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Die Islamisten des IS erbeuteten bei ihren Feldzügen immer wieder schweres Kriegsgerät.
Die Islamisten des IS erbeuteten bei ihren Feldzügen immer wieder schweres Kriegsgerät.(Foto: REUTERS)

2014 - das Jahr des Terror-Kalifats: Der IS lässt den Nahen Osten beben

Von Nora Schareika

Der Islamische Staat hat sich in diesem Jahr in Syrien und dem Irak breitgemacht und ist gefürchtet für seine Brutalität, Menschenverachtung und religiösen Wahn. Auch 2015 wird die Terrormiliz den Nahen Osten in der Hand haben.

Innerhalb eines Jahres hat sich wegen des Islamischen Staats (IS) die Wahrnehmung der Kriege in Syrien und im Irak komplett gewandelt. Neue Allianzen zwischen vormaligen Gegnern haben sich ergeben. Auch unfreiwillige und unausgesprochene, etwa zwischen den USA und dem Assad-Regime in Damaskus, die nun beide den IS bekämpfen. Und auch die unzähligen Milizen in Syrien, die ursprünglich für oder gegen das Regime des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad kämpften, mussten sich neu ausrichten.

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Der IS ist die wahrwerdende Utopie der Dschihadisten, die einen streng islamischen Staat anstreben, wie es ihn vermutlich nicht einmal im 7. Jahrhundert, zu Lebzeiten des Propheten Muhammad, gegeben hat. Ende Dezember vor einem Jahr hatten sich die IS-Kämpfer zusammengerottet, um innerhalb von Wochen die Welt wissen zu lassen, wie ernst sie es mit ihrer Großmachtphantasie meinten. Die Terrorgruppe kam freilich nicht aus dem Nichts. Die Dschihadisten waren seit Jahren im Irak aktiv gewesen und hatten sich 2013 für einen Strategiewechsel entschieden. (Aus welchen Gruppen der IS hervorgegangen ist und wie er seinen Siegeszug vollführte, erklärt ausführlich diese n-tv.de Bilderserie.)

Nach der blitzartigen Eroberung der irakischen Metropole Mossul und der syrischen Stadt Rakka rief im Juni der Anführer der Dschihadisten, Abu Bakr al-Baghdadi, ein Kalifat aus, das "Kalifat des Islamischen Staates". Etwa acht Millionen Menschen leben auf syrischem und irakischem Staatsgebiet in einem neuen Staatsgebilde, das freilich kein anderer Staat anerkannt hat. Getragen wird es von geschätzt etwa 50.000 IS-Milizionären und wohl auch Teilen der sunnitischen Bevölkerung. Die meisten Menschen im Kalifat fügen sich aber offenbar den strengen Regeln, um einfach nur zu überleben.

Kein Tag vergeht seither ohne Nachrichten über neue Untaten des IS wie Massenexekutionen, Steinigungen oder Sklavenhandel. Jüngst wurde berichtet, der IS habe ungefähr hundert Milizionäre hingerichtet, die in ihre Heimatländer zurückkehren wollten. Das ist ein weiteres Novum: Der IS zieht tausende Menschen aus aller Welt an, um sich den Kalifatskämpfern anzuschließen. Auch etwa 500 Deutsche sind dabei, mehr als 60 sind bereits getötet worden. Sicherheitsbehörden und Regierungen in Europa rätseln: Warum wollen diese – mehrheitlich jungen – Leute für dieses Kalifat kämpfen? Und was machen wir mit denen, die zurückkommen und bei uns Anschläge verüben?

Weder Publikum noch Journalisten können sich der Faszination entziehen, die vom IS ausgeht. Das belegen nicht zuletzt die Klickzahlen und die Frequenz der IS-Berichterstattung bei n-tv.de. Trotz der beispiellosen Barbarei, die uns den Atem stocken und angewidert-gebannt vor dem Phänomen stehen lässt, wollen wir wissen, was das für Typen sind. Ob sie vielleicht noch wahnsinniger sind, als wir ohnehin schon dachten, und wie es sein kann, dass ein paar tausend bärtige Irre mit solch unfassbarer Brutalität durchkommen.

Woher wissen wir, was der IS tut?

Wir stehen beim IS aber auch vor einer gut geölten Propagandamaschine. Was wissen wir über den IS – und was nicht? Es gibt fast keine Informationen aus erster Hand. Es gibt von Reportern und Menschenrechtsorganisationen gesammelte Augenzeugenberichte, zudem werten Islamismus-Forscher und Dokumentationszentren Original-Internetquellen aus. Fast niemand aber wagt sich noch ins Kriegsgebiet. Mehrere Journalisten und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen sind in den vergangenen Monaten vom IS enthauptet worden – medienwirksam inszeniert vor laufender Kamera. Damit hat der IS erfolgreich seinen eigenen Mythos weitergeschrieben.

Jubel bei Islamisten in Rakka, nachdem das Kalifat ausgerufen wurde.
Jubel bei Islamisten in Rakka, nachdem das Kalifat ausgerufen wurde.(Foto: REUTERS)

Wer kann also noch glaubwürdiger Zeuge sein für das, was dort geschieht? Mitte Dezember flog der Twitter-Account @ShamiWitness auf. Fast 18.000 Menschen waren seinen Tweets gefolgt, die den Anschein erweckten, ihr Urheber sei mittendrin im Kalifat. Tatsächlich handelte es sich um einen 24-jährigen Inder aus Bangalore, der seine Faszination für die Islamisten auf diese Weise ausgelebt hatte. Nächtelang hatte dieser Mehdi Biswas arabische Quellen ausgewertet, Schlüsse daraus gezogen und diese in wohlformulierten englischsprachigen Tweets verbreitet. Namhafte Journalisten aus aller Welt fielen auf Shami Witness hinein, weil der Account so umfassend das Treiben des IS dokumentierte. Es waren vermutlich nicht einmal falsche Informationen. Aber es waren durch einen glühenden IS-Verehrer gefilterte Nachrichten, der eben nicht Augenzeuge war.

Manche Syrer haben Verwandte in Rakka und können widergeben, was die ihnen von ihrem Leben im Kalifat erzählen. Eine geflohene syrische Aktivistin in Beirut erzählte in einem Gespräch mit n-tv.de, was ihre Verwandten berichteten, die dort leben: "Solange man die Regeln befolgt, geht es. Die Menschen kriegen Geld, Lebensmittel und Benzin, sie leiden keinen Mangel. Aber die Frauen müssen im Haus bleiben und die Männer dürfen nicht rauchen, keine Jeans tragen und keine Handys benutzen. Wer gegen die Regeln verstößt, wird getötet." Andere Berichte widersprechen dem und zeichnen das Bild eines kollabierenden Pseudo-Staates.

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Diesen Monat reiste der Publizist Jürgen Todenhöfer ins Kalifat und besuchte IS-Kämpfer. Der ehemalige CDU-Abgeordnete besuchte den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad 2012 und 2013, was ihm viel Kritik einbrachte. Seine Botschaft nach diesen Treffen lautete: Verhandelt mit Assad! Sie wurde bisher nicht ernstgenommen, so wie Todenhöfer seither ähnlich wie der verstorbene Peter Scholl-Latour als "Assad-Freund" gebrandmarkt ist. Die Reise Todenhöfers zum IS allerdings kann man als Coup bezeichnen. Todenhöfer war nach seiner Rückkehr kurz vor Weihnachten begehrter Gesprächspartner deutscher und internationaler Medien, die alle wissen wollten: Wie sieht es im Kalifat aus? Todenhöfer berichtete, die Dschihadisten seien viel stärker, als wir glaubten. Sie seinen getragen von einer Euphorie, die sie nur schwer besiegbar mache. Todenhöfer warnte außerdem, der IS plane eine der größten religiöse Säuberungen aller Zeiten im Nahen Osten und darüber hinaus.

IS und Assad – der "gleiche Scheiß"?

Der IS hat in diesem Jahr auch das erreicht, was im August 2013 nicht einmal der Giftgasangriff in Ghouta östlich von Damaskus zur Folge hatte: Die USA und andere westliche Staaten sind jetzt offiziell militärisch in Syrien involviert. Übersichtlicher macht das die Lage nicht gerade. Seit Mitte September bombardiert eine Allianz aus 40 Staaten täglich Stellungen des IS in Syrien und im Irak. Die Angriffe haben gewisse Erfolge gebracht und den IS punktuell geschwächt. Von einem Sieg über die Dschihadisten kann aber keine Rede sein. Jürgen Todenhöfer warnte nach seiner Reise durchs IS-Gebiet in Syrien und im Irak, dass Luftschläge diese Miliz nicht bezwingen könnten. "Wenn sie das wollen, müssten sie ganz Mossul zerbomben, denn die Dschihadisten leben weit verteilt zwischen den Zivilisten", sagte er dem US-Sender CNN.

Seit mindestens zwei Jahren mischen auch Saudi-Arabien, Katar und der Iran in Syrien mit – ebenso die USA, Europa, Russland und die Türkei. Die Interessen stoßen aufeinander und sind teilweise sogar in sich selbst unstimmig. Die Saudis etwa wollten einer friedliche Revolution vor ihrer Haustür nicht tatenlos zusehen und gleichzeitig das Assad-Regime stürzen sehen - weshalb sie ab 2012 islamistische Milizen wie die Al-Nusra-Front unterstützten. Weil die aus der ursprünglich friedlichen Revolution hervorgegangene Freie Syrische Armee weniger Unterstützung erhielt (im Westen wurde dies immer wieder diskutiert, doch nicht so schnell umgesetzt), liefen viele zur Nusra-Front über. Den IS allerdings sieht das saudische Herrscherhaus als ernste Bedrohung. In der saudischen Bevölkerung gibt es durchaus Sympathien für den IS, das Königshaus der Al-Saud dagegen ist opportunistisch, korrupt und – gemessen an der reinen wahhabitischen Lehre – bigott. Der Iran wiederum steht hinter dem Regime, weshalb auch die libanesische Hisbollah mittlerweile in Syrien kämpft. Nun sind aber alle, die auf syrischem Boden für unterschiedliche Interessen kämpfen, unfreiwillig vereint in ihrer gemeinsamen Bekämpfung des IS: Im September trafen sich Vertreter Saudi-Arabiens und des Iran gar, um ein gemeinsames Vorgehen gegen den IS zu besprechen.

Wenn aber alle nur auf den IS schauen, kann leicht vergessen werden, dass es immer noch auch eine zivile Opposition und nicht-islamistische Kämpfer in Syrien gibt, die allerdings auf verlorenem Posten kämpfen. Viele argumentieren, dem Regime in Damaskus könne es nur Recht sein, wenn andere sich am IS abarbeiten. Das Projekt "Adopt a Revolution" etwa, das seit 2011 die zivile Opposition in Syrien unterstützt, wies unlängst darauf hin, dass das Assad-Regime die konzentrierte Aufmerksamkeit zu nutzen wisse. Während alle auf Kobane schauten, wo Kurden seit dreieinhalb Monaten dem IS trotzen, wurde in nie dagewesener Frequenz Aleppo bombardiert. Seit Oktober gibt es die von oppositionellen Aktivisten ins Leben gerufene Kampagne "Same Shit". Soll heißen: Beim syrischen Regime und dem Islamischen Staat handele es sich doch nur um zwei Seiten einer Medaille.

Der IS wird auch 2015 und darüber hinaus die Nachrichten aus der Levante dominieren. Dabei ist die Terrormiliz eine von vielen Kräften, die gerade mächtig an der alten Ordnung des Nahen Ostens rütteln. Das Vakuum in Syrien und in Teilen des Irak hat Begehrlichkeiten in der ganzen Region geweckt. Der Islamische Staat, so scheint es, hat jedoch für den Moment aufgrund seiner puren Existenz alle in der Hand.

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Quelle: n-tv.de

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