Unterhaltung
(Foto: dpa)

ESC entgeht politischem Debakel : Der Held von Wien ist Schwede

Von Volker Probst, Wien

Es ist ein Start-Ziel-Sieg. Von Anfang an Favorit, gewinnt der Schwede Måns Zelmerlöw den Eurovision Song Contest. Für seinen Triumph mit "Heroes" wird er in Wien wie ein Held gefeiert. Für Deutschland und Ann Sophie ist es indes ein rabenschwarzer Abend.

Es ist nicht Conchita Wurst. Und auch Andreas Kümmert konnte wegen Lustlosigkeit nicht in das Geschehen in der Wiener Stadthalle eingreifen. Trotzdem trägt der Sieger des diesjährigen Eurovision Song Contests Bart. Ohne Abendkleid. Ohne Perücke, Ohne High Heels. Ohne Mascara. Aber auch ohne Schlabber-Pulli. Måns Zelmerlöw versprüht mit seinem Drei-Tage-Bart stattdessen den Charme des netten Typen von nebenan. Und nebenan ist in diesem Fall Schweden. Mit dem Pop-Ohrwurm "Heroes" und einer herausragenden Bühnenshow holt der 28-Jährige den ESC mal wieder in die Heimat von ABBA.

Vom Krimi zum Polit-Krimi

Zelmerlöws Sieg ist an sich wenig überraschend. Schon seit Wochen hatte er in Wien eine Favoritenrolle inne. Dennoch entwickelt sich die Abstimmung am ESC-Finalabend zu einem Krimi. Nicht nur, weil sich drei Teilnehmer zunächst ein enges Kopf-an-Kopf-Rennen liefern. Gemessen an den Reaktionen des Publikums in der Halle, läuft hier auch ein regelrechter Polit-Krimi ab. Dank Schwedens Sieg mit einem Happy End.

Lange sieht es so aus, als könnte die Russin Polina Gagarina vor Zelmerlöw und den ebenfalls starken Il Volo aus Italien das Rennen machen. Ihre vorübergehende Spitzenposition verdankt sie dabei allerdings nicht nur den Stimmen aus den einstigen sowjetischen "Bruderstaaten". Auch aus vielen anderen Ländern bekommt die Russin Punkte - von Deutschland sogar satte 12. Beim Publikum sorgt das hörbar für Unmut. Umso größer ist die Euphorie, als Schweden schließlich die Führung übernimmt und festigt.

Von Conchita zu Polina

Gagarina mit Tränen in den Augen bei der Verkündung der Ergebnisse.
Gagarina mit Tränen in den Augen bei der Verkündung der Ergebnisse.(Foto: AP)

Ähnliche Szenen spielten sich bereits beim ESC 2014 in Kopenhagen ab. Und wie damals die jungen Tolmatschowa-Schwestern ist diesmal auch die - bezaubernde - Polina Gagarina nicht zu beneiden. Alle Appelle der Moderatorinnen, die Politik beim Song Contest außen vor zu lassen, verhallen ungehört. Hätte Gagarina gewonnen - sie wäre wohl die erste ESC-Siegerin gewesen, die unter Buh-Rufen ihre Trophäe in Empfang genommen hätte. Zelmerlöws Sieg hat sie und die Eurovision vor diesem Debakel bewahrt. In den Jubel für den Helden aus Schweden konnten am Ende alle einstimmen, als wäre nichts gewesen.

Es wäre aber auch wirklich eine zu seltsame Ironie des Schicksals gewesen. Vor allem aus Osteuropa und allen voran Russland kamen schließlich im Vorjahr homophobe Anfeindungen gegen die diesjährige Gastgeberin Conchita Wurst. Und dass manch einer noch immer nicht über den Sieg der Frau mit Bart hinweggekommen ist, beweist die Frage eines bulgarischen Journalisten bei Zelmerlöws Gewinner-Pressekonferenz. Ob Schwedens Sieg denn als Triumph der "schwulen Lobby" über die "weibliche Schönheit" zu werten sei, will der Reporter wissen - und wird dafür von der Moderatorin zu Recht abgekanzelt.

Von Deutschland zu Österreich

Apropos Ironie. Die entbehrt auch ein Blick auf die beiden großen Verlierer und einzigen "Nullnummern" des Abends nicht: Deutschland und Österreich. Ob überhaupt schon mal ein Gastgeber mit "zero points" bedacht wurde, werden findige ESC-Statistiker sicher in den kommenden Tagen herausfinden. Deutschland indes ging das letzte Mal ohne einen einzigen Punkt 1965 nach Hause.

Null Punkte für Ann Sophie.
Null Punkte für Ann Sophie.(Foto: dpa)

Dass sich Deutsche und Österreicher nichts schenken und dem vielerorts üblichen Punktegeschacher unter Nachbarn nicht anschließen, mag man ebenso sympathisch finden wie in der heutigen Zeit befremdlich. Aber eines ist klar: Unter ESC-Bedingungen macht sie das - Ausnahmen wie Lena und Conchita bestätigen die Regel - zu geborenen Verlierern.

Von Elaiza zu Ann Sophie

Ann Sophie sollte dabei niemand einen Vorwurf machen. Sie hat sich und ihr "Black Smoke" in Wien wirklich so gut es ging präsentiert. Und sie wird und sollte weiter ihren Weg gehen. Trotzdem erwiesen sich der Song und die Performance am Ende als zu schwach, um in der ESC-Masse herauszustechen. Wer nun meint, mit Andreas Kümmert wäre alles besser gelaufen, hat leicht reden. Das Gegenteil lässt sich schließlich nicht beweisen.

Ann Sophies glorreiches Scheitern ist umso bedauerlicher, als sie den Mut bewiesen hat, sich der ESC-Herausforderung unter schwierigen Bedingungen zu stellen. Und weil auch Deutschland mit ihrer Entsendung Mut bewiesen hat. Nach Elaiza im vergangenen Jahr setzte sich im nationalen Vorentscheid am Ende abermals ein "No Name" gegen etablierte Künstler durch. Und eigentlich sollte man darauf aufbauen. "They are the heroes of our time" - um es leicht abgewandelt mit Måns Zelmerlöw zu sagen.

Von Klimbim zu Relevanz

Und was bleibt sonst vom ESC in Wien? Weniger Lametta. Der Song Contest setzt seine Entwicklung von volkstümlichen Schlagern zu hitparadentauglichem Einheitspop fort. Zahlreiche Länder - von den skandinavischen und baltischen Staaten über Slowenien und Georgien bis hin zum Ehrengast Australien - hatten Songs im Gepäck, die man sich durchaus in westeuropäischen Charts vorstellen könnte. Auch die Zeiten, in denen Song-Contest-Teilnehmer in abstrus-lustigen Glitzer-Kostümen die Bühne unsicher machen, scheinen endgültig vorbei. Zum Glück gibt es wenigstens noch die Windmaschine.

Man mag bedauern, dass der - in unseren Ohren - künstlerische Trash-Faktor am Schwinden ist. Oder es begrüßen. In jedem Fall beschert das dem oftmals als Klimbim-Veranstaltung verlachten ESC mehr musikalische Relevanz.

Auch einen anderen Relevanzgewinn des ESC mag man gut finden oder nicht. Conchita Wurst hat es vorgemacht. Die Finnen und Polen, die in diesem Jahr behinderte Musiker ins Rennen schickten, haben andere Schritte unternommen. Und auch die Buh-Rufe gegen Russland passen ins Bild. Der ESC wird zur Projektionsfläche gesellschaftspolitischer Themen und Probleme. Den Verantwortlichen ist das - siehe Russland - gar nicht so recht. "Building Bridges" lautete das Motto des diesjährigen Song Contests. Beim Brückenbau sollen sich aber bitte alle lieb haben. Doch Toleranz und Respekt sind keine Einbahnstraße. Und ohne Baulärm geht es beim ESC nicht mehr ab.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen