Wirtschaft
Auch fünf Jahre nach Lehman kann keine Entwarnung gegeben werden.
Auch fünf Jahre nach Lehman kann keine Entwarnung gegeben werden.(Foto: picture alliance / dpa)

Banken haben aus Lehman-Crash kaum gelernt: Warum eine neue Finanzkrise droht

Von Hannes Vogel

Vor fünf Jahren löste die Lehman-Pleite die globale Finanzkrise aus. Doch seit dem großen Crash hat sich kaum etwas geändert: Kein einziger Bankchef sitzt im Gefängnis, unbeherrschbare Risiken wuchern, Banken können Staaten weiterhin erpressen. Die nächste Krise ist nur eine Frage der Zeit.

Seit es Finanzmärkte gibt, gibt es Finanzkrisen. Wo Menschen Entscheidungen treffen, bilden sich seit Jahrhunderten Blasen, die unweigerlich platzen. Und dennoch bedeutet die Blase, die am 15. September 2008 mit der Pleite von Lehman Brothers platzte, eine Zäsur. Die US-Immobilienkrise weitete sich zum globalen Flächenbrand. Millionen Menschen verloren ihre Jobs. Die Welt erlebte die größte Finanzkrise der Geschichte. Seitdem gibt es eine Zeitrechnung vor und nach Lehman.

"Eigentlich könnte man erwarten, dass derart traumatische Ereignisse eine öffentliche Diskussion zum Verhältnis von Staat und Finanzwirtschaft auslösen würden. Aber zu einer vertieften gesellschaftlichen Debatte kam es bisher kaum", schrieb Hugo Bänziger, Ex-Risikovorstand der Deutschen Bank bereits im vergangenen Jahr. "Der Unmut vieler Bürger macht sich sporadisch Luft in der Empörung über die Vergütung von Bankern. Doch die meisten Reformen waren bisher eher technischer Natur."

Fünf Jahre nach der Lehman-Pleite ist das Finanzsystem daher so anfällig wie vor dem großen Crash. "Die Frage, die mir seit meinem Ausscheiden aus dem Finanzministerium am häufigsten gestellt wurde, lautet, ob die Gefahr einer erneuten Finanzkrise besteht", schreibt der ehemalige US-Finanzminister Henry Paulson in einem Gastbeitrag für das Handelsblatt. "Ich fürchte, dass die Antwort darauf 'Ja' lautet." Denn kaum ein Banker wurde für seine Fehler zur Verantwortung gezogen. Die Risiken im System verlagern sich zunehmend auf Schattenbanken, die keinerlei Kontrolle unterliegen. Und die Geldhäuser sind heute sogar noch größer als vor dem großen Crash. Zu groß, als dass man sie in einer neuen Krise untergehen lassen könnte.

Lobbyisten verwässern strengere Regeln

Immerhin eine Lehre haben Politiker und Finanzaufseher aus der Lehman-Pleite gezogen: Banken müssen ihre Investments seit der Krise mit deutlich mehr Eigenkapital besichern. Durch die strengeren Regeln sollen Zockergeschäfte unattraktiver, Banken stabiler werden. Doch sie gelten weltweit erst ab 2019. Und der US-Zentralbank sind sie noch zu lasch. Die USA, der wichtigste Finanzplatz der Welt, wollen deshalb eigene Vorschriften einführen. Damit droht eine weltweite Zersplitterung.

Gleichzeitig arbeiten Heerscharen von Lobbyisten eifrig daran, die wenigen Verschärfungen, die seit der Krise eingeführt wurden, wieder zu verwässern. Als Lehre aus der Lehman-Krise verbietet die Finanzmarktreform von US-Präsident Obama mit der "Volcker-Regel" den Banken eigentlich, Zocker-Geschäfte auf eigene Rechnung zu machen. Geldhäuser wie Goldman Sachs oder Credit Suisse reagierten kreativ: Sie machten ihre eigenen Handelsabteilungen dicht. Und als Hedgefonds wieder auf. Oder stiegen bei Hedgefonds als Anteilseigner ein.

Risiken wuchern im Schatten

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Seit der Lehman-Pleite lässt sich eine massive Absetzbewegung beobachten: Die Banken fliehen vor strengeren Vorschriften einfach in die dunklen Ecken des Finanzsystems, in die die Kontrolleure nicht blicken. Die Geldhäuser verschieben riskante Geschäfte einfach zu sogenannten Schattenbanken. Denn die müssen anders als reguläre Finanzinstitute kein Mindestkapital vorweisen und keine Liquiditätsvorschriften beachten. Mit 67 Billionen Dollar verwalten diese Hedgefonds, Private Equity Fonds und Geldmarktfonds ein Vermögen, das nahezu so groß  ist wie die gesamte reale Weltwirtschaft – und bereits halb so groß wie der regulierte Bankensektor. Schon vor fünf Jahren einigten sich die wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G20) darauf, dass kein Finanzplatz, Finanzprodukt oder Finanzakteur der Welt unbeaufsichtigt bleiben soll. Doch die Schattenbanken schlüpften durch.

Banken leihen sich immer mehr Geld von diesen alternativen Finanzinstitutionen oder institutionellen Anlegern. Damit droht sich ein Kardinalfehler der Finanzkrise zu wiederholen: Die Banken finanzieren ihre langfristigen Anlagen zunehmend über kurzfristige Kredite und hinterlegen dafür Wertpapiere als Sicherheiten. Drehen die Fonds im Schatten den Geldhahn zu, dürften einige Geldhäuser im Tageslicht schnell Probleme bekommen.

Auch der Derivatemarkt, ein weiterer Hauptauslöser des großen Crashs, ist heute größer als vor fünf Jahren, nicht kleiner. Mit rund 633 Billionen Dollar ist er laut Bank für Internationalen Zahlungsausgleich inzwischen fast neunmal so groß wie die gesamte reale Wirtschaft der Welt. All die Zinsswaps, Aktienoptionen und Kreditausfallversicherungen dienen also zu einem Großteil der Spekulation.

Beängstigend ist, dass die Risikolimits in diesem Finanzcasino immer noch nicht richtig funktionieren. Bei der Schweizer UBS verzockte der 31-jährige Händler Kweku Adoboli mehr als zwei Milliarden Dollar, bei der US-Bank JP Morgan versenkte ein Team um den "Wal von London" genannten Londoner Händler Bruno Iksil gar 6,2 Milliarden Dollar mit solchen Wetten. Die Milliardenverluste ereigneten sich 2011 und 2012 – also mindestens drei Jahre nach der Finanzkrise.

Die Geschäfte vieler Banken sind immer noch so komplex, dass die Aufseher sie kaum richtig überwachen, geschweige denn rechtzeitig verhindern können. Die Kontrolleure haben in dem Wettrennen auch deshalb kaum eine Chance, weil sich Spekulation und notwendige Absicherung nur schwer voneinander trennen lassen: JPMorgan deklarierte seine Zockereien einfach als Hedge-Geschäfte für frühere Deals.

Kein einziger Banker sitzt im Gefängnis

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Den Aufsichtsbehörden hat inzwischen gedämmert, dass ein Teil der Geschäfte vor dem großen Crash betrügerisch war. Dass die Krise nicht nur passierte, weil volatile Märkte überhitzen oder Analysten sich verrechnet hatten. Sondern weil Menschen aus Gier anderen Menschen faule Papiere unterjubelten. Und Topmanager ihre Firmen verantwortungslos in den Ruin trieben. Dennoch sitzt bis heute kein einziger Banker von Rang und Namen im Gefängnis. Und im fünften Jahr nach der Pleite verjähren die meisten Betrugsfälle.

Die US-Regierung versuchte noch am ehesten, Banker für ihre Verfehlungen – oder Verbrechen - zur Verantwortung zu ziehen. Die US-Hausfinanzierungsaufsicht FHFA hat 2011 insgesamt 17 Klagen gegen nahezu alle globalen Banken eingereicht. Die Behörde fordert Schadenersatz, weil sie den staatlich gestützten Hausfinanzierern Fannie Mae und Freddie Mac vor der Krise faule Hypothekenpapiere im Wert von mehr als 200 Mrd. Dollar verkauft haben sollen. Auch die US-Börsenaufsicht SEC bemüht sich, die Betrügereien vor der Finanzkrise aufzuklären. Die SEC hat unter anderem Goldman Sachs, JP Morgan und Bank of America angeklagt und in Verfahren gegen 161 Firmen oder Personen fast drei Mrd. Dollar an Strafen und Schadenersatz erwirkt.

Doch die Erfinder der hochkomplexen Finanzprodukte, die zum großen Crash führten, sind heute weiter im Geschäft. Ebenso wie die meisten der Bankchefs, die ihren findigen Finanzingenieuren so lange blind vertrauten, wie die Rendite stimmte. Und sich ansonsten kaum um die Risiken der "finanziellen Massenvernichtungswaffen" scherten, die sie konstruierten. Nur Lehman-Chef Dick Fuld verlor seinen Job, kein einziger Vorstand der Pleite-Bank wurde angeklagt. Nur IKB-Chef Stefan Ortseifen wurde wegen der Geschäfte verurteilt, die seine Bank in den Ruin trieben. Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein und JP Morgan-Chef Jamie Dimon regieren weiter. Und mit Anshu Jain ist seit der Krise gar der Mann an die Spitze der Deutschen Bank aufgestiegen, der für die meisten der fragwürdigen Geschäfte der Vergangenheit verantwortlich ist.

Inzwischen hat Deutschland immerhin das Strafrecht für Banker verschärft. Es ist ein schwacher Trost. Denn die Finanzkrise ist ein Kapitalverbrechen, das sich auf offener Straße vor den Augen der Welt zugetragen hat. Jeder hat den Mörder flüchten sehen. Jeder weiß, dass es ein Banker war. Genauer identifizieren kann ihn aber niemand. Geschnappt hat ihn deshalb bislang keiner.

Mega-Vergütung belohnt weiter Zockereien

Über Gehälter wird in der Finanzbranche nicht gern geredet. Das Streben nach dem schnellen Geld gilt als politisch inkorrekt. Dabei ist es ein offenes Geheimnis, dass die astronomischen Boni Investmentbanker vor dem Crash verleiteten, allzu große Risiken einzugehen. Und weiter eine große Motivation für Berufseinsteiger sind. Die potenziellen Folgen trägt weiter der Steuerzahler: "In keiner anderen Branche liegen die Personalkosten bei 50 Prozent der Bruttoerträge. Es ist mit liberalen Ordnungsprinzipien nicht vereinbar, dass jemand, der kein Risiko trägt, viel verdient", schreibt Ex-Deutsche-Bank-Vorstand Bänziger.  

Viele Banken haben nach der Krise ihre Vergütungssysteme angepasst. Die Deutsche Bank schüttet die Erfolgsprämien nun nicht mehr sofort, sondern über einen Zeitraum von fünf Jahren aus. Inzwischen hat die EU Boni sogar gedeckelt: Ab 2014 dürfen die Prämien höchstens zweimal so hoch ausfallen wie das Fixgehalt. Die befürchtete Abwanderungswelle blieb aus: Die Banken erhöhten den Händlern in London einfach die Festgehälter. Die neuen Gehaltsstrukturen fördern nun also keine kurzfristigen Spekulationen mehr. Sondern belohnen Banker mit Millionenzahlungen – egal wieviel sie zocken.

Banken können Staaten noch leichter erpressen

Auch fünf Jahre nach der Lehman-Pleite ist die zentrale Ursache für die verheerendste Finanzkrise der Geschichte noch nicht beseitigt. Internationale Großbanken sind weiterhin "too big to fail" - zu groß, um sie im Pleitefall scheitern zu lassen. Die Finanzriesen können Staaten und ihre Steuerzahler damit weiter erpressen, für ihre Verluste grade zu stehen. Die Bilanzsumme der fünf größten US-Banken ist heute sogar größer als vor der Lehman-Pleite.

Banken sind heute nicht kleiner, sondern größer als vor dem großen Crash. Denn durch die Krise sind sie ironischerweise sogar gewachsen, als marode Geldhäuser wie Merrill Lynch, Bear Stearns, Washington Mutual und Wachovia sich in die Arme von Konkurrenten retteten und fusionierten. Nach dem großen Crash sind sie nun erst recht zu mächtig, um sie untergehen zu lassen. Immer neue Finanzgiganten kommen selbst in Schwellenländern hinzu: Nicht JP Morgan, sondern die Industrial und Commercial Bank of China ist inzwischen die größte Bank der Welt.

Trotzdem gibt es weiterhin keinerlei funktionierende Regeln für die Abwicklung einer internationalen Großbank. In Deutschland sollen die Finanzhäuser ab 2014  Abwicklungspläne für den Fall ihrer eigenen Pleite – sogenannte Banken-Testamente – ausarbeiten. So soll verhindert werden, dass der Steuerzahler sie erneut retten muss, weil die Folgen für das Finanzsystem unklar bleiben. Zudem sollen Großbanken ab Mitte 2015 ihre Handelsgeschäfte in rechtlich selbständige Gesellschaften abspalten.

Doch die Regeln gelten bislang nur in Deutschland. Sie können nicht verhindern, dass sich eine Bank im Ausland verzockt und der deutsche Steuerzahler dennoch zu Kasse gebeten wird. Zudem ist die 2010 eingeführte Bankenabgabe, mit der Finanzinstitute das Geld für ihre erneute Rettung  diesmal schon vorher selbst aufbringen sollen, ein Witz. In dem Fonds wird niemals genug zusammenkommen.

Schlimmer noch: Mit dem dauerhaften Euro-Rettungsschirm, der ausdrücklich auch marode Finanzinstitute retten soll, hat die EU die Staatshaftung für Zocker-Banken sogar institutionalisiert. Künftig zahlt nicht nur die Regierung des Landes, in dem das Geldhaus seinen Sitz hat, sondern alle europäischen Bürger. Der nächste große Crash schwebt also weiter über den Portemonnaies der Steuerzahler. "Die Demokratie", mahnt Hugo Bänziger, "überlebt keine zweite Bankenkrise".

Quelle: n-tv.de

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