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Steven Sinofsky, Ex-Manager.
Steven Sinofsky, Ex-Manager.(Foto: REUTERS)

Microsoft reichen Apple und Google als Feinde: Warum Mr. Windows gehen musste

Von Roland Peters

Kaum ist Windows 8 auf dem Markt, verlässt Kronprinz Steven Sinofsky Microsoft. Hat er ein schlechtes Produkt abgeliefert? Mitarbeiter berichten über "Aggressivität", "sowjetische Zentralplanung" und Rücksichtslosigkeiten des Managers. Microsoft-Chef Steve Ballmer musste eine Entscheidung treffen – für den Konzern, gegen Apple und Google.

Bei Microsoft passiert derzeit vieles, so schnell, dass sich Beobachter verwundert die Augen reiben. Der Konzern, der mit seinem Betriebssystem groß wurde, machte mit Windows 8 einen risikoreichen Schritt in Richtung der Konkurrenz – Kacheln und Apps statt Desktop, Startmenü und Installationsroutinen. Zeitgleich das Experiment mit dem Tablet-Zwitter Surface, der eigenen Hardware. Zudem positionierte Microsoft das plattformübergreifende Xbox Music als Gegenspieler zu Apples iTunes.

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Auf allen Produktebenen drückt Microsoft-Chef Steve Ballmer aufs Gas. Jetzt auch im personellen Bereich. Zwar heißt es, Windows-Chef und Manager Steven Sinofsky habe selbst entschieden, das Unternehmen zu verlassen, um "neue Chancen zu entdecken". US-Medien berichten jedoch von schwerwiegenden internen Differenzen. Der 47-Jährige verbrachte 23 Jahre bei Microsoft. Er übernahm die Führung des Windows-Bereiches im Jahr 2006. Er galt zudem als ein aussichtsreicher Kandidat für den Chefposten im Gesamtkonzern.

Funktionen statt Aufgaben

Doch bereits vor Wochen stellte die renommierte Technik-Website CNet in einem Profil des Chefarchitekten von Windows 8 als Kontrollfreak dar, dessen Führungsstil Innovation bremsen könne; mehr noch, von einem "vergifteten Arbeitsumfeld" ist die Rede, das talentierte Angestellte vertreibe. Das kann der US-Konzern, der auf mehreren Ebenen gegen die Übermacht von Apple und Google kämpft, nicht gebrauchen. Nach Windows Vista war das noch anders. Die harte Hand Sinofskys brachte die Entwicklung des Flaggschiffs mit Windows 7 wieder auf Kurs.

Julie Larson-Green hat einen neuen Job.
Julie Larson-Green hat einen neuen Job.(Foto: dpa)

Der Führungsstil, der dieses Ergebnis brachte, war demnach orientiert auf Funktionen, nicht Aufgaben und flexible Projekte. So kritisiert eine Führungskraft im Unternehmen den Ansatz als "sowjetische Zentralplanung". Zwar gab Sinofsky selbst zu, sein Weg sei "kontrovers", aber nötig für die Erfüllung von Zeitplänen und Zielen.

Offenbar ist die Erfüllung von Deadlines für Microsoft-Chef Ballmer jedoch nicht mehr genug. Windows 8 in seinen unterschiedlichen Ausführungen ist die Hauptangriffsrichtung, jetzt kommt die Schlacht. Die entscheidenden, flankierenden Attacken auf Google und Apple sollen nun andere führen.

Leidenschaft und Seele

Die brauchen offenbar Leidenschaft, denn mit Sinofskys Arbeitsweise "gibt es am Ende ein seelenloses Produkt", sagte eine frühere Microsoft-Führungskraft. Das Problem des Managers war offenbar nicht nur die Herangehensweise bei der Personalorganisation, sondern seine Aggressivität anderen Abteilungen im Unternehmen gegenüber. Und sein Abgang kein Ergebnis eines schlechten Produkts, sondern seiner fehlenden Kompetenzen im Teambereich.

Vergangenes Jahr stellte Google-Mitarbeiter Manu Cornet Comic-Organigramme der sechs großen IT-Konzerne online. Exklusiv bei Microsoft richten dabei die verschiedenen Abteilungen Schusswaffen aufeinander.

Im CNet-Profil sagte der mehr als 21 Jahre lang im Unternehmen beschäftigte Charlie Kindel: "Meiner Meinung nach verkörpert das Steven Sinofsky"; ein Bild zudem, das sich mit den Berichten von Microsoft-Angestellten deckt, deren Namen das US-Magazin "The Verge" zwar nicht nennt, die aber ähnliche Dinge wie die Quellen von CNet berichten: Sinofsky habe gegen andere Entwickler gearbeitet. Er soll auf CEO Ballmer Einfluss genommen haben, damit dieser Projekte absägt, die die Macht von Windows im Konzern geschwächt hätten. Er selbst sei wichtig gewesen, Microsoft insgesamt weniger.

Verteilte Macht

Mit der Nachfolgerin Julie Larson-Green an der Spitze des Windows-Bereiches könnte das nun anders werden. Die Software-Entwicklerin war unter anderem für das neue Design des Windows-Betriebssystems mit den großen Kacheln auf der Oberfläche verantwortlich. Die Macht wird zudem aufgeteilt. Die für Finanzen und Marketing zuständige Tami Reller kümmert sich künftig auch um die geschäftliche Seite von Windows, während Software und Hardware in der Hand von Larson-Green liegen.

Zwar sagten Insider gegenüber US-Medien, Windows-Chef Sinofsky sei nicht gefeuert worden. Allerdings gebe es unter Microsofts Führungskräften wohl wenige, die seinen Abgang bedauern.

Quelle: n-tv.de

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