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Wall Street schließt im Minus: "Panikstimmung" schickt Dax auf Talfahrt

Mehr als 300 Punkte verliert der Dax in der Spitze. Er kracht durch die 9000, 8900, 8800, 8700 - erst dann stoppt der Kursrutsch. Aber Experten sehen weiteres Abwärtspotenzial. Der Grund dafür ist so einfach wie kompliziert.

"Es herrscht Panikstimmung an den Börsen", sagt Andreas Paciorek von CMC Markets. "Die Börsianer haben Angst, dass sich die Konjunktur abkühlt", meint n-tv-Börsenexpertin Katja Dofel. "Die Angst nährt die Angst", kommentiert n-tv-Aktienmarktexperte Raimund Brichta. Drei Statements, die die Situation am deutschen Aktienmarkt am Donnerstag treffend beschreiben: Nach einer positiven Wochenmitte sind die Kurse am Donnerstag wieder deutlich gefallen.

Der Dax verabschiedete sich mit einem Abschlag von 2,9 Prozent und 8753 Punkten aus dem Handel. Das Tagestief markierte der Leitindex am Vormittag bei 8699 Zählern Zur Wochenmitte hatte  er bei 9017 Stellen geschlossen. Insgesamt hat der Dax somit in dieser Woche bisher 5,7 Prozent eingebüßt, nach rund 5 Prozent in der Vorwoche. Der MDax gab 2,8 Prozent auf 17.595 Zähler nach. Der TecDax büßte 2,9 Prozent ein und schloss mit 1485 Stellen.

Krankt die Konjunktur?

Das alles überschattende Thema am Markt war und ist: Schwächelt die Weltkonjunktur? Droht eine Rezession? Laut Ifo-Institut hat sich das Weltwirtschaftsklima im ersten Quartal 2016 demnach weiter abgekühlt. Der entsprechende Index für die Weltwirtschaft sank auf 87,8 Punkte von 89,6 im Vorquartal. Er entfernte sich weiter von seinem langfristigen Durchschnitt bei 96,1 Punkten.

Auch die Aussagen von US-Notenbank-Präsidentin Janet Yellen zur Lage der Konjunktur werteten Börsianer eher negativ. Aufgrund der derzeitigen Umstände folge die Geldpolitik keinem vorgegebenen Kurs, sagte Yellen und nährte damit Erwartungen, dass die Fed nach ihrem ersten Zinserhöhungsschritt im Dezember nicht allzu schnell vorpreschen wird. Investoren gingen erneut auf Nummer sicher, hieß es im Handel: Bundesanleihen wurden gekauft. Der Bund-Future, ein an der Derivatebörse Eurex gehandelter Terminkontrakt auf Bundesanleihen, stieg erneut auf ein Rekordhoch.

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"Europas Bankensektor hängt in den Seilen und jeder darf darauf einprügeln. Dies belastet den Dax zusätzlich, doch vor allem lassen der Carry-Trade und die fallenden Ölpreise die Märkte erodieren", kommentierte Daniel Saurenz von Feingold Research. Er macht "Züge von Panik" aus. "Die Börsen sind weltweit im ersten Bärenmarkt seit der Lehman- und Finanzkrise." Chartanalysten halten ein Abrutschen bis auf 8300 oder 8200 Punkten beim Dax für möglich.

Rohstoffe: Gold statt Öl

Öl rückte wieder zurück in den Fokus. Der Preis gab deutlich nach. Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent zur Lieferung im April kostete zu US-Handelsschluss 31,07 Dollar. Das waren 0,7 Prozent mehr als am Mittwoch. WTI verbilligte sich um 1,0 Prozent auf 27,19 Dollar je Fass. Im Verlauf des Tages lag der Wert klar unter der 27-Dollar-Marke.

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Die Analysten von Goldman Sachs gehen nun davon aus, dass die Preise angesichts der Ölschwemme und der schwächeren chinesischen Konjunktur bis zum zweiten Halbjahr im Keller bleiben dürften. Sie rechnen in den kommenden Monaten mit stark schwankenden Preisen zwischen 20 und 40 Dollar je Fass. Der Ölpreis war in den vergangenen 18 Monaten um etwa 70 Prozent eingebrochen.

Immer mehr Investoren greifen ob der Unsicherheiten an den Aktien- und Rohstoffmärkten stattdessen bei Gold zu. Der Preis für das Edelmetall kletterte in der Spitze um 4,1 Prozent auf 1246 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm). Der vermeintlich "sichere Hafen" war damit so teuer wie seit knapp neun Monaten nicht mehr. Seit Jahresanfang legte der Goldpreis rund 20 Prozent zu. Gestützt wurde der Auftrieb auch von der Aussicht auf nur langsam steigende Zinsen in den USA.

Dax: Bankaktien abgestraft

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Bei den Einzelwerten im Dax lautete das Motto: Und täglich grüßt die Deutsche Bank. Relativ entspannt sehen Händler zwar Presseberichte, wonach das Finanzinstitut weitere Abschreibungen auf die Postbank vornehmen muss. "Das ist keine Story, um die Aktie weiter zu drücken", sagte ein Händler. Die negative Grundstimmung im Bankensektor belastete mehr. Die Papiere, am Dienstag größter Verlierer, am Mittwoch größter Gewinner im Dax, sackten rund 6 Prozent ab. Commerzbank rauschten mehr als 6 Prozent nach unten. Damit kamen die beiden deutschen Banken noch gut weg, Societe Generale (SocGen) fielen zeitweise fast 14 Prozent. "Der Markt hat sich angesichts des Umfelds eben nur auf die negativen Aspekte eingeschossen", sagte ein Händler und verwies auf die frischen Quartalszahlen.

Auch die Versorger gaben deutlich nach. Eon verloren 4 Prozent, RWE ebenfalls. Die Analysten der Bank Berenberg stuften beide Titel auf "Sell" herunter.

Nur ein Gewinner

Adidas, Top-Gewinner des Vorjahres im Dax, präsentierten frische Geschäftszahlen. "Die Zahlen sind sehr gut", sagte ein Händler. Der Konzern hofft nun für das neue Jahr auf eine weitere Margenverbesserung und hat die Prognosen hochgenommen. "Das gibt bei den Gewinnschätzungen Luft", so ein Händler. Der Kurs sollte über kurz oder lang die Rekordstände wieder anlaufen und auch die 100er Marke anpeilen - einen relativ stabilen Gesamtmarkt vorausgesetzt. Adidas waren der einzige Gewinner im Dax: Fast3 Prozent ging es nach oben.

Enttäuschende Zahlen des US-Konkurrenten Mosaic und ein kritischer Analystenkommentar setzten dagegen K+S unter Druck. Die Titel verloren etwa 5 Prozent und fielen auf ein Zweieinhalbjahrestief.

MDax: Positiv ist nicht gleich positiv

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Von guten Zahlen sprachen Marktteilnehmer bei Gerresheimer. Der Konzern habe die, so ein Marktteilnehmer, ohnehin hohen Gewinnerwartungen der Analysten auf Ebit-Ebene sogar noch geschlagen. "Die meisten Kennziffern lägen allerdings im Rahmen der Erwartungen", so ein Händler. Die Papiere verloren rund 2 Prozent.

Bilfinger schlossen dank guter Ergebnisse des Baudienstleisters in dem extrem schwachen Börsenumfeld 0,7 Prozent fester. Metro hatte im ersten Quartal des Geschäftsjahres deutlich weniger verdient als erwartet, woraufhin der Kurs um mehr als 6 Prozent nachgab. Aktien des Kabelnetzbetreibers Tele Columbus fielen nach anfänglichen Gewinnen ebenfalls mehr als 6 Prozent. United Internet hatte sich mit mehr als einem Viertel an Tele Columbus beteiligt. Deren Aktien sanken 2 Prozent.

USA: Wall Street rot

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Sorgen um die Weltwirtschaft haben auch an der Wall Street für den nächsten Kurssturz gesorgt. Wie in Europa standen vor allem Bankaktien unter Druck. Gesucht waren dagegen vor allem als sicher geltende Werte wie Gold und der japanische Yen. "Hauptfaktor ist der immense Pessimismus an den Märkten", sagte Steven Englander, Währungsstratege bei der Citigroup. Die Anleger seien ausschließlich auf Sicherheit bedacht. Investoren zweifeln daran, dass die lockere Geldpolitik der Notenbanken ausreichen wird, um die Konjunktur zu stützen.

Der Dow-Jones-Index der Standardwerte notierte 1,6 Prozent schwächer und schloss bei 15.660 Punkten. Der breiter gefasste S&P-500 fiel 1,2 Prozent auf 1829 Zähler. Der Nasdaq Composite verlor 0,4 Prozent auf 4267 Punkte.

Viele Börsianer fürchten, dass die Weltwirtschaft ins Straucheln gerät, sich Kreditausfälle häufen und die Finanzwirtschaft deshalb Probleme bekommt. Auch an der Wall Street rutschten Bankaktien in den Keller. Bank of America sanken um 6,1 Prozent, Goldman Sachs um 4,3 Prozent und Citigroup um 6,4 Prozent.

Steil bergab ging es auch mit den Aktien von Boeing, die um 6,6 Prozent einbrachen. Der Nachrichtenagentur Bloomberg zufolge prüft die US-Börsenaufsicht SEC, ob der Flugzeugbauer die Kosten und die voraussichtlichen Verkaufszahlen von zwei seiner bekanntesten Modelle korrekt verbucht hat.

Im Fokus standen ferner Twitter-Aktien, die 1,5 Prozent absackten. Erstmals seit dem Börsengang 2013 ist die Zahl der Twitter-Nutzer zurückgegangen. Die Anteilsscheine des Pharmakonzerns Mylan verbilligten sich um 12,1 Prozent. Viele Analysten beurteilen den Kaufpreis für den schwedischen Konkurrenten Meda als überteuert.

Devisen: Euro und Yen stark

Der Euro zog im Handelsverlauf deutlich an und zeigte sich damit von seinen Verlusten zur Wochenmitte erholt. Die Gemeinschaftswährung kostete zum Handelsschluss 1,1320 Dollar. Das waren 0,4 Prozent mehr als am Mittwochabend. Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs am Mittag auf 1,1347 Dollar fest nach 1,1257 Dollar am Mittwoch.

Der Euro profitierte von der Dollar-Schwäche, die von der in die Aussagen von Fed-Chefin Yellen hineininterpretierte Aussicht auf vorerst anhaltend niedrige Zinsen in den USA angeheizt wurde. Zur japanischen Landeswährung fiel der Greenback auf 112,32 Yen und markierte damit den tiefsten Stand seit Ende Oktober 2014. Damit sind aber auch die jüngsten japanischen Lockerungsschritte in der Geldpolitik völlig verpufft. Aus technischer Sicht gibt es nun bei 110 Yen die nächste Unterstützung, und diese ist nicht stark. Einige Marktteilnehmer meinten deshalb, der Yen könnte sogar die breite Widerstandszone zwischen 104 und 102 Yen je Dollar angreifen.

Asien: Dicke Minuszeichen

Der starke Yen belastete aber vor allem japanische Exportwerte. Allerdings blieb die Tokioter Börse wegen eines Feiertag geschlossen. Auch in China blieben die führenden Börsen zu, wegen des seit Tagen dauernden Neujahresfestes. Der MSCI-Index für die Region Asien/Pazifik unter Ausschluss Japans sank um fast 5 Prozent. Die Börse in Hongkong verlor rund 4 Prozent. "Der Lackmustest kommt möglicherweise später, wenn die Kurse an den Märkten weiter nachgeben und die Anleger auf die Zentralbanken schauen, ob diese ihnen zur Rettung eilen", sagte Justin Fabo, Volkswirt beim Geldhaus ANZ.

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Quelle: n-tv.de

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