesel hat bei den Amerikanern etwas mit Öl an den Fingern zu tun. Diesel taugt höchstens für einen LKW. Ein klassischer PKW fährt dort mit Benzin. Natürlich gehört die Dieseltechnologie zu den Stärken der deutschen Automobilindustrie, sie ist darin weltweit führend, vor Toyota und allen anderen asiatischen Herstellern. Was auch immer die Motive von VW oder einzelner Verantwortlicher gewesen sein mögen, Manipulation zur Schönung von gesetzlich vorgeschriebenen Abgaswerten ist unethisches Verhalten. Das geht nicht. Anstatt hohe Kosten für niedrigere Abgaswerte in Kauf zu nehmen, um die vorgeschriebenen Grenzwerte auf technischem Weg zu erreichen, hat man mit der Manipulation die billigere Lösung gesucht.

Laut der US-Umweltschutzbehörde EPA hat VW in mehreren Modellen eine verbotene Software eingesetzt, mit der bestimmte Abgasemissionen im normalen Fahrbetrieb ausgeschaltet wurden. Außerhalb von Abgastests waren die Autos also leistungsstärker. Wie funktioniert so etwas?

Ich bin kein IT-Techniker und ich habe den Eindruck, dass auch in der VW-Führungsspitze nicht ganz klar ist, wie das Ganze abgelaufen ist. Genauso wie es Hacker gibt, die von außen ein autonom fahrendes Auto zum Stillstand bringen können, oder anderen Unsinn damit veranstalten können, gibt es offensichtlich Spezialisten, denen es gelingt, bestimmte Fahrzustände herzustellen. Es ist genau definiert, bei welchen Fahrzuständen die Abgaswerte gemessen werden. Wenn ein solches Fahrprofil erkannt wurde, sorgte die Software dafür, dass das Auto auf niedrigere, leistungsschwächere Verbrennungswerte umstellte. Beim normalen Fahrbetrieb, mit Beschleunigung etc., kam dann offensichtlich ein anderes elektronisches Profil zum Einsatz.

Anders als in den USA ist Diesel in Europa ein großes Thema. Müsste man jetzt nicht untersuchen, ob diese Software auch hier eingesetzt wurde?

Das wird die zwangsläufige Folge sein. Man wird in Grunde genommen den ganzen Testzyklus auf den Prüfstand stellen und durchsuchen – und zwar nicht nur bei VW, sondern bei allen deutschen Automobilherstellern. Audi, BMW, Daimler, Ford, Opel, alle stehen jetzt unter dem Generalverdacht, dass da getriggert wird. Das wird die EU-Kommission schon aus Eigeninteresse machen müssen, schließlich gibt sie die Grenzwerte vor. Es ist nicht auszuschließen, dass da noch mehrere Bomben hochgehen! Die Branche ist transparent. Ingenieure und Fachleute sind untereinander gut vernetzt.

Das heißt, in einigen Firmenzentralen könnten heute sehr nervöse Menschen sitzen.

Aber selbstverständlich. Die werden sofort die IAA verlassen haben! (lacht) Wer am schnellsten weg ist, dort brennt es am meisten! Da wird es Schmauchspuren geben. (lacht)

Wo wir gerade in den Vorstandsetagen sind: Ist denn VW-Chef Martin Winterkorn haltbar, wenn auf seinen Konzern unter seiner Federführung eine 18-Milliarden-Strafe zukommt?

Es geht nicht um die Höhe der Strafzahlung, es ist egal, ob es nun 18 Milliarden oder 1 Dollar sind. Hier liegt betrügerisches Verhalten vor. Jedes Unternehmen muss sich an die Gesetzgebung halten, ob es eine Bilanz erstellt oder was auch immer. "Leges sunt servanda" - Gesetze sind einzuhalten. Wenn an dieser Stelle getäuscht wird, wird möglicherweise an anderen Stellen auch manipuliert. Wir wissen es nicht. Dieser Zweifel, der jetzt an der gesamten Unternehmenspolitik und der Geschäftsführung besteht, erstreckt sich zeitlich ja über die gesamte Ära Winterkorn. Wenn er es nicht gewusst hat, ist er schuld, weil er seine Aufsicht vernachlässigt hat. Und wenn er es gewusst hat, - was ich persönlich nicht glaube, denn Herr Winterkorn ist ein ehrenwerter Mann -  ist er doppelt schuld. Er wird die Konsequenzen ziehen müssen. Der Fall ist zu schwerwiegend. Und damit meine ich nicht die 18 Milliarden Dollar. Die kommen lediglich erschwerend hinzu. Die ganze deutsche Automobilindustrie droht, in Verruf zu geraten. Das wird Herrn Winterkorn den Kopf kosten, er wird die Konsequenzen ziehen müssen: Denn er trägt die Last der Verantwortung, die – nebenbei bemerkt – mit einem Jahressalär von über 16 Millionen Euro ja auch entsprechend honoriert wird! Das wäre auch und vor allem im Dienste der gesamten Branche, um zu symbolisieren, dass es sich hierbei nur um VW handelt, also einen Einzelfall.

Würden Sie im Licht der neuen Ereignisse die Attacke von Ferdinand Piëch gegen Martin Winterkorn anders bewerten, oder hatte das eine nichts mit dem anderen zu tun?

(seufzt) In dieser Welt ist alles mit allem verflochten. Das ist eine meiner Lebenserfahrungen. Natürlich hat das nicht unmittelbar miteinander zu tun. Aber im Nachhinein wird man verschiedene Dinge in Zweifel ziehen oder zumindest aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Das ist das Problem. Ob Ferdinand Piëch wusste, was da gemacht wurde, ob Martin Winterkorn das alles in persona zu verantworten hatte, wäre reine Spekulation, Fantasie. Ich würde derzeit keinen unmittelbaren Zusammenhang herstellen. Es ist ja nicht so, als ob Herr Piëch den US-Umweltbehörden den Tipp gegeben hätte: Guckt da mal nach!

Chart

Wer weiß!

Sehen Sie! (lacht) Sie geben die Antwort. Aber Piëch hätte gewusst, dass die VW-Aktie einbricht und er um einiges ärmer wird. Nun gut, die VW-Aktie wird sich wieder erholen. VW stellt bekanntlich 10 Millionen Autos her, die offensichtlich gut sind. Deshalb ist es umso verwunderlicher, dass VW wegen einer solchen Petitesse, in einem Markt, der im VW-Absatz-Repertoire kaum eine Rolle spielt, einen solchen Faux-Pas begeht. Eigentlich habe ich auf all Ihre Fragen nur eine Antwort: Ich bin sprachlos. Aber dann wäre das hier kein Interview geworden (lacht).

Mit Helmut Becker sprach Samira Lazarovic

Quelle: n-tv.de

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