Wirtschaft
Den Anschlägen in Brüssel fielen 31 Menschen  zu Opfer.
Den Anschlägen in Brüssel fielen 31 Menschen zu Opfer.(Foto: AP)

"Aberwitzig geringe Kosten": Wie Attentäter an Geld kommen

Von Jan Gänger

Kalaschnikows, Sprengstoff, Granaten: Islamistische Attentäter finanzieren den Terror in Europa unabhängig vom IS. Für die Sicherheitsbehörden ist das ein Problem.

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Erpressung, Menschenhandel, Verkauf von Öl: Selbst wenn es dem Westen gelingen sollte, die Finanzierungsquellen des "Islamischen Staats" (IS) auszutrocknen: Die Terrorzellen in Europa wird das nicht treffen. Denn sie besorgen sich Geld für ihre Anschläge selbst – vor allem durch kleinkriminelle Aktivitäten.

Das fällt Terroristen, die in Europa Menschen in den Tod reißen, vor allem deshalb leicht, weil sie zunehmend dem kriminellen Milieu entstammen - sie ähneln eher Mitgliedern von Jugendbanden als religiösen Extremisten. Schließen sie sich dem IS an, dann "ist das lediglich eine Verlagerung zu einer anderen Form von abweichendem Verhalten", sagt der belgische Politikwissenschaftler Rik Coolseat. Die Mitgliedschaft im IS sei für viele junge Muslime Teil einer Entwicklung, die mit "Gangs, Randale, Drogenhandel und Jugendkriminalität" begonnen habe.

Der IS füge ihrem Leben "eine aufregende, außergewöhnliche Dimension hinzu – und aus Straftätern ohne Zukunft werden Mudschahedin mit einer Mission", schreibt Politik-Professor Coolseat in einer Studie, die er Anfang des Monats vorgelegt hat.

Die Biografien von mindestens zweien der Attentäter von Brüssel entsprechen diesem Schema. Die Brüder Khalid und Ibrahim El Bakraoui waren der Polizei wegen einer Reihe von Delikten bekannt. Khalid wurde 2011 zu fünf Jahren Haft wegen Autodiebstahls unter Gewaltanwendung verurteilt. Ibrahim erhielt 2010 eine neunjährige Haftstrafe, weil er an einem Einbruch beteiligt war, bei dem Polizisten mit einer Kalaschnikow beschossen wurden. Er wurde 2014 aus einem belgischen Gefängnis entlassen. Auch einige der Attentäter von Paris hatten ein langes Vorstrafenregister – häufig handelte es sich um kleinere Vergehen.

Paris-Attentäter nahm Kredit auf

Um Anschläge wie in Paris oder Brüssel durchzuführen, brauchen Terroristen nur wenig Geld. "Ein paar tausend Euro für Waffen vom Schwarzmarkt, selbstgemachten Sprengstoff und den ein oder anderen Mietwagen sind schnell erwirtschaftet, insbesondere wenn die Täter ohnehin aus dem kleinkriminellen Milieu stammen", sagte US-Forscherin Louise Shelley jüngst der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Deswegen gebe es auch nur wenig verdächtige Geldflüsse zwischen den IS-Gebieten und europäischen Städten. Shelley untersucht an der George Mason Universität die ökonomischen Grundlagen von Terrorgruppen.

"Gemessen an dem Schaden, der angerichtet wird, sind die Kosten aberwitzig gering", sagte die Ökonomin Sita Mazumber der "Welt". Die Expertin für Terrorfinanzierung an der Hochschule Luzern schätzt, dass die gescheiterten Kofferbombenanschläge auf Regionalzüge in der Nähe von Köln im Jahr 2006 wenige Hundert Euro kosteten. Für die Attacke 2004 auf Pendlerzüge in Madrid mit zahlreichen Toten waren Mazumber zufolge rund 10.000 Dollar nötig. Die Anschläge auf die Londoner U-Bahn im Jahr 2005 habe etwa 15.000 Dollar gekostet.

Diese Summen lassen sich einfach auftreiben – oft reichen schon Ersparnisse oder Zuwendungen von Verwandten und Freunden. Oder künftige Terroristen borgen sich das Geld problemlos bei einer Bank.

Einer der Terroristen von Paris, der von Polizisten erschossen wurde, hatte bei der französischen Cofidis einen Kredit von 6000 Euro aufgenommen – und kaufte davon Kalaschnikows und Granaten. Zugleich schloss er eine Lebensversicherung ab, die im Todesfall den Kredit begleichen sollte.

Über die aktuellen Ereignisse informieren wir Sie im Live-Ticker.

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Quelle: n-tv.de

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