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Der IS verbreitete nach den Anschlägen ein Video. Eine der Personen nennt sich darin Abu Salman (2.v.r).
Der IS verbreitete nach den Anschlägen ein Video. Eine der Personen nennt sich darin Abu Salman (2.v.r).(Foto: REUTERS)
Montag, 16. November 2015

20 Jahre geplanter Terror: Islamisten wollen die "totale Konfrontation"

Von Roland Peters

Die Anschläge von Paris sind angsteinflößend. Für die Islamisten sind die 129 Toten womöglich nur ein Schauspiel, Teil eines geplanten Dramas, das am 11. September 2001 begann. Nun gilt es, den letzten Akt zu verhindern. Aber wie?

Konventionelle Kriege sind die großen Erzählungen des 20. Jahrhunderts. Die Schützengräben des Ersten Weltkriegs, die chemischen Kampfmittel, Hunderttausende Menschen, die in tagelangen Schlachten ihr Leben verloren; die Schrecken des Zweiten Weltkrieges, an der Ostfront oder der Überfall auf Pearl Harbor; die Guerillakämpfe im Dschungel Vietnams, die Bodenoffensive der USA in Kuwait.

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Und jetzt, im 21. Jahrhundert? Terrorakte, die einer Dramaturgie folgen. Sie begann am 11. September 2001. Die Anschläge in Paris führen sie weiter.

Als "theatre of terror", als ein Spektakel bezeichnete der Historiker Yuval Harari Attentate wie das auf "Charlie Hebdo" im Januar. Das Ziel des tödlichen Schauspiels: Angst verbreiten. Die sei zentral für die Islamisten, weil es ihnen tatsächlich an militärischer Stärke fehle. Die Argumentation ist auch jetzt nachvollziehbar. Denn spätestens seit auch Russland in Syrien militärisch eingegriffen hat und Baschar al-Assad als Gegner des Islamischen Staates unterstützt, wurde den Extremisten wohl klar, dass der nächste Akt beginnen musste.

Im Jahr 2005 veröffentlichte der arabische Journalist Fuad Hussein einen Plan, dem Mitglieder von Al-Kaida seiner Ansicht nach folgten. Der "Spiegel" bezeichnete Hussein als einen der besten Kenner des Terrornetzwerkes. Nach den Angriffen auf das World Trade Center hatte er mit mehreren seiner ideologischen Führer sowie dessen Chef im Irak, Abu Mussab al-Sarkawi, gesprochen. Hussein beschreibt in seiner Auswertung den geplanten Ablauf des weltweiten Dschihad - und wie er enden soll.

"Endgültiger Sieg" in wenigen Jahren

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Als die Analyse veröffentlicht wurde, galt all dies noch als sehr unwahrscheinlich. Nun, zehn Jahre später, sind fast alle seine Vorhersagen eingetreten. Mit einem Unterschied: Der IS hat weitergeführt, was Islamisten von Al-Kaida bei der Planung von 9/11 begonnen haben.

Die Dramaturgie umfasst sieben Akte. Der Angriff auf die Twin Towers, die Errichtung von Basen in verschiedenen arabischen Staaten, die Konzentration der Kämpfer in Syrien, der Sturz arabischer Regierungen, die Ausrufung des Kalifats - all das ist geschehen.

In diesem Ablauf wären die Anschläge von Paris der Beginn des vorletzten Vorhangs, bevor es ab 2016 die "totale Konfrontation" geben soll, eine "Schlacht zwischen Glauben und Unglauben", wie es Osama bin Laden ausdrückte. IS-Chef Abu Bakr al-Bagdadi ist der Kopf des angekündigten Kalifats im Nahen Osten, das den Dschihad im siebten und letzten Akt bis zum Jahr 2020 zum "endgültigen Sieg" führen soll.

Reduziert auf ein Entweder-oder ist die aktuelle Situation möglicherweise diese: Die Führung des IS im syrischen Rakka will die geplante "totale Konfrontation" der muslimischen Welt und dem Westen durch die Anschläge absichtlich anzetteln, das Freund-Feind-Bild so weit wie möglich schärfen, Muslime und Andersgläubige in Europa zur Ansicht zu verleiten, ein friedliches Zusammenleben sei nicht möglich - und damit weitere Kämpfer und Unterstützer an das Kalifat binden. Dafür sprechen die Anschläge auf die russische Passagiermaschine, im Libanon und in Paris innerhalb kurzer Zeit.

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Möglichkeit zwei: Alle Anschläge wurden von unabhängigen Terrorzellen ausgeführt, ohne zentrale Koordination. Dafür spricht im Fall von Paris das seltsam verzögerte Bekennerschreiben der Terrormiliz. Frankreichs Präsident François Hollande machte öffentlich den IS für die Anschläge verantwortlich. Etwa eine Stunde später folgte das Bekenntnis der Islamisten. Es enthielt nichts, was nur Drahtzieher oder Täter wissen konnten. Es war nach Meinung von Experten zudem hastig zusammengestellt. Und es enthielt Fehler, etwa die falsche Verortung des "Stade de France", wo mehrere Selbstmordattentäter ihre Bomben zündeten.

Aber wie und wo auch immer die Attentate geplant wurden, ob zentral gesteuert, oder durch eine autonome Terrorzelle: Die Parallelen bleiben. Zehn Jahre nach Husseins Vorhersagen haben sich bislang alle bewahrheitet - und die Sprengsätze in Paris passen ebenfalls ins Bild. Die Angst, die nun folgt, soll provozieren. Krieg provozieren. Eben davon sprach Hollande nach den Attentaten. Und Bundespräsident Joachim Gauck sieht eine "neue Art von Krieg". Aber wie ist er zu führen?

Angst säen, Krieg provozieren

Der Westen ist in offener militärischer Konfrontation kaum zu schwächen. Doch Terroristen denken nicht wie Armeegeneräle, sie denken wie Theaterproduzenten, sagte Harari Anfang des Jahres. Im Militärjargon heißt "theatre" in der Übersetzung auch Einsatzgebiet. Bei 9/11 etwa wäre die Zerstörung des Pentagon das militärisch viel lohnendere Ziel gewesen. Doch die Flugzeuge wurden in die Twin Towers gesteuert, in das Symbol des westlichen Kapitalismus. Die meisten Toten in Paris gab es bei einem Rockkonzert, eine alltägliche Kulturveranstaltung. Ein weiteres Ziel war der Fußball-Klassiker Deutschland gegen Frankreich.

So wie im Zweiten Weltkrieg die Bomben auf Städte fielen, um ihre Bewohner zu demoralisieren, tragen Attentäter sie nun in das Land des Feindes. Statt Flugblätter sind es nun Websites und Videos. Das Ziel der Islamisten könnte das gleiche sein: Die Bevölkerungen beunruhigen und gegen ihre Regierungen aufbringen, damit diese agieren, wie sie es in ruhigen politischen Zeiten niemals getan hätten. Sich ebenfalls radikalisieren, dem Feind Unterstützer zutreiben, sich auf einen Krieg einlassen.

Die westliche Welt ist daran gewöhnt, in Sicherheit zu leben. Legitimität erreichen Demokratien auch über Stabilität. Gewährleistet eine Regierung nicht den Schutz der Bürger vor Gewalt, verliert sie beides. Das furchteinflößende, tödliche Schauspiel von Paris verbreitet die Angst vor einem Zusammenbruch der Ordnung, weil sie gewährleisten soll, dass so etwas nicht geschieht.

Der Westen steht nun vor der Wahl: Bleibt er besonnen? Oder lässt er sich auf einen Krieg ein, eine Eskalation, die in der dschihadistischen Logik den letzten Akt bedeuten könnte?

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Quelle: n-tv.de

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