Politik
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Freitag, 23. Dezember 2016

Flucht, Fingerabdrücke, IS-Video: Anis Amri - Das Ende eines Terroristen

Von Diana Sierpinski

Der mutmaßliche Berlin-Attentäter ist tot - doch die Ermittlungen gehen weiter und konzentrieren sich nun auf mögliche Hintermänner. Ein Video zeigt Amri, in dem er "Rache für das Blut von Muslimen" fordert. Die Polizei präsentiert ein wichtiges Beweisstück. Ein Überblick

Tagelang war er der meistgesuchte Mann Europas. Jetzt ist der mutmaßliche Berlin-Attentäter Anis Amri tot. Zuvor hielt der Tunesier die deutschen Behörden monatelang zum Narren. Er benutzte sieben Aliasnamen, lebte abwechselnd in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und in Berlin - bis ihn die Ermittler aus den Augen verloren. Mit fatalen Folgen. Mit einem Sattelschlepper raste er auf den Weihnachtsmarkt an der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und tötete 12 Menschen.

Tod in Mailand

Einen Tag vor Heiligabend herrscht Erleichterung. Amri wurde am frühen Morgen nahe Mailand bei einer Straßenkontrolle erschossen. Zwei junge Polizisten schieben in der Nacht in Sesto San Giovanni in der Nähe des Bahnhofs Wache. Da fällt Luca S. und Christian M. ein Mann auf - wie sich herausstellen wird, ist es der europaweit gesuchte Anis Amri. Bei einer Befragung wird einer der Polizisten stutzig. Er fordert Amri auf, seinen Rucksack zu entleeren. Daraufhin habe dieser eine geladene entsicherte Pistole des Kalibers 22 aus der Jacke hervorgeholt - und geschossen. M. sei an der Schulter getroffen worden. Der jüngere Polizist Luca, der sich hinter dem Streifenwagen versteckte, erwiderte das Feuer. Amri rief: "Polizisten-Bastarde". Der Beamte habe zwei Mal geschossen, dabei habe er Amris Brustkorb getroffen. Alle Reanimationsversuche der Polizisten waren vergeblich, nach zehn Minuten starb Amri.

Merkel: Unsere Werte werden siegen

Video

Kurz nacheinander treten im Tagesverlauf Innenminister De Maizière, Justizminister Maas und Kanzlerin Merkel vor die Kameras. Merkel wendet sich direkt an die Bürger: "Um unser aller Schutz zu gewährleisten, müssen wir weiter und intensiv arbeiten. Darauf können Sie sich verlassen." Zum Schluss beschwört sie die westlichen Werte der Mitmenschlichkeit, die über den Hass der Terroristen letztlich siegen würden. "Unsere Demokratie, unser Rechtsstaat, unsere Werte, unsere Mitmenschlichkeit - sie sind der Gegenentwurf zur hasserfüllten Welt des Terrorismus. Und sie werden stärker sein als der Terrorismus", sagt Merkel. Zugleich räumte sie ein, dass der Fall des Tunesiers "eine Reihe von Fragen" aufwerfe.

Die Ermittlungen konzentrieren sich nun auf mögliche Helfer. "Für uns ist es jetzt von großer Bedeutung festzustellen, ob es bei der Tatvorbereitung, bei der Tatausführung und auch bei der Flucht des Gesuchten ein Unterstützernetzwerk, ein Helfernetzwerk, ob es Mitwisser oder Gehilfen gab", sagte Generalbundesanwalt Peter Frank. Amri reiste nach italienischen Angaben allein mit dem Zug von Frankreich nach Italien.

Polizei stellt Beweisstück sicher

Video

Amris Fingerabdrücke waren nach Angaben von Ermittlern an dem Lkw sichergestellt worden. Im Fahrerhaus wurde nach Informationen des "Spiegels" das Mobiltelefon von Amri gefunden. Zunächst war nur bekannt geworden, dass sich die Geldbörse mit Dokumenten dort befand. Die Auswertung des Mobiltelefons durch Spezialisten der Kriminaltechnik laufe derzeit auf Hochtouren, zitierte das Nachrichtenmagazin aus Sicherheitskreisen. Der späte Fund, so heißt es aus Berliner Polizeikreisen, sei der "Akribie der Tatortarbeit" geschuldet. Man habe nach dem Prinzip Gründlichkeit vor Schnelligkeit gearbeitet.

Bekenntnis zur Terrormiliz IS

Einige Stunden, nachdem der Tod Amris bekannt geworden war, veröffentlichte das IS-Sprachrohr Amak ein Video. Auf der knapp dreiminütigen Aufnahme schwört Amri dem IS die Treue und erklärt, er wolle Märtyrer werden. In dem Video richtet sich Amri an die "Kreuzzügler": "Wir kommen zu Euch, um Euch zu schlachten, Ihr Schweine." Es werde Rache für das Blut von Muslimen geben, das vergossen wurde. "Wir werden Rache üben, Rache üben, Rache üben, so Gott will." Amak gab dem mutmaßlichen Attentäter den Kampfnamen Abu Bara al-Tunisia.

Moscheeverein erneut im Visier

Erneut richteten sich die Blicke auf eine Moschee in Berlin-Moabit, die als Salafistentreffpunkt gilt. Zwar weist Berlins Innensenator Andreas Geisel Berichte zurück, wonach der mutmaßliche Attentäter Anis Amri nach dem Anschlag vor dem Moscheeverein "Fussilet 33" gefilmt worden sei. Laut dem SPD-Politiker wollen sich die Behörden aber "'Fussilet 33' noch einmal besonders anschauen".

Innenstaatssekretär Torsten Akmann wurde etwas deutlicher: Derzeit werde geprüft, "ob man hier kurzfristig tätig werden kann", sagte er. Es gehe um die Frage, ob "Verbotstatbestände" vorliegen, die einen solchen Schritt rechtfertigten. Dazu könnten Strafverfahren gegen Beteiligte gehören oder Hinweise auf Unterstützung terroristischer Vereinigungen. Vorsitzender von "Fussilet 33" war laut Berliner Verfassungsschutz der selbsternannte "Anführer" oder "Emir" Ismet D., der in Moabit mit seinem Islamunterricht Muslime für den Dschihad in Syrien radikalisiert haben soll.

Warnung aus Marokko

Marokkanische Sicherheitsbehörden sollen deutsche Kollegen im September und Oktober vor Anschlagsplänen Amris gewarnt haben. Demnach sollen die Meldungen an den Bundesnachrichtendienst und das Bundeskriminalamt gegangen sein, berichtet dpa mit Bezug auf Sicherheitskreise. Marokkanische Sicherheitskreise bestätigten, dass es von ihrer Seite zwei entsprechende Warnungen gegeben habe.

Nach einem Bericht der Zeitung "Die Welt" soll der marokkanische Geheimdienst die Warnungen am 19. September und am 11. Oktober weitergeleitet haben. Die Zeitung beruft sich auf Informationen aus der marokkanischen Regierung. Konkret sei es um die Gesinnung Amris gegangen und seine Bereitschaft, einen Terroranschlag durchzuführen.

Alle Berliner Opfer geklärt

Bei dem Anschlag am 19. Dezember waren zwölf Menschen getötet worden. Wie der "Spiegel" berichtet, handelt es sich um sechs Frauen und sechs Männer. Neben dem getöteten polnischen Lastwagenfahrer seien je ein Opfer aus Tschechien, Italien und Israel identifiziert worden, sagte eine Sprecherin der Bundesanwaltschaft. Bei den übrigen acht Todesopfern soll es sich laut Sicherheitskreisen um Deutsche handeln.

Laut Polizei ist eine Frau aus Neuss unter den Opfern. Die Frau, zu der die Behörden keine näheren Angaben machten, sei zusammen mit ihrem erwachsenen Sohn auf dem Weihnachtsmarkt gewesen, als der Lastwagen in die Menschenmenge fuhr. Der Sohn habe überlebt, werde aber noch im Krankenhaus behandelt. Bei allen bisher identifizierten Opfern handele es sich um Erwachsene, sagte LKA-Chef Christian Steiof. Weitere Details wurden nicht bekannt.

Nach den Worten von Berlins Innensenator Andreas Geisel kämpfen einige der Schwerverletzten in Krankenhäusern weiter um ihr Leben. Nach derzeitigem Stand seien bei dem Anschlag am Montag 53 Menschen verletzt worden, darunter 14 sehr schwer. Unter den Verletzten befinden sich demnach Staatsbürger aus Israel, Spanien, Großbritannien, Ungarn, Finnland und dem Libanon.

Quelle: n-tv.de

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