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Die Datenbremse: Beim Smartphone gängig, beim verkabelten Zugang versucht es die Telekom nun auch.
Die Datenbremse: Beim Smartphone gängig, beim verkabelten Zugang versucht es die Telekom nun auch.(Foto: picture alliance / dpa)

Erst locken, dann abkassieren: Telekom verkauft Kunden für blöd

Ein Kommentar von Roland Peters

Und ständig droht die Datenbremse: Mit Abschaffung der Flatrates setzt die Telekom um, wovor Experten seit Jahren warnen - die Abschaffung der Netzneutralität. Weil die Politik bereits ebenso lange zaudert, kann das Unternehmen die Kunden nun mit Zusatztarifen zur Melkkuh machen.

Seit Jahren klagt die Telekom bei jeder sich bietenden Gelegenheit, sie brauche mehr Geld, um die Leitungen für Datenverkehr auszubauen. Kunden bezahlten zu wenig für ihre Internetanschlüsse, heißt es. Überall möchte das Unternehmen mehr kassieren: Auf Anbieterseite bei Konzernen wie Google, auf der anderen bei Kunden, die viel im Netz unterwegs sind.

Nun schafft die Telekom also für Privathaushalte die Flatrate ab. Eine Entscheidung, die das Unternehmen womöglich teuer bezahlen wird: Mit Kunden, die sich in Richtung Konkurrenz verabschieden, falls sie können. In ländlichen Gegenden gibt es häufig nur einen Anbieter für verkabelten Internetzugang – und das ist die Telekom. Für die Einwohner heißt es dann: die Tarifpille schlucken oder ausgeschlossen werden.

Gang zur Konkurrenz wird bestraft

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Mit Nachdruck bewirbt die Telekom ihr Online-Fernsehen Entertain und lockt Zuschauer weg von den Übertragungswegen Antenne, Kabel oder Satellit. Für das eigene TV-Paket soll die Drosselung nach 75 Gigabyte nicht gelten. Filme und Fernsehsendungen in High Definition verbrauchen viel Datenvolumen und benötigen bei Streaming mehr als die 384 Kilobit pro Sekunde, die als Mindestgeschwindigkeit bleiben.

Das heißt: Wer bei der Telekom einen Vertrag abschließt, aber lieber Amazons Lovefilm, die neue Cloud-Filmothek Ultra Violet oder ein anderes Angebot nutzt, wird in wenigen Jahren fast wörtlich in die Röhre gucken. Oder er zahlt für mehr Datenvolumen oben drauf. Erst locken, dann für den Gang zur Konkurrenz bestrafen und abkassieren? Die Telekom verkauft ihre Kunden für blöd.

Doch die Entscheidung reicht darüber hinaus. Denn mit der Flatrate und der Unterscheidung zwischen hauseigenen und fremden Diensten schafft die Telekom im Vorbeigehen die Netzneutralität ab. Ob Youtube-Video, Blog oder E-Mail – alle Daten werden momentan noch gleich behandelt. In Zukunft wird es anders sein: Wenn der Kunde nicht zahlt, dürfen nur die Telekom-Daten auf die Überholspur, alle anderen werden künstlich gebremst und sind langsamer unterwegs.

Seit Jahren diskutieren Experten und Politiker über die Festschreibung einer Gleichbehandlung von Daten im Netz. Ebenso lange sperren sich Union und FDP gegen ein entsprechendes Gesetz.

Grundversorgung statt Tarifdschungel

Angebrachter als das Ausnutzen dieser Lücke wäre es für die Telekom, das Gespräch mit der Regierung zu suchen, damit diese endlich Internetzugänge neben dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk zur Grundversorgung erklärt. Und nicht ständig mit der Datenbremse zu drohen und die Voraussetzungen für einen Tarifdschungel zu schaffen.

Zwangsläufig stellt sich die Frage, was als Nächstes kommt: Extra-Tarif für Youtube-Videos? Und zusätzlich bei Google Geld eintreiben? Alle E-Mail-Anhänge über 2 Megabyte kosten extra? Dropbox oder andere Cloud-Services nur gegen höhere Monatsgebühr? Großflächig IP-Telefonie übers Internet einführen, wenige Jahre später Regionalgrenzen einziehen und Zusatztarife für Gespräche von Berlin nach München verlangen? All dies ist möglich.

Quelle: n-tv.de

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