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Wer steht hier wem am nächsten? CDU-Kandidatin Julia Klöckner (l.) und Ministerpräsidentin Malu Dreyer (r.) mit Kanzlerin Angela Merkel beim Jahresempfang der Wirtschaft Rheinland-Pfalz im Januar.
Wer steht hier wem am nächsten? CDU-Kandidatin Julia Klöckner (l.) und Ministerpräsidentin Malu Dreyer (r.) mit Kanzlerin Angela Merkel beim Jahresempfang der Wirtschaft Rheinland-Pfalz im Januar.(Foto: picture alliance / dpa)

Dreyer will es schaffen: Mit Merkel gegen Klöckner und die CDU

Von Christian Rothenberg, Mainz

Julia Klöckner folgt in Rheinland-Pfalz auf Malu Dreyer - lange schien das fast sicher. Doch kurz vor der Wahl ist das Frauen-Duell wieder völlig offen. Gewinnt Ministerpräsidentin Dreyer am Ende sogar dank der Kanzlerin? Möglich ist es.

"Wo fahren wir eigentlich hin?" Malu Dreyer schreckt hoch und schaut ratlos aus dem Fenster auf ein steriles Autobahnpanorama. "Nach Simmern", ruft ihr ein Mitarbeiter zu. Dreyer sinkt wieder in den Sitz und legt ihren Kopf an die Lehne. Seit zwei Wochen tourt sie durch ihr Land, noch mehr als sonst. Von Rheinhessen in die Pfalz, weiter in die Eifel, in den Westerwald, Weinberge, Mosel, Hunsrück. Es geht kreuz und quer durchs ganze Land. Wahlkämpfen und regieren - da kann man schon mal die Übersicht verlieren.

Dreyer muss zurzeit beides. Am 13. März wird in Sachsen-Anhalt, Baden-Württemberg und im Dreyer-Land gewählt. In Rheinland-Pfalz ist die Lage besonders spannend. Vor allem für die SPD ist die Wahl wichtig, sie will ihr Stammland, in dem sie seit 25 Jahren regiert, nicht verlieren. Es könnte klappen, auch dank einer fast märchenhaften Aufholjagd. Dabei schien es noch vor kurzem, als ob die Episode Dreyer schon nach drei Jahren beendet sein könnte.

Das lag vor allem an Julia Klöckner. Dreyers ehrgeizige Herausforderin ist erst 43, saß aber schon mehrere Jahre im Bundestag und war auch Staatssekretärin. Nicht wenige in der CDU sehen sie als mögliche Merkel-Nachfolgerin. Noch im November lag Klöckner elf Prozentpunkte vor Dreyer. Anfang März sind es nur noch zwei bis vier. Jeder Prozentpunkt gibt Dreyer einen Motivationsschub. Kein Wunder, dass ihr der Wahlkampf "Spaß" macht. "Man spürt unglaubliche Kräfte. Das beflügelt einen regelrecht", sagt sie. Nur das frühe Aufstehen findet sie etwas nervig. Sechs Uhr sei nicht so ihre Uhrzeit. Und dann kneift sie die Augen zusammen, ihr Lächeln legt den Blick auf ihre Zähne frei. Das typische ansteckende Malu-Dreyer-Lachen. Dreyer lacht oft und gern. Sie ist ein positiver Typ, kann den Menschen ein gutes Gefühl geben. Vielleicht ist das ihre große Stärke. "Wenn Sie meine Mutter kennenlernen würden, würden Sie verstehen, warum ich so viel lache", sagt sie.

Dreyer und Nahles in der Fußgängerzone in Trier.
Dreyer und Nahles in der Fußgängerzone in Trier.(Foto: picture alliance / dpa)

Mehr als eine Woche vor der Wahl läuft Dreyer im knallroten Mantel mit SPD-Kollegin Andrea Nahles durch die Trierer Innenstadt. Die Fußgängerzone liegt ihr. Sie grüßt, winkt, plauscht. "Ich bin die Malu und du", fragt sie einen Jungen. Nahles erzählt, wie sich Dreyer gegen die Einführung der Maut gestemmt hat. Sie habe "gekämpft wie eine Löwin". Dreyer verschwindet in einen Pasta-Laden. Kurz hallo sagen. "Die machen alles frisch", schwärmt sie. In einem Musikgeschäft erzählt Dreyer, dass sie früher Flöte und Klavier gespielt hat, aber kaum noch dazu kommt. Dann zeigt sie Nahles ihre Lieblingsläden. Sie geht gern shoppen, auch wenn sie wenig Zeit hat, aber Größe 38 passe immer. Nahles lacht: "Davon kann ich nur träumen." Ein Mann spricht Dreyer an. "Ich habe Sie im TV-Duell gesehen. Ich hoffe, Sie schaffen das." Sie strahlt.

"Ich habe viel zu lachen"

Marie-Luise, kurz Malu, Dreyer ist 55 Jahre alt und lebt mit ihrem Mann in Trier. Als sie 1995 Bürgermeisterin in Bad Kreuznach wurde, wurde Klöckner gerade zur Weinkönigin gewählt. Unter Kurt Beck war Dreyer elf Jahre lang Arbeits- und Sozialministerin. 2013 wurde sie seine Nachfolgerin. 2006 machte die frühere Richterin ihre MS-Erkrankung öffentlich. Im Wahlkampf scheint ihr dies kaum zu schaffen zu machen. Bei Terminen hakt sie sich schon mal bei einer Mitarbeiterin unter, mit dem elektronischen Dreirad fährt sie selten. Ist Wahlkampf anstrengend? "Es ist nur anstrengend, wenn man nichts zu lachen hat, aber ich habe ja viel zu lachen", sagt Dreyer. Ob sie immer so herzlich ist? Wenn es drauf ankomme, sei sie Chef, sagt ein Mitarbeiter.

(Foto: imago/Werner Schmitt)

In ihrem Wahlkampf malt Dreyer ein Bild von Rheinland-Pfalz, das noch ein wenig schillernder ist als die Realität. Bei einer Arbeitslosigkeit von fünf Prozent spricht sie von Vollbeschäftigung, lobt das dichteste Straßennetz aller Bundesländer. Regelmäßig betont sie, die Mannstärke der Landespolizei erhöht zu haben. Dabei hat Rheinland-Pfalz die wenigsten Polizisten pro 100 Einwohner. Bei ihren Veranstaltungen redet Dreyer auch über Landespolitik, aber sie kommt immer wieder auf das große Thema zurück. Möglicherweise trägt die Flüchtlingskrise am Ende dazu bei, dass Dreyer in der Staatskanzlei bleiben kann.

Seit Herbst hat sie die Gelegenheit, sich als Krisenmanagerin zu profilieren. Bei der Eröffnung eines DRK-Rettungszentrums blickt sie zurück auf die turbulenten Monate "als es richtig rund ging im Land". Es habe sich bewährt, Organisationen zu haben, die auf einen Katastrophenfall vorbereitet seien. Dreyer "war beeindruckt". Sie war. Ihre Botschaft: Jetzt haben wir alles im Griff. Wofür braucht das Land einen Wechsel? Läuft doch. "Ich muss mir nicht immer einreden lassen, dass das nicht funktioniert", sagt Dreyer etwas später im Bus.

Die Flüchtlinge sind das größte Streitthema zwischen Dreyer und Klöckner. Im TV-Duell rangen beide darum, wer stärker hinter der Kanzlerin steht. Dreyer ist wie Merkel für eine Reduzierung des Flüchtlingszuzugs und für eine europäische Lösung ohne nationale Alleingänge. Klöckners Haltung ist diffus. Mal fordert sie eine restriktivere Flüchtlingspolitik mit Tageskontingenten, mal betont sie ihre Nähe zu Merkel. Klöckner hat Wahlkampftermine mit der Kanzlerin, aber auch mit CSU-Chef Horst Seehofer. Dreyer hat diesen wunden Punkt ausgemacht. Wir müssen zusammenhalten, Klöckner spaltet, das ist Teil ihrer Erzählung.

Alles für die Kanzlerin

 Morbach im Hunsrück: Rote Malu-Plakate liegen auf den Stühlen. Es gibt Aufkleber, Kugelschreiber, Brezen und Bier. Der Saal ist voll, die Weinmajestäten mit ihren Kronen sitzen in der ersten Reihe, als Dreyer aus dem Bus steigt. "Wir dürfen nicht - wie Julia Klöckner das macht - der Kanzlerin in den Rücken fallen. Sie braucht die Unterstützung von uns allen", sagt sie auf der Bühne. Als Ministerpräsidentin könne man es nicht gut finden, wenn andere die Länder die Grenzen schließen und Mauern hochzögen. "Wir brauchen Politiker, die besonnen und mit klarer Haltung regieren." Sie meint Merkel und sich selbst.

Wie ihr Grünen-Kollege Winfried Kretschmann im Nachbarland macht Dreyer mit indirekter Hilfe der Kanzlerin Wahlkampf. Die Popularität Merkels nutzt fast allen, am wenigsten jedoch der in der Flüchtlingskrise zerstrittenen CDU. Die Strategie könnte sich für Dreyer auszahlen. Der Vorsprung der CDU schrumpft, laut Direktwahl-Umfragen ist Dreyer deutlich beliebter. Ihre Leute wollen noch stärker herausstellen, dass die Leute SPD wählen müssen, wenn sie Malu Dreyer wollen. Nur, dass niemand durcheinander kommt.

Und dann ist da noch das Thema AfD. Im Januar hatte Dreyer erklärt, sich mit "den Rechten" nicht in eine Fernsehdebatte zu setzen. Der SWR lud die AfD aus, daraufhin sagte auch Klöckner zwischenzeitlich ab. Der Tumult war groß, noch größer die Kritik an der Ministerpräsidentin. An ihrer Stelle nimmt am Donnerstag SPD-Landeschef und Innenminister Roger Lewentz an der Elefantenrunde teil. Doch Dreyer scheint es nicht wirklich zu schaden. In Teilen der Wählerschaft kann sie mit ihrer klaren Haltung möglicherweise sogar punkten. Möglicherweise kann sie der AfD am Ende fast dankbar sein: Genauso wie die CDU in den Umfragen zuletzt abstürzte, konnte die AfD zulegen.

Ein Stadtteil kann alles entscheiden

Eine Woche vor der Wahl: Der Bus, auf dem Dreyers Konterfei prangt, fährt in einen Kreisverkehr. "Hetzerin" steht auf einem Klöckner-Wahlplakat am Straßenrand. Dreyer und ihr Team fahren an diesem Morgen nach Worms zu einem Termin. Alle sind etwas müde, aber die Stimmung ist gut. Es gibt eine neue Umfrage: CDU 35, SPD 34. Nur noch ein Prozent also. So nah dran an Klöckner war man noch nie. Dreyer muss zwar immer noch um ihr Amt bangen, aber psychologisch ist sie längst im Vorteil. Sie ist die Verfolgerin, die plötzlich wieder im Rückspiegel aufgetaucht ist und kräftig drängelt. Erinnerungen werden wach. Vor fünf Jahren, als die SPD mit Beck 35,69 Prozent und die CDU mit Klöckner 35,25 holte, betrug die Differenz lediglich 8000 Stimmen. Ein Stadtteil kann alles entscheiden.

Dabei ist völlig offen, wie das Land weiterregiert wird. Rot-Grün hat keine Chance auf eine Mehrheit. Eine Große Koalition ist wahrscheinlich, nur wer führt sie an? Jamaika wäre eine Option, eine Ampel hat die FDP ausgeschlossen. Die Grünen, die zurzeit bei sechs Prozent liegen (2011: 15,4), könnten sogar aus dem Landtag fliegen. Bis zum 18. Mai muss eine Landesregierung her, sonst bleibt die alte geschäftsführend im Amt. Für Dreyer und die SPD ist der Sieg wichtig. Für Parteichef Sigmar Gabriel und die Genossen könnte er am Wahlabend auch den Schmerz über die erwarteten Klatschen in Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt lindern. Und wenn es für Dreyer nicht reichen sollte? Diese Frage lächelt sie weg. Damit beschäftige sie sich gar nicht.

Eineinhalb Stunden nach ihrem Auftritt in Morbach, es ist inzwischen Abend, betritt Dreyer in Zell an der Mosel die nächste Bühne und alles geht wieder von vorne los. Dreyer steigt ein mit der Passage über ein Deutschland, in dem sich so vieles verändert hat. Dann redet sie über ein Bundesland, in dem doch eigentlich alles ganz gut ist. "Die Goldbärchen sind jetzt auch Rheinland-Pfälzer", sagt sie über den Zuzug von Haribo aus Bonn. Die Zuhörer lachen. Das Publikum ist besser als das letzte. Zum Schluss bittet Dreyer: "Nehmen Sie noch zehn Nachbarn und Nachbarinnen mit. Es geht um jede Stimme." Die Zuschauer stehen auf und applaudieren. Ob es eine Zugabe gibt? So ganz sicher ist das vermutlich selbst am 13. März noch nicht.

Quelle: n-tv.de

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