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Die breite Spur und die schmalen Fenster lassen den neuesten Grand Cherokee noch wuchtiger erscheinen.
Die breite Spur und die schmalen Fenster lassen den neuesten Grand Cherokee noch wuchtiger erscheinen.(Foto: n-tv.de/Busse)

Jeep Grand Cherokee: Italo-Western nach deutschem Drehbuch

von Axel F. Busse

Durch die Übernahme der Chrysler Group durch Fiat laufen auch die Geschäfte der ur-amerikanischen Marke Jeep als Italo-Western. Wie hat der Geländewagenklassiker die Umstellung verkraftet? Antworten gab der n-tv.de-Praxistest.

Für Menschen, die Geländewagen fahren und dabei absolut authentisch sein wollen, gibt es eigentlich nur eine Wahl: Jeep. So wie Uhu für Klebstoff oder Tempo für Papiertaschentücher steht der Markenname für eine ganze Fahrzeuggattung. Ein solches Marken-Image ist mit Geld kaum aufzuwiegen. Der soliden und weltweiten Fan-Gemeinde auf der einen stand auf der anderen Seite eine unsichere Zukunft gegenüber, als Daimler die Trennung von der Chrysler Group beschloss.

Die Overland-Ausstattung liefert 20-Zoll-Alufelgen am Werk mit.
Die Overland-Ausstattung liefert 20-Zoll-Alufelgen am Werk mit.(Foto: n-tv.de/Busse)

Inzwischen können die Verantwortlichen bei Jeep wieder optimistisch in die Zukunft blicken, die Zahl der Neuzulassungen vom Grand Cherokee in Deutschland hat sich im Januar dieses Jahres gegenüber dem Vergleichsmonat 2011 mehr als vervierfacht. Für diesen Test wurde ein Modell 3.0 V6 CRD in der Ausstattungslinie Overland ausgewählt. Ein Viertel der hierzulande neu zugelassenen Grand Cherokee waren im vergangenen Jahr mit einem Ottomotor ausgestattet, bei anderen Marken liegt der Anteil der Benziner lediglich bei fünf bis zehn Prozent. Das liegt nicht nur daran, dass der Jeep ein eher amerikafreundliches Publikum anspricht, sondern auch an der Tatsache, dass die Markteinführung des Diesels in Deutschland mit einiger Verzögerung erfolgte.

Als Diesel ist der Grand Cherokee genau betrachtet noch weniger ein US-Produkt, als er es vor der Übernahme Jeeps durch Fiat war. Inzwischen ist er als deutsch-italienisch-amerikanische Ko-Produktion unterwegs. Auf der Plattform der M-Klasse von Mercedes ist eine Jeep-Karosserie von hohem Wiedererkennungswert montiert, die von einem italienischen Dieselmotor (VM-Motori) angetrieben wird.

Warten auf modernes Getriebe

Der Allradantrieb kann auf ein spezielles Regelsystem für schneereichen Untergrund eingestellt werden.
Der Allradantrieb kann auf ein spezielles Regelsystem für schneereichen Untergrund eingestellt werden.(Foto: n-tv.de/Busse)

Die Kombination aus dem durchzugsstarken Selbstzünder und einer fünfstufigen Automatik erwies sich in der Praxis als harmonisch und gut aufeinander abgestimmt. Allerdings stellt sie alles andere als die Spitze des Fortschritts dar, denn derzeit werden 6-, 7- und achtstufige Schaltautomaten in Geländewagen und SUV dieses Segments eingebaut. Verbrauchsmindernde Technik wie etwa ein Start-Stopp-System steht ebenso wenig zu Verfügung. Allerdings scheint Rettung in Aussicht: Fiat-Tochter Lancia beginnt demnächst, die moderne ZF-Achtgangautomatik in das Modell Thema einzubauen, weshalb damit gerechnet werden darf, dass Jeep sie vielleicht mit der nächsten Modellauffrischung ebenfalls bekommt.

Außer einer leichten Anfahrschwäche und dem bei niedrigem Tempo deutlich vernehmbaren Lkw-ähnlichen Schnarren des Diesels, sind Schub und Geräuschkulisse auf Oberklasse-Niveau. Der Hersteller verspricht 8,2 Sekunden von Null auf Hundert, was eine glatte halbe Sekunde schneller ist, als der große V8-Benziner zu sprinten vermag. Immerhin geht es darum, 2,3 Tonnen druckvoll auf die Reise zu schicken. Nach EU-Norm soll der Motor mit 8,3 Liter Kraftstoff auskommen, was bei Dauerfrost und hohem Kurzstreckenanteil – wie in diesem Test – natürlich illusorisch ist. Mit 9,5 Litern fiel der Spritkonsum aber moderat aus.

Die Luftfederung erlaubt eine Anhebung der Bodenfreiheit bis auf 270 mm.
Die Luftfederung erlaubt eine Anhebung der Bodenfreiheit bis auf 270 mm.

Mit der Bodengruppe der M-Klasse erhielt der Grand Cherokee erstmals auch eine Einzelradaufhängung an der Hinterachse. Obwohl der große Indianer ein handfester Naturbursche ist, der das Klettern nicht verlernt hat, bietet er jetzt einen Straßenkomfort, der an das Niveau von Limousinen der oberen Mittelklasse heranreicht. Wer doch mal den Asphalt hinter sich lassen und ruppige Pfade erkunden muss, kann per Drehknopf die richtige Einstellung des elektronisch geregelten Allradantriebs wählen. Es fehlt an nichts, was im Gelände nützlich ist: Bergabfahrkontrolle, Untersetzung, Spezialprogramme für Schnee-, Schlamm- oder Felsenfahrt. Sich bei dem Bedienkopf an das von Land Rover benutzte Terrain-Response-System erinnert zu fühlen, schadet nicht, denn so ist es nun mal am praktischsten.

Innenraum deutlich aufgewertet

Die satte Portion Premium, die Fiat dem Spitzen-Jeep verordnet hat, ist an der reichlichen Verwendung von Chrom außen und hochwertigen Materialien innen zu erkennen. Das Karosseriedesign mit breiter Spur, hoher Schulter und schmalen Fensterflächen macht die Erscheinung gegenüber dem Vorgänger deutlich wuchtiger. Das Markengesicht des Jeeps wird durch den aus sieben senkrechten Schlitzen bestehenden charakteristischen Kühlergrill gewährleistet, die eckig ausgeführten Radhäuser gehören ebenso zu den Kernwerten des Designs.

Die Aufwertung der Innenausstattung ist unverkennbar und vermittelt Behaglichkeit.
Die Aufwertung der Innenausstattung ist unverkennbar und vermittelt Behaglichkeit.(Foto: n-tv.de/Busse)

Im Innern ist schnödes Hartplastik großflächig durch griffsympathische Kunststoffe ersetzt, fein gemaserte Holzeinlagen und Lederverkleidungen – je nach Ausstattung mit Kontrastnähten - vermitteln ein stimmiges Bild hochklassiger Beförderung. Die serienmäßigen Ledersessel sind bequem und langstreckentauglich. Sie gehören ebenso zum Lieferumfang wie das beheizbare Lenkrad, dessen Kranz eine Spur zu wulstig gestylt ist, dessen Kombination aus Leder- und Holzoberfläche aber sehr edel wirkt.

Üppige Ausstattung im "Overland"

Die "Overland"-Ausstattung, die knapp 9.000 Euro über den Startpreis für den Dreiliter-Diesel liegt, verführt durch umfassenden Komfort. Außer Fernlicht- und Parkassistent, Rückfahrkamera und Alpine-Soundsystem gibt es eine Festplatten-Navigation mit Touchscreen, Bluetooth-Telefonanbindung mit Sprachsteuerung. Eine intuitive Bedienbarkeit und eine übersichtliche Kartengrafik sprechen für die Anlage, nicht immer praxisgerecht ist die Maßstabs-Abstufung, die vom 200-Meter-Radius gleich auf einen Kilometer springt und dann nicht die Detailgenauigkeit bringt, die sich der Nutzer gerade in dieser Situation wünscht.

Beheiz- und belüftbare Vordersitze sowie eine elektrisch bewegliche Heckklappe, 20-Zoll-Aluräder und Luftfederung sind ebenfalls Serie. Mit ihrer Hilfe kann die Bodenfreiheit des Fahrzeugs zwischen 205 und 270 Millimeter variiert werden. Wie beim Vorgänger lässt sich für Expeditionen in schweres Gelände die Frontschürze abnehmen, dann erreicht der Offroader einen Böschungswinkel von 35 Grad vorn und 29 Grad hinten sowie einen Rampenwinkel von 25 Grad. Damit lässt sich fast jede Hürde nehmen. Die Anhängelast von 3,5 Tonnen maximal sichert die Mobilität von Pferde- oder Bootanhängern ab.

Fazit: Der "große Indianer" gehört zweifellos zu den Fahrzeugen, die viel Platz und bequemes Reisen mit uneingeschränkter Geländetauglichkeit am besten verbinden. Die neueste Generation bietet einen Zuwachs an Behaglichkeit und Fahrkomfort. Da man für ein vergleichbar ausgestattetes Fahrzeug mit Stern auf dem Kühlergrill leicht 20.000 Euro mehr ausgeben muss, ist der Jeep vor allem etwas für Leute, denen Pragmatismus vor Prestige geht.

 

DATENBLATTJeep Grand Cherokee
Abmessungen4,82/ 1,94/ 1,78 m
Radstand2,92 m
Leergewicht (DIN)2347 kg
Sitzplätze5
Ladevolumen782 l / 1554 Liter
max. Zuladung602 kg
Motor/HubraumV6-Zylinder Diesel-Motor mit 2949 ccm Hubraum
Getriebe5-Gangautomatik
Leistung241 PS (177 kW) bei 4000 U/min
KraftstoffartDiesel
AntriebAllrad permanent
Höchstgeschwindigkeit202 km/h
max. Drehmoment550 Nm bei 1800 U/min
Tankinhalt93 l
Beschleunigung 0-100 km/h9,5 s
Normverbrauch (außerorts/ innerorts/ kombiniert)

 

10,3l/7,2l/8,3l

Testverbrauch9,5 l
CO2-Emissionen
(Normverbrauch)
218 g/km
Grundpreis48.850 Euro
Preis des Testwagens58.450 Euro

Quelle: n-tv.de

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