Wirtschaft
Negative Zinsen dürften in der Eurozone bald der Normalfall sein, nicht die Ausnahme.
Negative Zinsen dürften in der Eurozone bald der Normalfall sein, nicht die Ausnahme.(Foto: picture alliance / dpa)

Sparer zittern vor EZB-Strafgebühren: Zinsen bleiben für Jahre negativ

Von Hannes Vogel

Vor der Europawahl wiegen die Regierungen die Wähler in Sicherheit. Doch die Euro-Krise ist längst nicht vorbei. Nach der Wahl wird die EZB zu radikalen Maßnahmen greifen. Europas Sparer werden noch Jahre darunter leiden.

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Nur noch ein paar Tage, dann ist es soweit. Am Sonntag ist Europawahl. Die Bürger aller EU-Staaten bestimmen dann, wer im Brüsseler Parlament ihre Interessen vertritt. Die Spitzenkandidaten streiten über den Bürgerkrieg in der Ukraine und Googles Marktmacht. Über die schwelende Wirtschaftskrise reden sie kaum.

Oberflächlich sieht ja auch alles gut aus: Das Börsenbeben der vergangenen Jahre ist abgeebbt. Irland und Portugal haben den Rettungsschirm verlassen. Und selbst Griechenland erholt sich. Hellas schrumpft so wenig wie seit vier Jahren nicht mehr. Rechnet man die Zinsen für den Schuldendienst heraus, erzielt Athens Staatshaushalt wieder Überschüsse. Der Pleitestaat ist sogar wieder an die Kapitalmärkte zurückgekehrt.

Der schöne Schein trügt

Doch hinter der Fassade brodelt die Krise weiter. Echte Reformen schieben die Schuldenstaaten auf die lange Bank. Auch in Italien, Portugal und Zypern schrumpft die Wirtschaft, selbst in Holland ging es zum Jahresanfang bergab. In Frankreich stagnierte das Wachstum überraschend. Ohne Deutschland wäre die Eurozone in der Rezession. In Spanien und Griechenland ist weiter jeder vierte ohne Job, bei den Jugendlichen jeder zweite.

Der Grund für die anhaltende Malaise ist ein gefährlicher Giftcocktail, der Europas Wirtschaft lähmt: Es gibt kaum Wachstum, der starke Euro würgt die Konjunktur zusätzlich ab. Und in den Schuldenstaaten fallen deshalb die Preise. Die Europäische Zentralbank (EZB) ist alarmiert: Sinken sie zu sehr, geben die Verbraucher weniger Geld aus, weil sie hoffen, dass Waren künftig noch billiger werden. Die Nachfrage stockt und Unternehmen fahren ihre Produktion zurück, weil sie weniger verdienen. Eine Abwärtsspirale, in der die Preise die Wirtschaft in die Tiefe reißen.

Eine neue Ära im Schuldenkrieg

Die EZB will das mit aller Macht verhindern. Und wird gleich nach der Europawahl im Juni zu radikalen Maßnahmen greifen. Der Leitzins soll von 0,25 Prozent auf nur noch 0,15 Prozent sinken, berichtet der "Spiegel". Zum ersten Mal in der Geschichte der Eurozone soll es negative Zinsen geben: Banken, die ihr Geld über Nacht bei der EZB parken, müssen dafür eine Strafgebühr bezahlen. Die Währungshüter hoffen, dass sie ihr Geld dann nicht mehr bei der Notenbank bunkern, sondern es als Kredite in die Wirtschaft stecken. Um die Märkte sanft auf den historischen Schritt vorzubereiten, lässt die EZB ihre Pläne jetzt schon an die Medien durchsickern.

Es ist ein purer Akt der Verzweiflung. Die EZB hat bereits alle regulären Waffen in ihrem Arsenal eingesetzt, um die Wirtschaft anzukurbeln - ohne Erfolg. Sie hat die Zinsen auf Niedrigniveau gesenkt. Sie hat den Banken schon 2011/2012 eine Billion Euro geliehen, in der Hoffnung, dass sie das Geld in die Wirtschaft investieren. Doch diese Wette ging nicht auf. Die Strategie der EZB, die Euro-Krise mit Geld totzuschießen, hat nicht funktioniert. Trotzdem macht sie damit weiter - und greift einfach zu noch größeren Waffen. Der Schuldenkrieg tritt in eine neue Phase.

Minuszinsen werden zum Normalfall

Wieder wird EZB-Chef Mario Draghi dabei zur Schicksalsfigur. Es waren nicht die Brüsseler Rettungspakete und Rettungsschirme, die die Krise entschärften. Sondern seine Worte: "Wir werden alles tun, um den Euro als stabile Währung zu erhalten und glauben Sie mir, es wird genug sein", sagte er im Juli 2012, als Spaniens Banken strauchelten, Madrid mit Milliarden gerettet wurde, die Eurozone zu zerbrechen drohte. Niemand zweifelt seitdem mehr daran, dass die EZB notfalls massiv Staatsanleihen kaufen wird, um den großen Crash zu verhindern.

Draghis neuste Offensive dürfte Jahre dauern, denn der Kampf mit den Märkten ist noch lange nicht vorbei. Negative Zinsen werden keine kurzfristige Ausnahme bleiben, sondern für Jahre der Normalfall. Die Mega-Geldspritzen, die die EZB den Banken verabreichte, hatten eine Laufzeit von drei Jahren. In den USA liegen die Zinsen schon seit fünfeinhalb Jahren faktisch bei Null. Erst jetzt fährt die US-Notenbank ihre Anleihekäufe langsam zurück. Eine Zinserhöhung liegt immer noch in weiter Ferne.

Die EZB geht selbst davon aus, dass in Europa die Preise erst 2016 wieder so stark steigen werden, dass ein Ausstieg aus der Politik des billigen Geldes auch nur theoretisch möglich wäre. Die Währungshüter müssen auf Dauer ihren Kurs halten. Sie haben den Banken einfach zu viele Hoffnungen gemacht.

Die Rechnung zahlen die Anleger, die für ihr Geld kaum noch etwas bekommen, wenn sie es zur Bank tragen. Die EZB weiß das, nimmt es aber als kleineres Übel in Kauf: "Ich habe sehr viel Verständnis für die Nöte der Sparer, mein Geld liegt auch auf der Bank", sagte EZB-Chefvolkswirt Peter Praet in der vergangenen Woche. "Wir müssen diese Krise aber jetzt hinter uns bringen".

Quelle: n-tv.de

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