Unterhaltung
Die Bühne in Kiew sieht bombastischer aus als sie - in ESC-Maßstäben - letztlich ist.
Die Bühne in Kiew sieht bombastischer aus als sie - in ESC-Maßstäben - letztlich ist.(Foto: imago/ZUMA Press)

Miseren, Murks und Makel: Der verkorksteste ESC aller Zeiten?

Von Volker Probst, Kiew

Lange stellte sich die Frage, ob die Ukraine überhaupt die Austragung des ESC hinbekommt. Ja, tut sie. Irgendwie jedenfalls. Doch schon vor dem Finale ist klar, dass dies kein Highlight in der Geschichte der Veranstaltung sein wird.

Der frühere IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch ließ sich gerne mal regelmäßig zu neuen Superlativen hinreißen. So lobte er etwa 1992 erst die Olympischen Spiele in Barcelona als "die besten Spiele aller Zeiten" und dann acht Jahre später die in Sydney. In Peking 2008 machte er wiederum "die erfolgreichsten Spiele aller Zeiten" aus. Vielleicht sollte man mit Blick auf den ESC in Kiew ja auch einen neuen Superlativ kreieren: den vom verkorkstesten ESC aller Zeiten. Nun ja, das wäre dann vielleicht doch ein bisschen zu pauschal. Und außerdem will man mit Samaranch ja eigentlich auch nichts zu tun haben. Sagen wir es deshalb mal so: Es war auf jeden Fall nicht der beste ESC aller Zeiten.

Gefeiert wird in Kiew unter massiven Sicherheitsvorkehrungen.
Gefeiert wird in Kiew unter massiven Sicherheitsvorkehrungen.(Foto: REUTERS)

Das hat mehrere Gründe. Einer davon ist tragisch und den Veranstaltern in der Ukraine nicht in die Schuhe zu schieben: In dem Land herrscht Krieg. Während in Kiew eine vergnügte Show gefeiert wird, sterben rund 700 Kilometer entfernt - etwa die Distanz zwischen München und Hamburg - in der Ostukraine Menschen. Klar, davon kriegt man im bunten ESC-Trubel in der Hauptstadt unmittelbar nichts mit. Doch den Makel eines flauen Gefühls kann die Veranstaltung nicht abstreifen.

Sicherheit und Korruption

Direkt konfrontiert ist man indes mit dem martialischen Aufgebot an Polizei, Militär und Nationalgarde, das zum Schutz des ESC aufgefahren wird. Kein Problem! Als Besucher der Veranstaltung wird man sich sicher nicht darüber beklagen, dass hier alles getan wird, um Leib und Leben der Gäste aus aller Welt zu schützen. Gleichwohl verdeutlicht die Szenerie, wie hoch man hier offenbar das Gefahrenpotenzial für das Event einschätzt. Und das in einem Land, das auf dem Korruptionsindex Platz 131 von 176 belegt und in dem womöglich auch mancher Schutzmann seine Aufgabe gegen Bares mal vergisst. Auch hier bleibt ein flaues Gefühl, dem man auch mit noch so vielen Sicherheitskräften nicht begegnen kann.

Der Streit um den Auftritt der russischen Sängerin Julija Samoilowa belastete den ESC in diesem Jahr.
Der Streit um den Auftritt der russischen Sängerin Julija Samoilowa belastete den ESC in diesem Jahr.(Foto: dpa)

Der Streit zwischen den beiden Kriegsparteien Ukraine und Russland um den Auftritt der russischen Kandidatin Julija Samoilowa lastet als dritter Makel auf dem diesjährigen ESC. Geendet ist er mit dem russischen Boykott und dem Verzicht auf die TV-Übertragung der Show. Und er könnte noch ein weiteres Nachspiel haben: Die Ukraine und Russland könnten in den kommenden Jahren vom ESC ausgeschlossen werden. Ein Makel mit Langzeitwirkung.

Hilfe aus Schweden

Zu all dem reihen sich die Miseren, die sich bei der Vorbereitung des ESC in der Ukraine angehäuft haben. Es gab wohl nur allzu berechtigte Sorgen, dass das Land die Veranstaltung nicht gestemmt bekommt. Nachdem kurz vor knapp im Februar das ukrainische Produktionsteam der Show geschlossen das Handtuch geworfen hatte, war man auf ausländische Hilfe angewiesen. Die Europäische Rundfunkunion (EBU) holte kurzerhand Verstärkung aus Schweden, wo der Contest im Vorjahr stattgefunden hatte. Zumindest den Super-Gau, den ESC in der Ukraine platzen zu sehen, konnte man damit abwenden.

Das Moderationstrio bemüht sich natürlich - aber wir haben schon Besseres gesehen.
Das Moderationstrio bemüht sich natürlich - aber wir haben schon Besseres gesehen.(Foto: imago/Ukrainian News)

Dennoch kann sich die Produktion im "International Exhibition Centre" (IEC) in Kiew nicht mit den Shows vergangener Jahre messen. Und das liegt nicht nur daran, dass die Halle gerade mal etwa halb so vielen Zuschauern Platz bietet wie etwa der "Globen" in Stockholm ein Jahr zuvor. Auch die Bühne, die für das IEC gezimmert wurde, kann mit den spektakulären Aufbauten vergangener Jahre nicht mithalten. Klar, auch in Kiew wird etwa mit einer XXXL-Leinwand im Hintergrund geklotzt und nicht gekleckert. Und - oh Wunder der Fernsehtechnik - am TV-Bildschirm entsteht auch so ein bombastischer Eindruck. Aber in ESC-Maßstäben werden hier dennoch kleinere Brötchen gebacken.

Und dann auch noch langweilig?

Schließlich kommt zu allem Unglück noch einiger Murks dazu. Nein, gemeint sind nicht die musikalischen Beiträge bestimmter Länder. Okay, da sind auch einige Quark, aber das ist ja nun mal bekanntlich jedes Jahr so. Bei den Moderationen indes erlebte der ESC in den vergangenen Jahren so manche Sternstunde. Ganz unbescheiden wollen wir da mal das Trio Stefan Raab, Anke Engelke und Judith Rakers 2011 in Düsseldorf hervorheben. Aber auch die schwedische Gastgeberin Petra Mede wusste 2013 und 2016 - bei ihrem zweiten Einsatz unterstützt von "Heroes"-Sänger Måns Zelmerlöw - zu begeistern. Dem Moderationsdreier aus Wolodymyr Ostaptschuk, Oleksandr Skitschko und Timur Miroschnytschenko, der nun in der Ukraine in die Bütt steigt, fehlt es dagegen deutlich an vergleichbarem Glanz und Esprit.

Als Murks könnte sich auch erweisen, dass die Luft aus dem ESC in Kiew noch vor dem Finale raus ist. Wie etwa 2013 in Malmö, als Emmelie de Forest mit "No Teardrops" ihr Sieg von Anfang an kaum zu nehmen schien, gibt es auch in diesem Jahr einen großen Favoriten, dem ein glatter Start-Ziel-Sieg gelingen könnte: Francesco Gabbani aus Italien mit seinem Pop-Ohrwurm "Occidentali's Karma". Wenn es am Ende auch noch heißen sollte, der ESC in Kiew sei langweilig gewesen, wäre das wohl noch das i-Tüpfelchen auf der Serie an Pleiten, Pech und Pannen.

Aber zumindest eine Sache sollte auch positiv herausgestellt werden: die Begeisterung, die die Austragung der Veranstaltung in einem Land wie der Ukraine entfacht. Mehr noch als etwa in Schweden, das ebenso ESC-verrückt wie vom Erfolg bei dem Wettbewerb verwöhnt ist, löste der Event in Kiew eine regelrechte Volksfeststimmung aus. Das war etwa zu erleben, wenn man bei der Halbfinal-Übertragung mit Tausenden Fans bei eisigen Temperaturen im "Eurovision Village" unweit des Majdan vor der Leinwand bibberte. Und allein das wiegt so einiges an Miseren, Murks und Makeln auf.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen