Technik
(Foto: Apple)

Apples iPad hat keine Ladehemmung: Warum der Akku lügt

von Klaus Wedekind

Der Akku des neuen iPad lädt offensichtlich weiter, obwohl die Anzeige auf 100 % steht. Pfusch? Ein Skandal oder gar brandgefährlich? Vermutlich ist die ganze Aufregung völlig umsonst. Denn bei wiederaufladbaren Batterien heißt voll nicht unbedingt voll.

Seit einigen Tagen kursieren Berichte im Internet, wonach Apples neues iPad ein Problem mit der Anzeige der Batterieladung haben soll. Tatsächlich scheint es so zu sein, dass der Akku noch auf Sparflamme weiterlädt, obwohl neben dem Akku-Symbol 100% steht. Die Frage ist nur, ob dies auch Fehler ist. Vor etwas mehr als einem Jahr veröffentlichte n-tv.de einen Artikel über das eigenwillige Ladeverhalten von Smartphone-Akkus. Der Artikel ist zwar nicht mehr taufrisch, zeigt aber recht gut, warum die Diskussion über die Batterie des neuen iPad möglicherweise an den Haaren herbeigezogen ist.

iFixit hat das neue iPad auseinandergenommen. Das dunkelgraue Ding rechts neben der Rückseite ist der riesige Akku, der das iPad zehn Stunden am Leben hält.
iFixit hat das neue iPad auseinandergenommen. Das dunkelgraue Ding rechts neben der Rückseite ist der riesige Akku, der das iPad zehn Stunden am Leben hält.(Foto: Reuters)

Früher war alles besser - jedenfalls die Telefonakkus. Das glauben zumindest viele, die von einem Standard-Handy auf ein Smartphone umgestiegen sind. Während sie früher ihr Telefon vielleicht einmal die Woche laden mussten, hängt das Smartphone jeden Abend an der Strippe. "Da haben die Hersteller mal wieder das billigste Zeug eingebaut, um ordentlich Kasse zu machen", hört man so manchen Nutzer schimpfen. Aber da liegen sie falsch.

Smartphones sind eigentlich keine Handys, sondern kleine Computer, mit denen man auch telefonieren kann. Sie werden viel intensiver genutzt und ihre großen, brillanten und hochauflösenden Bildschirme verbrauchen um ein Vielfaches mehr Strom als kleine Standard-Displays. Und obwohl ihre Touchscreens immer größer werden, achten Smartphones auf die schlanke Linie. Sie sind selten dicker als ein Zentimeter. In den knapp bemessenen Gehäusen muss aber Platz für Kamera, GPS-Empfänger und viele andere Extra-Technik sein. Für den Akku wird es da ganz schön eng.

Akkus können nicht Schritt halten

Auch bei den wiederaufladbaren Batterien ist die Entwicklung zwar nicht stehengeblieben, doch konnte sie mit anderen Techniken nicht Schritt halten. Während Prozessoren immer kleiner und leistungsfähiger wurden, hat sich in den vergangenen Jahren an Ladekapazitäten und Dimensionen von Akkus  wenig geändert. Schon Ende 2009 kritisierte Nokias Forschungschef Henri Tirri die geringe Laufzeit von Smartphones. Damals rief er das Ziel aus, das Durchhaltevermögen der High-End-Telefone auf eine Woche zu verbessern. Davon sind Nokia und Konkurrenten noch meilenweit entfernt.

Vorerst wird sich an dem Batterie-Dilemma auch wenig ändern. Von den Smartphone-Herstellern selbst ist in Sachen Grundlagenforschung wenig zu erwarten. Hoffnung besteht aber, weil effiziente Akkumulatoren auch für Autos der Zukunft und den Erfolg der erneuerbaren Energien von essentieller Bedeutung sind. So hat kürzlich an der Uni Ulm das Helmholtz-Institut zur Batterieforschung eröffnet, das sich zum Ziel gesetzt hat, leistungsfähige und kostengünstige Batteriesysteme zu entwickeln.

Selten laden?

Bis es so weit ist, müssen Smartphone-Besitzer mit der beschränkten Ladekapazität ihrer Akkus leben und aus den lahmen Batterien herausholen, was geht. Zunächst stellt sich die Frage, wann und wie oft man den Akku aufladen sollte. Wer im Internet nach einer Antwort sucht, findet häufig den Rat, sein Telefon nicht zu oft an die Steckdose zu hängen. Man solle am besten warten, bis die Batterie komplett leer ist. Als Begründung dient die Tatsache, dass Akkus eine beschränkte Anzahl von Ladezyklen haben. Durch zu häufiges Laden verbrauche man sie zu schnell, heißt es.

Das scheint so nicht zu stimmen. Die Experten der "Battery University" schreiben, dass im Gegenteil volle Entladungen für heute gebräuchliche Lithium-Ionen-Akkus schädlich seien und man die Batterie lieber häufiger laden sollte. Der von Nickel-Cadmium-Akkus bekannte "Memory-Effekt", bei dem sich bei regelmäßiger Teil-Ladung die Kapazität nach unten anpasst, existiere bei Lithium-Ionen-Speichern nicht. Im Übrigen startet ein Ladezyklus nicht bei jedem Ladevorgang, sondern wenn der Akku einmal komplett zu 100 Prozent geladen wurde. Einfach ausgedrückt: Laden Sie das Telefon, wenn Sie die Gelegenheit dazu haben.

100 Prozent sind zu viel

Frage 2, die unter Smartphone-Besitzern für viel Gesprächsstoff sorgt: Wird mein Akku wirklich zu 100 Prozent geladen? Ein Beitrag im Entwickler-Forum "XDA-Developers" gibt darauf eine klare Antwort: "Nein, Ihr Smartphone lügt Sie an." Was? Was soll das den heißen? Kurz gesagt: Das Smartphone handelt in Notwehr. Denn ein voller Ladestand lässt die Batterie frühzeitig altern. Die "Battery University" erklärt dies so: "Der Akku sollte so kurz wie möglich bei voller Ladung gehalten werden. Andauernde hohe Spannung verursacht Korrosion, vor allem bei erhöhten Temperaturen." Und weil das Telefon dies bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung des Akkus von drei Jahren unbedingt vermeiden möchte, hilft es sich mit einem Trick: Kurz nachdem dem erfreuten Nutzer ein zu 100 Prozent geladener Akku signalisiert wurde, entlädt das Akku-Management die Batterie wieder auf einen Stand um 90 Prozent. Wer es nicht glaubt, sollte den kompletten "XDA-Developers"-Beitrag oder die Übersetzung von "Androidnews" lesen - der Autor führt eine lückenlose Beweiskette.

In diesem Zusammenhang sollte man sich überlegen, ob man die zahlreichen Anleitungen zum Akku-Training anwenden sollte. Beliebt ist vor allem das "Bump Charging": Gerät aus - aufladen, Ladekabel abziehen und gleich wieder einstecken. Wenn man das Ganze mehrmals wiederholt, soll sich die Ladekapazität erhöhen. Laut "XDA-Developers"-Analyse funktioniert die Methode tatsächlich. Allerdings altere der Akku dadurch schneller.

Letztendlich muss jeder selbst entscheiden, ob er seltener lädt und seinen Akku dafür schneller den Garaus macht, oder ob er Wert auf eine lange Lebensdauer seiner Batterie legt. Dies spielt vor allem für iPhone-Besitzer eine Rolle, da sie ihre Batterie nicht wechseln können. Alle anderen können sich auch überlegen, einen Ersatz-Akku zu kaufen, der selten mehr als 20 Euro kostet. Und schließlich darf man nicht vergessen, dass das Smartphone deutlich länger durchhält, wenn man Strom spart. Am besten verringert man dafür die Helligkeit des Bildschirms, so lange man keine Fotos oder Videos schaut. Das bringt vermutlich mehr als jedes Akku-Training.

Quelle: n-tv.de

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