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"Wahre Liebe wartet" - so eines der Keuschheitsmottos.
"Wahre Liebe wartet" - so eines der Keuschheitsmottos.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Modeerscheinung: Kein Sex vor der Ehe: Ein unhaltbares Versprechen

von Anna Kusserow

Kleidung und Schmuck sollen Jugendlichen in den USA dabei helfen, Keuschheitsgelübde zu halten. Jesus-Verse auf der Unterwäsche oder Reinheitsringe machen sichtbar, wer noch Jungfrau ist. Stars aus dem Disney-Kosmos dienen als Vorbilder. Doch je älter sie werden, desto mehr Ringe verschwinden.

Dass die Jonas Brothers, von Millionen Mädchen umschwärmt, keinen Sex haben, ist für Russell Brand ungefähr so, als würde Superman aufs Fliegen verzichten und den Bus nehmen. Während der europäische Comedian sich über die Keuschheit der tief gläubigen Christen lustig macht, schmachten die US-amerikanischen Fans nur noch mehr nach ihren Lieblinge. "Keinen Sex vor der Ehe" zu versprechen, ist in den USA nicht unüblich. Mit sichtbaren Symbolen und prominenten Vertretern wird dieser konservative Wert zum Lifestyle-Produkt. Allerdings nur für kurze Zeit.

Ihren Anfang hat die moderne Keuschheitsbewegung der USA in den 1990er Jahren. Die Zahlen von Teenagerschwangerschaften und HIV-Infektionen war zu dieser Zeit stark angestiegen. Die Bundesstaaten reagierten mit Maßnahmen zur Aufklärung und Verhütung. Dem Pfarrer Jimmy Hester schien das die richtige Gelegenheit zu sein, um für die Enthaltsamkeit vor der Ehe zu werben. 1993 startete er die Kampagne "True Love Waits". Jugendliche konnten per Unterschrift ein Versprechen abgeben, mit dem Sex bis zur Ehe zu warten. Im ersten Jahr wurden 100.000 Erklärungen unterschrieben, bis heute sollen es etwa eine halbe Million sein, heißt es seitens der Organisation. "Wahre Liebe wartet" ist der deutsche Ableger. Angeregt durch das Vorbild aus den USA gründete Michael Müller 1994 das Pendant, das in zehn Jahren ungefähr 10.000 Bekenntnisse sammelte. Heute kämen die Postkarten nur noch vereinzelt, eine Bewegung ist es nicht, so Müller. "Wir wollen Jugendlichen diese Alternative zeigen und sagen: Ihr dürft warten".

Moderne Partys für alte Werte

The "Silver Ring Thing" macht aus dem unspaßigen Versprechen eine regelrechte Party. Mit Lasershows und Konzerten tourt die Kampagne seit 1995 durch die USA und verkauft ihre Idee von der reinen Liebe in Form eines 20-Dollar-Rings. Jugendliche können sich bei den Events zu ihrem Vorhaben bekennen und erhalten das Schmuckstück als sichtbares Zeichen der Jungfräulichkeit. Gängige Gravuren sind "What Jesus would do", "Love waits" oder "One Life, One Love". Nach eigenen Angaben tragen etwa 173.000 Teenager einen "Silver Ring". Einen prominenten Unterstützer hat die Organisation in NBA-Basketballer David Robinson, der in einem Video Eltern dazu auffordert, ihren Kindern einen solchen Ring zu kaufen. Die werden mittlerweile im Internet von christlichen Juweliergeschäften zwischen 10 und 60 Dollar verkauft. In einem Artikel der "Zeit" heißt es, dass etwa 3,5 Millionen Teenager ein solches Versprechen abgegeben hätten.

Die Ringe lassen sich in den USA übers Internet bestellen.
Die Ringe lassen sich in den USA übers Internet bestellen.

Kleidung vom Label "WaitWear" soll Jugendliche schon beim Ausziehen abturnen. So steht beispielsweise auf einer Unterhose "Verkehrskontrolle - bis zur Hochzeit warten" oder auf der Brust eines T-Shirt "Kein Durchgang auf diesem Gelände. Mein Vater schaut zu." Die Idee stammt von der Protestantin Yvette Thomas. WaitWear kam aber nicht im gewünschten Maße an. 2009 stellte die Firma auf Schlafanzüge mit den Bekenntnissen um.

Abstinenz als Verhütungsmethode ungeeignet

Wer keinen Sex hat, kann nicht schwanger werden oder sich eine sexuell übertragbare Krankheit einfangen. Programme, die Abstinenz predigen, wurden in der Bush-Ära wie Gesundheitsaufklärung behandelt und mit geschätzten 1,3 Milliarden US-Dollar gefördert. "True Love Waits" widmete der damalige Präsident sogar einen persönlichen Dankesbrief. An vielen Schulen, vor allem in Texas, gab es keinen modernen Sexualkundeunterricht mehr. Sowohl "True Love Waits" als auch "The Silver Ring Thing" bezeichnen Verhütungsmittel als unsicher und warnen vor emotionalen und physischen Folgen von vorehelichem Sex. Trotz massiv investierter Förderung erwiesen sich die Programme als wirkungslos. Denn die Jugendlichen verzichteten nicht auf Sex, sondern auf Verhütungsmittel. In einer Studie von 2004 wurden zwei Gruppen von Jugendlichen, die einen ohne, die anderen mit Gelübde auf sexuell übertragbare Krankheiten untersucht. Die Infektionsraten waren fast gleich. Die angeblichen Abstinenzler hatten zwar später Sex, brachen aber dennoch ihren Schwur. Jungfräulichkeit fassten sie als anatomische Definition auf und praktizierten eher Oral- und Analsex. Die Professoren Hannah Brückner aus Yale und Peter Bearman von der Columbia University kamen zu dem Schluss, dass Abstinenzprogramme nicht als Prävention geeignet seien. Obama setzte der Subvention 2010 ein Ende. Etwa 140 Millionen Dollar sollten nun in nachweislich effiziente Maßnahmen, die Teenagerschwangerschaften verhindern, gesteckt werden.

Serien wie "Gilmore Girls" verpacken konservative Werte in jugendlichem Erscheinungsbild.
Serien wie "Gilmore Girls" verpacken konservative Werte in jugendlichem Erscheinungsbild.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Filme wie "17 again" oder die Serie "Gilmore Girls" leisten ihren popkulturellen Beitrag zu einer Sex-Haltung, wie sie von Purity-Organisationen vertreten wird. Bezeichnend für das schlechte Image von Verhütungsmitteln ist eine Szene aus dem Film "17 again" von 2009. Hauptdarsteller Zac Efron aus dem Disney-Kader, dessen Filmfigur mit 17 Vater wird, macht seinen High-School-Kollegen Kondome madig, indem er ihnen die Schönheit des Momentes beschreibt, in dem seine Tochter geboren wird. Daraufhin werfen die Mädchen die Verhütungsmittel in die Ecke. Zwar nur Fiktion - doch die Attitüde "entweder Abstinenz oder Schwangerschaft" trifft genau die Haltung, wie sie in Schulen gepredigt wird. Auch in der erfolgreichen Serie "Gilmore Girls" wird die Botschaft vermittelt, Sex sei bis zur Ehe tabu. Die Serienmutter bekommt ihre Tochter selbst in jungen Jahren und ist begeistert, als diese, im Gegensatz zu ihrer besten Freundin, nicht mit ihrem festen Freund schläft. Der Kommentar der Mutter lautet: "I have the good kid." Dass "Twilight", geschrieben von Mormonin Stephanie Meyer eine Allegorie auf Enthaltsamket vor der Ehe ist, dürfte inzwischen jeder begriffen haben.

Prominente "Jungfrauen"

Heutige Abstinenzvertreter sind selbst häufig Frauen, die als Teenager schwanger wurden. Bristol Palin, Tochter von Sarah Palin gefährdete 2007 mit ihrer Schwangerschaft im Alter von 17 Jahren den Wahlkampf ihrer Mutter Sarah. Heute ist sie Botschafterin der "Candie's Foundation", einer Organisation, die medienstark und mit prominenter Unterstützung wie Fergie von den Black Eyed Peas vor den negativen Konsequenzen einer Teenagerschwangerschaft warnt. Auf der in rosa gehaltenen Internetseite erzählen Teenagermütter, wie hart der Alltag ist, aber auch, wie sehr sie ihre Kinder lieben. Kein einziger Hinweis auf Verhütung. Britney Spears kommt aus einem konservaten Umfeld und äußerte mit 16 Jahren ihre Absicht, als Jungfrau in die Ehe zu gehen - und räumte bald mit dem Mythos selbst auf. Ihre Schwester bekam ihr erstes Kind mit 18 Jahren.

Aktuelle Vorbilder des Keuschheitsversprechen kommen aus dem Wirkkreis des Disney-Channels, wie einst auch Britney selbst. Doch genau wie ihre Vorgängerin scheinen sie es nicht allzu ernst zu nehmen. Sie sind 18, aufreizend in Szene gesetzt und singen über vergangene Beziehungen. Miley Cyrus und Co. wirken sehr erwachsen. Doch Sex scheint für sie nicht zum Heranreifen dazuzugehören. Selena Gomez, Ringträgerin und augenscheinliche Freundin von Justin Bieber, sagte in einem Interview: "Viele Leute denken, dass es nur ein Trend ist. Ich trage meinen schon, seit ich zwölf bin." Da sie in letzter Zeit häufig ohne Ring gesehen wurde, spekulieren Fans und Medien darüber, ob sie tatsächlich noch Jungfrau ist. Denn das Problem an den Ringen ist: Fehlt er einmal, gibt es großen Gesprächsstoff.

Die Jonas Brothers, die als christliche Rockband angefangen haben, sah man in der Öffentlichkeit nie ohne ihre Ringe. Das Rätselraten um ihr Verschwinden ereilt derzeit den mittleren Bruder, Joe Jonas, der 2009 sein Gelübde noch mit den Worten begründete: "Es ist ein Versprechen an uns und Gott, dass wir bis zur Ehe rein bleiben". Seit einiger Zeit ist das sichtbare Versprechen nun verschwunden. Sein älterer Bruder Kevin erklärte im Interview mit Barbara Walters: "Jeder ist Versuchungen ausgesetzt. Wir sind auch nur Menschen." Offenbar konnte er selbst der Versuchung  nicht widerstehen. Kevin Jonas heiratete 2009 seine Freundin und tauschte den Keuschheits- gegen den Ehering. Im Alter von 22 Jahren."Wir wissen, dass viele Leute das seltsam finden, aber es ist das, woran wie glauben", sagte Nick Jonas, der jüngste der drei Brüder. Tatsächlich sprechen die Jonas Brothers ungern über das Thema. "Es ist eine Privatsache", so Nick Jonas. Dass diese Einstellung die Gemüter von Medien wie Fans aber gleichermaßen erregt, zeigt ein Interview des "Rolling Stone" mit Justin Bieber. Darin musste der 17-Jährige Popstar Stellung zu Abtreibung und Homosexualität nehmen, was sonst eher einem Politiker abverlangt wird. Mit den sichtbaren "Purity Rings" haben die Stars selbst die Aufmerksamkeit auf eine Privatsache gelenkt. Justin Bieber bekennt sich übrigens nicht eindeutig zur Abstinenz. Der Kanadier sagt zu dem Thema: "Man sollte erst Sex mit jemanden haben, wenn man ihn wirklich liebt."

Ob Miley Cyrus tatsächlich einen Ring getragen hat, ist fraglich. Zwar finden sich überall im Internet angebliche Beweise wie mehrere Fotos, auf denen sie einen einen typischen Ring trägt, eine glaubwürdige offizielle Aussage von ihr gibt es nicht. Im Interview mit Fox News sagte sie lediglich: "Wenn Mädchen die Wahl treffen, abstinent zu bleiben, ist das großartig". Einzig standhafte Ringträger scheinen der 19-jährige Schauspieler Nathan Kress und die "American Idol"-Gewinnerin Jordin Sparks zu sein, die ihr Versprechen stets am linken Ringfinger tragen und sich dazu bekennen. Ob wahrer Glaube oder wirkungsvolle Marketing-Idee: Nachprüfen, ob es tatsächlich stimmt, kann sowieso niemand.

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Quelle: n-tv.de

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