Unterhaltung
Mittwoch, 06. August 2008

Hämmer seitenverkehrt: Klavierspielen mit links

Geza Loso spielt Chopin, Mozart und Beethoven mit links. Die geübten Finger des Linkshänder-Pianisten gleiten über die Tastatur seines Flügels, der "spiegelverkehrt" die helle Töne links und die tiefen Töne rechts anschlägt. Auch die Noten des gebürtigen Ungarn passen: Der Violinschlüssel ist den Bassnoten zugeordnet - der Bassschlüssel steht vor den hellen Tönen. "Endlich kann ich mich richtig ausdrücken", sagt Loso, der in Trier den bundesweit ersten Musikverlag für Linkshänder gegründet hat. Mehrere hundert Stücke hat der 57-Jährige bereits für Linkshänder umgeschrieben. Im Herbst erscheint seine erste "Musikschule für Linkshänder" in zwei Bänden - für Anfänger und Fortgeschrittene.

"Die Notationen schließen eine Lücke", sagt Loso, der bereits im Jahr 2001 mit dem weltweit ersten Linkshänder-Flügel des Leipziger Klavierbauers Blüthner Schlagzeilen gemacht hatte. Jetzt hat der umtriebige Musiker noch ein Klavier für Linkshänder in Auftrag gegeben, wie die Julius Blüthner Pianofortefabrik GmbH (Großpösna bei Leipzig) bestätigt. Da dazu eine neue Gussplatte hergestellt werden muss, werde dieses Instrument erneut eine Weltneuheit sein, sagt Loso. Den 15.000 Euro teuren Prototyp, der 2009 ausgeliefert werden soll, habe er für seine Tochter Marylin bestellt, die wie alle seine drei Kinder Linkshänderin ist.

Befreites Spiel

An der Musikschule Trier-Saarburg unterrichtet Loso bereits etwa zehn Kinder nach seinen Noten und hat dort im Frühsommer ein erstes Linkshänder-Klavierkonzert gegeben. "Kinder, die Linkshänder sind, und zuvor rechts gespielt habe, fühlen sich mit der Linkshänder-Tastatur und den neuen Noten wie befreit", sagt der Pianist, der mit seinen Schülern bislang nur an umgepolten Keyboards übt. "Natürlich kann man auch als Linkshänder technisch rational gut rechts spielen. Die emotionale Spielweise geht dabei aber verloren." Um seinem Spiel den richtigen Ausdruck geben zu können, habe etwa auch Mozart als Linkshänder in fast jeder zweiten Sonate über Kreuz gespielt.

Viele Klavierspieler wüssten gar nicht, dass sie Linkshänder sind, sagt Loso. "Sie quälen sich, spielen rhythmisch komisch und wissen gar nicht warum." Wenn sie dann "umgeschult" würden, wollten sie nichts anderes mehr spielen, sagt Loso, der eine eigene Musikschule für Linkshänder in Trier plant. Tochter Marylin bestätigt: "Links ist für mich viel leichter. Ich kann rechts gar nicht mehr spielen", sagt die Elfjährige. Bruder Jefferson ist ebenfalls begeistert: "Es ist ein großer Unterschied vor allem von der Gestaltung. Links kann ich mich viel besser hineinspielen", sagt der 15-Jährige. Laut Statistik bevorzugen rund 15 Prozent der Bevölkerung die linke Hand.

"Wie die Hand gewachsen ist"

Ein Knackpunkt war vor allem die Erkenntnis, dass auf der Linkshänder-Tastatur die Richtung beim Erhöhen und Erniedrigen der Noten geändert werden musste. "Das heißt etwa, ein fis wird zu b", sagt Loso, der seit 1975 in Trier lebt.

Mit seinen Neuheiten will der Pianist, der rund um den Globus Konzerte gibt, auf den weltweiten Markt. "Mein Ziel ist, dass linkshändige Klavierspieler endlich mal richtige Instrumente und Notationen bekommen und nicht mehr benachteiligt sind", sagt er. Denn aus eigener Erfahrung weiß er: "Seit ich spielen kann, wie mir die Hand gewachsen ist, bin ich ein ganz anderer Mensch." Noch nie zuvor habe er so viel komponiert wie heute. "Es hat mir immer etwas gefehlt."

Birgit Reichert, dpa

Quelle: n-tv.de

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