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"Überhaupt keine Kichertussi": Österreich empfängt Conchita Wurst

Der Sieg von Conchita Wurst ist mit reichlich Botschaft aufgeladen. Taugt der Triumph für eine neue Lässigkeit im Umgang mit sexueller Orientierung? Udo Jürgens jedenfalls gratuliert zum Eurovision-Sieg. Aus Russland kommt dagegen Häme.

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Nach ihrem Sieg beim Eurovision Song Contest ist die österreichische Dragqueen Conchita Wurst von begeisterten Fans am Wiener Flughafen begrüßt worden. Mit Fahnen der Alpenrepublik und Spruchbändern sowie Regenbogenfahnen, angemalten Vollbärten und Sprechchören feierten Hunderte ihre bärtige ESC-Königin. Ein Konfettiregen begleitete die frischgekürte Siegerin auf ihrem Weg durch die Menge.

Conchitas Sieg sei für das ganze Land ein Meilenstein, hieß es bei Radio Wien. Reporter beschrieben die Stimmung als "völlig verrückt". Der Empfang am Flughafen Wien-Schwechat sei ein "großes Fest der Toleranz in Europa".

Udo Jürgens ließ ausrichten, Conchita sei eine würdige Nachfolgerin.
Udo Jürgens ließ ausrichten, Conchita sei eine würdige Nachfolgerin.(Foto: picture alliance / dpa)

Vor 48 Jahren triumphierte Udo Jürgens für Österreich beim Eurovision Song Contest - ganz und gar als Typ des männlichen Liebhabers. Jetzt freut er sich mit Dragqueen Conchita über deren Sieg: "Als ich sie das erste Mal sah, die Frau mit Bart, war ich schockiert. Aber dann habe ich sie in einer Talkshow gesehen. Sie hat kluge Antworten gegeben und war alles andere als oberflächlich und dumm. Überhaupt keine Kichertussi, sondern jemand, der anders ist als andere, aber sehr ernsthaft. Da habe ich gestaunt."

Szene hofft auf "Egal-Effekt"

Ob der Sieg des schwulen Frauendarstellers Tom Neuwirth Bewegung in die Köpfe bringt, bleibt abzuwarten. "Es ist im Prinzip sehr positiv", ist der Generalsekretär des Verbands "Homosexuelle Initiative Wien", Kurt Krickler, überzeugt. "Aber viele werden auch ihre Vorurteile behalten wollen." Fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung sind - wie überall - homosexuell. Das katholisch geprägte Österreich habe kein spezielles Problem mit Lesben und Schwulen, sagt Krickler.

Österreich im Wurst-Fieber: Vielerorts wurde der Wettbewerb mit aufgemalten Bärten verfolgt.
Österreich im Wurst-Fieber: Vielerorts wurde der Wettbewerb mit aufgemalten Bärten verfolgt.(Foto: AP)

Allerdings gebe es nach wie vor beim Thema Transsexualität, wie auch in vielen anderen Staaten Europas, sehr ärgerliche Beschränkungen, meint eine Sprecherin der Organisation "TransX". Schon der erste Schritt zu einer neuen Identität, die Wahl eines neues weiblichen oder männlichen Vornamens, sei von einem oft aufwendigen Gutachten über die Ernsthaftigkeit der sexuellen Neuorientierung verbunden. "In Großbritannien dagegen ist man dagegen liberal, da ist die Wahl des Vornamens reine Privatsache", sagt die Sprecherin weiter. "Niemand muss uns lieben oder toll finden", drückt es Krickler aus. Schon ein "Egal-Effekt" ohne Wertung über sexuelle Orientierung wäre fein.

Der Weg zum ESC-Triumph war für Wurst steinig. Für nicht wenige in Österreich schien es lange Zeit eher peinlich, dass eine geschlechterübergreifende Kunstfigur das Land in Europa vertreten sollte. Wurst wurde in Lokalen angepöbelt, in sozialen Netzwerken angefeindet, in einer nicht-repräsentativen Online-Umfrage hatten 79 Prozent der Teilnehmer gemeint, sie seien nicht stolz, dass Wurst das Land in Kopenhagen vertrete.

"Unsere Empörung ist grenzenlos"

Auf dem Weg zu einer Pressekonferenz winkte und dankte Conchita immer wieder ihren Anhängern. "Conchita ist gegen Diskriminierung, darum lieben wir sie", sagte ein Fan. Ein anderer fügte hinzu: "Ich bin immer noch fassungslos, dass Europa wirklich so tolerant ist." Eine junge Frau meinte: "Dies ist ein Zeichen von Liebe, Toleranz und Offenheit."

Russische Politiker reagierten derweil mit scharfen Verbalattacken. Das Ergebnis zeige "Anhängern einer europäischen Integration, was sie dabei erwartet - ein Mädchen mit Bart", schrieb Vizeregierungschef Dmitri Rogosin im Kurzbotschaftendienst Twitter. Der nationalistische Abgeordnete Wladimir Schirinowski sagte Europa gar den Untergang voraus.

"Unsere Empörung ist grenzenlos, das ist das Ende Europas", sagte Schirinowski im russischen Fernsehen. "Da unten gibt es keine Frauen und Männer mehr, sondern stattdessen ein Es", ergänzte der Politiker und fügte hinzu: "Vor 50 Jahren hat die sowjetische Armee Österreich besetzt, es freizugeben war ein Fehler, wir hätten dort bleiben sollen." Er bezog sich auf die Besatzungszeit in Österreichs Osten nach dem Zweiten Weltkrieg.

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Quelle: n-tv.de

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