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Das Konkurrenzmodell zum deutschen Exportschlager "Leopard II": Kampfpanzer vom Typ "Leclerc" bilden das Rückgrat der französischen Heeresstreitkräfte.
Das Konkurrenzmodell zum deutschen Exportschlager "Leopard II": Kampfpanzer vom Typ "Leclerc" bilden das Rückgrat der französischen Heeresstreitkräfte.(Foto: Reuters)

Hochzeit der Panzerbauer: KMW fusioniert mit Nexter

Spektakuläre Richtungsentscheidung: Europas Rüstungsindustrie wagt den Zusammenschluss. Der Panzerhersteller Krauss-Maffei Wegmann aus München geht mit dem französischen Konkurrenten Nexter Systems zusammen.

Gut für beide Seiten: Die Fusion könnte den Weg frei machen für eine neue deutsch-französische Panzergeneration - und neue Absatzmärkte im Ausland sichern.
Gut für beide Seiten: Die Fusion könnte den Weg frei machen für eine neue deutsch-französische Panzergeneration - und neue Absatzmärkte im Ausland sichern.(Foto: REUTERS)

Krauss-Maffei Wegmann (KMW) gibt eine weitreichende strategische Entscheidung bekannt. Der deutsche Rüstungskonzern will mit einem seiner wichtigsten Konkurrenten aus Frankreich ein Gemeinschaftsunternehmen schmieden.

Eine entsprechende Grundsatzerklärung sei in Paris unterzeichnet worden, teilte KMW mit. Durch den Zusammenschluss beider Unternehmen unter dem Dach einer gemeinsamen Holding entstehe ein deutsch-französischer Wehrtechnikkonzern mit annähernd 2 Milliarden Euro Jahresumsatz, einem Auftragsbestand von rund 6,5 Milliarden Euro und mehr als 6000 Mitarbeitern. Es ist eine der größten Rüstungsfusionen in der jüngeren Vergangenheit.

Aufgeteilte Absatzmärkte

"Nexter, KMW und ihre Eigentümer bewerten ihren Schritt als entscheidend für die Konsolidierung der wehrtechnischen Industrie Europas", erklärten die Unternehmen in einer gemeinsamen Mitteilung. "Ihre gemeinsame strategische Neuaufstellung ermöglicht den Erhalt von Arbeitsplätzen und Kompetenzen im Kern der Europäischen Union." Die Produktportfolios beider Unternehmen und ihre regionalen Präsenzen auf dem Weltmarkt ergänzten sich nahezu ohne Überschneidungen.

Die Firmenhochzeit kommt unter Vermittlung der französischen Agentur für Staatsbeteiligungen (APE) zustande. In Berlin und Paris stößt das Vorhaben auf wohlwollende Zustimmung. Ein Zusammenschluss des Kampfpanzer-Herstellers KWM mit seinem französischen Wettbewerber könnte den beiden Rüstungsunternehmen eine breitere Basis in den Heimatmärkten verschaffen. Eine gemeinsame Holding könnte - abgesehen von den gemeinsamen Exportchancen - vor allem auch auf staatliche Aufträge sowohl aus Frankreich als auch aus Deutschland vertrauen - und damit Hightech-Arbeitsplätze in beiden Nato-Ländern erhalten.

Der Leo II - hier im minengeschützten Spezialeinsatz bei den Kanadiern - zählt zu den Exportschlagern der deutschen Rüstungsindustrie.
Der Leo II - hier im minengeschützten Spezialeinsatz bei den Kanadiern - zählt zu den Exportschlagern der deutschen Rüstungsindustrie.(Foto: REUTERS)

Angesichts schrumpfender Wehretats steht die Branche in Europa seit Jahren unter Konsolidierungsdruck, um sich gegen Großkonzerne etwa aus den USA zu behaupten. Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel hatte zuletzt eine Beschränkung der deutschen Rüstungsexporte angekündigt, die vor allem Panzer und Kleinwaffen wie Sturmgewehre treffen soll.

Vorbild Airbus?

KMW ist einer breiteren Öffentlichkeit unter anderem bekannt für geschützte Militärfahrzeuge wie "Mungo", "Dingo" oder "Fennek" sowie den schweren Hauptkampfpanzer "Leopard II". Wichtigster Einzelkunde sind die Wehrmaterialbeschaffer der deutschen Bundeswehr. Ein milliardenschwerer Exportantrag für das Kettenfahrzeug nach Saudi-Arabien ist in Deutschland ist aber umstritten und liegt beim Wirtschaftsministerium auf Eis.

Nexter wiederum ist aus den verschiedenen Waffenschmieden der traditionsreichen französischen Rüstungsindustrie hervorgegangen. Nexter Systems betreut unter anderem den Bau und die Weiterentwicklung von direkten KMW-Konkurrenzmodellen wie etwa den Kampfpanzer "Leclerc".

Dass beide Konzerne im Gespräch waren, war seit längerem bekannt - auch wenn dies bislang nie offiziell bestätigt wurde. Deutschland und Frankreich hatten im Juni 2012 ein Abkommen über eine umfassende Rüstungskooperation unterzeichnet mit dem Ziel, langfristig ihre Einkaufsmacht auf dem milliardenschweren Markt zu bündeln. Beide Staaten kündigten unter anderem eine enge Abstimmung bei der Konzeptionierung der nächsten Generation Panzer und Artillerie an.

In der Liga der weltbesten Panzer

Im Spezialgeschäft mit Kampfpanzern und anderen sogenannten "Landsystemen" wirkt der Weltmarkt sehr überschaubar: Militärexperten zufolge bewegt sich insbesondere der "Leo II" - den KMW zusammen mit dem deutschen Partner Rheinmetall baut - in einer Liga, in der im Hinblick auf Leistungsdaten und Schlagkraft ansonsten nur der US-Hauptkampfpanzer "Abrams", der britische "Challanger 2", der "Merkava" aus Israel und vielleicht noch der russische "T-90" bestehen können.

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Bisher machten sich die Rüstungskonzerne diesseits und jenseits des Rheins kräftig Konkurrenz: Erst im April 2013 setzte sich KMW im Ringen um einen milliardenschweren Panzer-Auftrag aus Katar gegen die französische Konkurrenz durch. Das Familienunternehmen wird nun 62 Kampfpanzer des Typs "Leo II" und 24 Panzerhaubitzen in den Wüstenstaat liefern. Auch Saudi-Arabien hat Interesse an über 200 Leopard-Panzern angemeldet.

Nachteile für Rheinmetall?

Angesichts des wachsenden Sparzwangs in den staatlichen Militäretats müssen sich die Hersteller von solchen hochspezialisierten Waffenherstellern zunehmend nach neuen Kunden und dauerhaft lukrativen Exportaufträgen umschauen. Im Fall von KMW und Nexter wurde es dabei für Standortpolitiker zuletzt offenbar immer schwerer zu vermitteln, warum zwei benachbarte Bündnispartner militärisches Knowhow, Hightech-Patente und geheimes Rüstungwissen separat vorhalten, mehren und vermarkten sollten.

Eine Kooperation zwischen KMW und Nexter könnte nach Einschätzung von Wehrexperten Nachteile für Rheinmetall bedeuten, den angestammten Partner von Kraus-Maffei bei zahlreichen Rüstungsvorhaben. Die beiden Konzerne produzieren gemeinsam unter anderem den neuen Schützenpanzer "Puma" und den Radpanzer "Boxer" für die Bundeswehr.

Der Staatskonzern Nexter stellt neben dem Kampfpanzer "Leclerc", das Artilleriegeschütz "Caesar" sowie Rad- und Schützenpanzer, Sturmgewehre und Munition her. Außerdem gilt die Nexter Group, deren Teil das Unternehmen Nexter Systems ist, auch als wichtiger Zulieferer der europäischen Luftfahrtindustrie.

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Grünes Licht aus Paris

Die französische Regierung, die Anteile an Nexter hält, bestätigte die Pläne für einen Zusammenschluss. Sie eröffnete offiziellen Angaben aus Paris zufolge Gespräche, die innerhalb von neun Monaten in die Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens münden sollen. Ziel sei die Bildung eines "europäischen Anführers" auf dem Markt der Bodenrüstung.

Krauss-Maffei Wegmann dagegen ist ein Familienunternehmen mit rund 3000 Angestellten. Direkten Einfluss kann die Bundesregierung hier nicht ausüben. Allerdings gehen Beobachter davon aus, dass ein solches Zusammengehen im militärstrategisch und wirtschaftlich bedeutsamen Rüstungsbereich nicht ohne ausdrückliche Zustimmung der Bundesregierung möglich wäre.

Die französische Regierung erklärte, der internationale Wettbewerb in der Branche erfordere den Aufbau einer schlagkräftigen Gruppe. Diese könne dann mit einem erweiterten Produkt-Angebot und umfangreicherer Expertise punkten, teilten das Finanz-, Wirtschafts- und Verteidigungsministerium mit.

Fusion bis 2015

Gemessen an den nackten Zahlen bewegen sich die beiden Panzerbauer ohnehin bereits auf Augenhöhe: KMW erwirtschaftete im vergangenen Jahr einen Gewinn von 80 Millionen Euro. Nexter verzeichnete dagegen einen Überschuss von 74 Millionen Euro.

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Das geplante Gemeinschaftsunternehmen soll nach Angaben des französischen Verteidigungsministeriums nur vorübergehend von beiden Unternehmen zu gleichen Teilen gehalten werden. Auf lange Sicht sei eine Fusion geplant. Der Zusammenschluss ist demnach für Frühjahr 2015 vorgesehen. Bis dahin unterziehen sich die beiden Rüstungskonzerne einem Due-Diligence-Verfahren, also einer genauen Prüfung ihrer Bücher.

Ein Gemeinschaftsunternehmen zu einer "Panzer-Airbus" soll beiden Seiten sofort handfeste Vorteile bringen: Durch gemeinsame Einkäufe würden beide Seiten sparen, hieß es. Mit einer breiteren Angebotspalette wären die Unternehmen zudem für Ausschreibungen besser gerüstet. Nexter würde zudem vom Vertriebsnetz von Krauss-Maffei Wegmann profitieren, Krauss-Maffei Wegmann wiederum von Entwicklungen Nexters.

Die bisherigen Alleingesellschafter der beiden Unternehmen erhalten nach eigenen Angaben je 50 Prozent der Aktien der neuen Holding. Die Führungsstruktur der Holding-Gesellschaft werde die Balance zwischen den beiden Gesellschaftern wahren, erklärten die beiden Firmen. Die erforderlichen Genehmigungen der Wettbewerbshüter stehen noch aus.

Weniger Exportgenehmigungen

Für die Bundesregierung dürften die Pläne tatsächlich sehr gelegen kommen. Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel hatte erst kurz vor der Bekanntgabe des deutsch-französischen Fusionsvorhabens seine Forderungen an die deutsche Rüstungsindustrie erneuert, sich stärker um Geschäfte im zivilen Bereich zu bemühen. Damit sollen sich die Konzerne auf drohende Umsatzeinbußen einstellen.

Der SPD-Politiker Gabriel reagiert offenbar auf wachsenden öffentlichen Druck. Er will künftig weniger Rüstungsexporte in umstrittene Lieferländer genehmigen. In einem Brief an ein Unternehmen bekräftigte Gabriel jetzt nach Angaben aus Regierungskreisen seine Haltung, die Branche solle ihre Abhängigkeit von staatlichen Rüstungsaufträgen verringern und stärker auf den Zivilmarkt setzen.

Zivile Geschäfte für Heckler & Koch?

Dies hatte Gabriel den Konzernen bereits mit der Vorlage des Rüstungsexportberichts im Juni empfohlen. Gerüchten zufolge gab es zudem bereits Gespräche unter anderem mit KMW, Rheinmetall und Heckler & Koch über mögliche Folge einer restriktiveren Genehmigungspolitik der Bundesregierung. Dabei lotete die Regierung aus, "welche technologischen Fähigkeiten am Standort Deutschland" erhalten bleiben sollten und wie Jobs durch mehr zivile Aufträge gesichert werden könnten.

Unternehmen und Betriebsräte warnen Gabriel vor dem Verlust vieler Arbeitsplätze. Im vergangenen Jahr hatte die damalige schwarz-gelbe Bundesregierung aus Union und FDP Rüstungsexporte von insgesamt 8,34 Milliarden Euro (2012: 8,87 Mrd) genehmigt. Deutschland gilt hinter den USA und Russland als drittgrößter Rüstungsexporteur der Welt. Die Fusion von KMW und Nexter könnte der deutschen Rüstungsindustrie einen Ausweg zeigen - hin zu weiteren europäischen Zusammenschlüssen.

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Quelle: n-tv.de

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