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Todfeinde mit besonderer Beziehung: Tschiller und Astan
Todfeinde mit besonderer Beziehung: Tschiller und Astan(Foto: NDR/Gordon Timpen)

Zweiter Teil des Schweiger-"Tatorts": Einer gegen alle, Hamburg-Edition

Von Julian Vetten

Nick Tschiller ist auf einem Rachefeldzug: Den Mörder seiner Frau hat er im Schlepptau, den russischen Geheimdienst und die Hamburger Polizei auf den Fersen. Ein Krimi ist das längst nicht mehr, so viel steht fest. Aber macht "Fegefeuer" denn wenigstens Spaß?

Am Anfang eines Schweiger-"Tatortes" steht immer eine Entscheidung: Entweder guckt man den Streifen durch die Brille eines Krimiliebhabers oder man gibt seine Ansprüche an der Garderobe ab und lässt sich tief in den Sessel sinken, Chips und Bier in Griffweite. Wer sich für die erste Option entscheidet, wird bei "Fegefeuer" 90 Minuten lang entsetzlich leiden und am nächsten Morgen mit einem schrecklichen Kater aufwachen, so viel steht schon mal fest.

Ich habe es früher mit Variante Nummer eins probiert und es hat sehr, sehr wehgetan, ehrlich. Weil Masochismus aber eher nicht so mein Ding ist und die Hamburger "Tatorte" selbst bei wohlwollender Betrachtung nicht mehr als Krimi durchgehen, habe ich beschlossen, mir "Fegefeuer" aus der Perspektive eines x-beliebigen Action-Blockbusters aus Hollywood anzuschauen - da erwartet ja auch niemand Realismus und tiefgründige Charakterstudien.

NDR-Mitarbeiter in Geiselhaft

Ist gleich mit einer ganzen Spezialeinheit plus Helikopter am Start: der FSB
Ist gleich mit einer ganzen Spezialeinheit plus Helikopter am Start: der FSB(Foto: NDR/Gordon Timpen)

Dass der Hamburger "Tatort" aus dieser Warte als deutsche Schmalspurversion von "Stirb langsam" ganz ordentlich funktioniert, hat bereits "Der große Schmerz" an Neujahr gezeigt - und auch zwei Tage später ist das nicht groß anders: Der NDR schickt Til Schweiger aka Nick Tschiller auf seinen großen Rachefeldzug quer durch Hamburg, bewaffnet mit einer Panzerfaust und unfreiwillig komischen Einzeilern direkt aus dem Giftschrank der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten. Im Schlepptau hat er den Mörder seiner Frau, während ihm die Hamburger Polizei und der russische Geheimdienst FSB auf den Fersen sind. Und als wäre das alles nicht genug für eine Nacht, muss Tschiller auch noch irgendwie die NDR-Mitarbeiter retten, die während der laufenden "Tagesschau" als Geiseln genommen wurden.

Nach der stümperhaft inszenierten Anfangsszene, in der sich das Bild der hysterisch kreischenden Tagesschau-Sprecherin Judith Rakers unauslöschbar auf die kollektive Netzhaut der Fernsehnation brennt, schweben 90 Minuten in der Fremdschämhölle wie ein Damoklesschwert über dem Sonntagabend. Dann aber beginnt der klassische Einer-gegen-alle-Plot seine Wirkung zu entfalten: Jeder russische Fiesling, den Tschiller aus dem Weg räumt, jedes MEK-Kommando, das er überlistet und jede frische Wunde, die der Brutalo-Ermittler bei seinem Feldzug sammelt, schweißt den Zuschauer und Schweigers Alter Ego mehr zusammen.

Hauptsache Actionspektakel

Dass "Fegefeuer" funktioniert, steht und fällt natürlich mit den Actionszenen - und die sind in der Mehrzahl gut gemacht: Tschiller schaltet im Duett mit seinem eigentlichen Todfeind Firat Astan (Erdal Yildiz) Klaviersaiten-Killer aus, liefert sich eine Verfolgungsjagd mit den Kollegen und sprengt sich seinen Weg aus vermeintlich aussichtslosen Situationen mit der Panzerfaust frei. In der Zwischenzeit hört er sich den semiphilosophischen Sermon seines Gefangenen an und merkt, dass der Cop Tschiller und der Bösewicht Astan eigentlich gar nicht so unterschiedlich sind.

Der Weg, den dieser "Tatort" geht, ist natürlich nicht nur über weite Strecken vorhersehbar, sondern auch noch gespickt mit einer Unzahl von Plotlöchern und anderen Ungereimtheiten - aber nochmal: Wen interessiert es bei einem Actionspektakel schon, warum der russische Geheimdienst auf Hamburgs Straßen mit mehr Männern vertreten zu sein scheint als die hiesigen Behörden, wenn Tschiller sie allesamt wie eine wildgewordene Dampfwalze aus dem Weg räumt? Irgendwo muss das Kanonenfutter ja schließlich herkommen.

Der NDR opfert alle Tugenden eines klassischen Krimis auf dem Effektaltar. Das muss man nicht mögen, aber eines steht fest: "Fegefeuer" liefert genau das ab, was es verspricht. Nicht mehr und nicht weniger.

Quelle: n-tv.de

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