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Das Fairphone ist von den Werten her ein gutes Mittelklasse-Smartphone zu einem fairen Preis.
Das Fairphone ist von den Werten her ein gutes Mittelklasse-Smartphone zu einem fairen Preis.(Foto: Fairphone)

Smartphone fürs gute Gewissen: Hat das Fairphone eine Chance?

Von Klaus Wedekind

Kann man ein gutes Smartphone unter fairen Bedingungen nachhaltig herstellen und preisgünstig verkaufen? Offenbar ja. Das erste "Fairphone" könnte schon bald in Produktion gehen, wenn mindestens 5000 Menschen die Katze im Sack kaufen.

Ein niederländisches Projekt will noch in diesem Jahr ein Smartphone auf den Markt bringen, das unter fairen Bedingungen produziert wird und dessen Rohstoffe ohne Ausbeutung gefördert werden. Obendrein sollen alle Komponenten, die Herstellung und das Fairphone selbst möglichst umweltfreundlich sein. Ist so etwas überhaupt möglich?

Saubere Produktion kaum realisierbar

Für viele Männer im Kongo ist die Arbeit in einer Mine die einzige Möglichkeit, Geld zu verdienen.
Für viele Männer im Kongo ist die Arbeit in einer Mine die einzige Möglichkeit, Geld zu verdienen.(Foto: Fairphone)

Leider ist es so, dass für praktisch jedes elektronische Gerät auf die eine oder andere Art und Weise irgendwo auf der Welt Menschen ausgebeutet werden. Sei es bei der Förderung der Rohstoffe, der Herstellung einzelner Komponenten oder bei der Endproduktion. Dies gilt besonders für IT-Produkte, wobei Smartphones durch ihre Popularität derzeit im Fokus der Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen stehen.

Selbst ein Unternehmen, das sich Mühe gibt, seine Geräte unter annehmbaren Bedingungen zu produzieren, wird dies kaum schaffen. Die meisten Hersteller versuchen es aber erst gar nicht oder gehen nur halbherzig zur Sache.

Die Arbeiter in der Produktion fair zu behandeln und zu bezahlen ist dabei noch vergleichsweise einfach, obwohl die Fabriken gewöhnlich in China stehen. Tatsächlich aber sind eine angemessene Bezahlung, vernünftige Arbeitszeiten und humane Produktionsbedingungen eher Ausnahme statt Regel. Ähnlich sieht es beim Umweltschutz aus: Eine Kontrolle der Fabriken wäre theoretisch leicht möglich, findet aber selten statt.

Verschlungene Rohstoff-Pfade

Besser in der Mine arbeiten als zur Miliz. Noch besser: eine fair bezahlte Arbeit.
Besser in der Mine arbeiten als zur Miliz. Noch besser: eine fair bezahlte Arbeit.(Foto: Fairphone)

Noch viel problematischer aber ist die Situation bei der Rohstoffgewinnung beziehungsweise -beschaffung. Schon bei der Herkunft des verwendeten Kupfers oder Eisens ist es schwer, sicher festzustellen, aus welchen Quellen das Metall stammt. Noch verschlungener sind die Pfade über die Gold, Tantal, Wolfram oder Palladium den Weg in die Produktion finden.

Wie das staatlich geförderte Projekt "Die Rohstoff-Expedition" ermittelte, stecken in einem Handy mehr als 60 verschiedene Stoffe, darunter rund 30 Metalle. 1,5 Milliarden Geräte, die 2010 weltweit verkauft wurden, enthalten zusammen rund 14 Tonnen Palladium, 36 Tonnen Gold und 375 Tonnen Silber. Auch die sogenannten "Seltenen Erden" und das rare Coltan, aus dem Tantal gewonnen wird, braucht man für die Smartphone-Produktion.

Kinderarbeit, Sklaverei und Waffenkäufe

Abgebaut werden viele dieser Metalle in afrikanischen Konfliktregionen, vor allem in der Demokratischen Republik Kongo. Kinderarbeit und Sklaverei sind dort üblich, menschenwürdige Arbeitsbedingungen die Ausnahme, Umweltschutz nahezu unbekannt. Und allzu oft nutzen Milizen die Gewinne, um Waffen zu kaufen.

Spezifikationen des Fairphone
  • Prozessor: MTK6589M, vier Kerne, 1,2 Gigahert
  • Arbeitsspeicher: 1 Gigabyte
  • Interner Speicher: 16 Gigabyte, erweiterbar
  • Display: 4,3 Zoll, TFT, 960 x 540 Pixel, Dragontrail Glass
  • Kameras: 8 Megapixel hinten, 1,3 vorne
  • Akku: 2000 Milliamperestunden, wechselbar
  • Betriebssystem: Android 4.2
  • Maße: 123 x 64,5 x 9,8
  • Gewicht: 165 Gramm
  • Dual-SIM

Die USA haben das Problem zwar erkannt und untersagen an US-Börsen dotierten Unternehmen und deren Zulieferern im Dodd-Franc Act die Verwendung von kongolesischem Zinn, Tantal, Wolfram und Gold (3TG), deren Verkauf Konflikte in der Region finanziert. Die Hersteller müssen bis Ende Mai 2014 bei der Börsenaufsicht die "saubere" Herkunft ihrer "Konflikt-Metalle" belegen.

Solche Nachweise zu erbringen, ist für die Unternehmen aber nicht einfach, da sie die Wertschöpfungskette über Zulieferer, Zwischenhändler, Komponentenhersteller und andere Stationen bis hin zur Quelle zurückverfolgen müssen. Experten kritisieren, durch den Dodd-Franc Act würde vor allem der Schmuggel gefördert und kongolesischen Kleinbergbauern die Existenzgrundlage entzogen.

Embargo schadet allen

Fairphone-Chef Bas van der Abel vor Ort im Kongo.
Fairphone-Chef Bas van der Abel vor Ort im Kongo.(Foto: Fairphone)

Man sieht also, das Fairphone ist ein mehr als ambitioniertes Projekt. Aber Gründer Bas van Abel weiß, was er tut. Er lehnt es ab, auf Rohstoffe aus dem Kongo zu verzichten. Ein Embargo würde arbeitslose Minenarbeiter in die Arme der Milizen treiben, sagte er dem "Handelsblatt". "Wir wollen etwas bewegen, indem wir konfliktfreie Mineralien aus dem Kongo verwenden, anstatt das Land komplett zu meiden."

Der Niederländer ist sich aber im Klaren, dass es auch seinem kleinen sechsköpfigen Team unmöglich ist, ein hundertprozentig faires Smartphone zu bauen - aber so weit wie möglich. Bas van Abel geht dabei den umgekehrten Weg, den die Hersteller für den Dodd-Franc Act nehmen müssen. Fairphone will von Anfang an eine saubere und transparente Lieferkette aufbauen. Bei Zinn, Tantal, Gold, Silber und Platin sei ihnen das schon gelungen. Für Wolfram suche man noch nach einer Lösung, sagt Van Abel. Kürzlich hätten sie Minen in Ruanda besucht und suchten jetzt nach Kooperationspartnern.

Fair, aber trotzdem konkurrenzfähig

Fairphone will dabei nicht den Großen der Branche Konkurrenz machen. Es will ihnen aber vormachen, das es möglich ist, anders zu produzieren und trotzdem konkurrenzfähige Produkte anbieten zu können. Und konkurrenzfähig ist das "Fairphone" mit Vier-Kern-Prozessor, 4,3-Zoll-Bildschirm und 8-Megapixel-Kamera für 325 Euro bestimmt.

Das Fairphone soll leicht zu reparieren sein.
Das Fairphone soll leicht zu reparieren sein.(Foto: Fairphone)

Zunächst will Van Abel 10.000 Fairphones produzieren. Um loslegen zu können, müssen aber für das Crowdfounding-Projekt mindestens 5000 Vorbestellungen eingegangen sein. Bisher sind es nur rund 2700, aber 17 Tage bleiben noch, um das Ziel zu erreichen.

Eine Fabrik, die in der Lage ist, das "Fairphone" in Europa herzustellen, hat Van Abel allerdings nicht finden können. Letztendlich musste auch er nach China auslagern. Aber so kann das Projekt schließlich zeigen, dass man als Auftraggeber eine herkömmliche chinesische Fabrik zu korrekten Produktionsmethoden zwingen kann.

Quelle: n-tv.de

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