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"Wir müssen andere Wege gehen": Christian Rach.
"Wir müssen andere Wege gehen": Christian Rach.(Foto: RTL / Thomas Pritschet)

"Was waren das für Deppen?": Rach nimmt neuen Anlauf

von Volker Probst

Keine Frage: Als Fernsehshow war die erste Staffel von "Rachs Restaurantschule" mit im Schnitt mehr als fünf Millionen Zuschauern ein Erfolg. Doch war es das Hamburger Experiment mit "schwer vermittelbaren" Arbeitskräften auch in der Realität? Rach sagt ja - und setzt zum zweiten Streich an. Diesmal in Berlin.

Jägerstraße 29 bis 31. Die Adresse ist wahrlich nicht die schlechteste in Berlin. Nur einen Steinwurf entfernt ist der vom Deutschen und Französischen Dom flankierte und dem Konzerthaus dominierte Gendarmenmarkt. Und nur noch ein paar Meter weiter ist die Friedrichstraße mit ihren Nobelboutiquen, Luxusgalerien und Einkaufsquartieren für den prall gefüllten Geldbeutel. Für die, die in dem Gebäude mit der roten Fassade in der Jägerstraße künftig arbeiten sollen, mit Sicherheit eine ziemlich fremde Welt. Denn sie waren bis dato aus verschiedensten Gründen auf dem Arbeitsmarkt "schwer vermittelbar" - ohne Job, auf Hartz IV angewiesen, vielleicht auch mit krimineller Vergangenheit.

Der erste Anlauf: Christian Rach und die einstigen Bewerber für das "Slowman".
Der erste Anlauf: Christian Rach und die einstigen Bewerber für das "Slowman".(Foto: RTL / Thomas Pritschet)

Hier, im Herzen der Hauptstadt, nehmen sie einen neuen Anlauf. Genauso wie der, der ihnen die Chance dazu gibt: Sternekoch Christian Rach. 2010 startete er in Hamburg erstmals sein Projekt "Rachs Restaurantschule". Ein in jeder Hinsicht gewagtes Projekt. Nicht nur, weil der Ausgang des Experiments, zwölf in der Arbeitswelt scheinbar gescheiterte Existenzen wieder in das Berufsleben zu integrieren, stets offen war. Sondern auch, weil der TV-bekannte "Restauranttester" sich damit auf einen tollkühnen Spagat einließ - zwischen einer ganz realen, sozialen Mission auf der einen und einer zum Quotenerfolg verdammten Unterhaltungssendung auf der anderen Seite.

Zumindest der zweite Teil der Aufgabe wurde locker erfüllt: Im Schnitt sahen im Spätsommer 2010 mehr als fünf Millionen Menschen bei RTL zu, wie Rach die Gaststätte "Slowman" im Hamburger Chilehaus aus dem Boden stampfte und nebenbei seine mehr oder minder begabten wie leistungsbereiten Schüler das Kochen und Servieren lehrte. Prompt gab es für das Format den Deutschen Fernsehpreis.

Was indes die Erfüllung des sozialen Ziels angeht, fällt die Bilanz der Erstauflage von "Rachs Restaurantschule" zwiespältig aus: Neun der zwölf Teilnehmer hatten damals einen Arbeitsvertrag im "Slowman" erhalten. Doch heute, knapp zwei Jahre nach den Dreharbeiten zu der Sendung, arbeitet nur noch eine Kandidatin in dem Restaurant: Angelika aus Solingen, die einstige Mutter der Kompanie mit der meisten Lebenserfahrung, mittlerweile 46 Jahre alt.

Das Hamburger Lehrgeld

Als Rach den rund 30 geladenen Journalisten seine neue "Restaurantschule" in Berlin vorstellt, macht er daraus keinen Hehl. Stattdessen geht er in die Offensive und spricht von sich aus den Schwund des Stammpersonals im "Slowman" an. Daraus ein Scheitern des Projekts abzuleiten, hält er für verfehlt: "Das 'Slowman' ist ein voller Erfolg. Richtig: Es ist nur noch Angelika da. Aber wir haben mehr denn je Auszubildende aus schwierigsten Verhältnissen, die dort mit Feuereifer dabei sind." Hinter dem Restaurant stünde "ein wunderbares Netzwerk mit ganz vielen sozialen Organisationen". Zugleich sei man jedoch auch betriebswirtschaftlich erfolgreich und autark, ohne "am Rockzipfel von RTL" zu hängen.

Rach scheut sich auch nicht, Fehler einzugestehen.
Rach scheut sich auch nicht, Fehler einzugestehen.(Foto: picture alliance / dpa)

Die Gründe, weshalb die mit der Fernsehsendung bekannt gewordene Belegschaft nahezu komplett von Bord gegangen ist, seien mannigfaltig, erklärt der Sternekoch. "Zwei der jungen Damen sind schwanger geworden", so Rach. Ein anderer in eine Anstellung übernommener Kandidat indes habe in die Kasse gegriffen. Nach mehrfacher Ermahnung sei schließlich nur noch die Entlassung in Frage gekommen.

Doch Rach scheut sich ebenso nicht, auch eigene Fehler einzugestehen. So habe er nicht in jedem Fall stoppen können, dass aus manchen Teilnehmern "vermeintlich kleine Stars" geworden seien, die in der Folge wohl etwas zu sehr abhoben. Auch habe man etwa die "gruppendynamischen Prozesse" unterschätzt, als man die Truppe in einer gemeinsamen WG in Hamburg unterbrachte. Für die Neuauflage des Projekts in Berlin habe man Konsequenzen daraus gezogen und allen Beteiligten separate Wohnungen zugewiesen. Die "elementaren Erkenntnisse", die man aus der ersten Staffel gezogen habe, hätten dabei nicht nur den Machern einen positiven Lerneffekt beschert. Auch die neuen Bewerber schüttelten über manch einen ihrer Vorgänger in der Hansestadt den Kopf: "Was waren das für Deppen, dass sie diese Chance nicht ergriffen haben?"

"Roter Jäger"

Nun gilt es also, die Sache in der Hauptstadt noch besser zu machen. Die Betonung liegt auf noch. Denn zweifelsohne hat Christian Rach recht, wenn er erklärt, es sei doch allemal besser, zumindest ein paar auf dem Arbeitsmarkt Ausgegrenzte wieder dauerhaft in Lohn und Brot zu bringen als keinen. "Wahnsinnig viele" hätten sich beworben, sagt der Koch. Am Ende wolle man abermals mit zwölf von ihnen im Service und in der Küche das Restaurant eröffnen. Fünf Ausbilder stünden ihnen dabei von Anfang an zur Seite. Mit Blick auf die angepeilten Öffnungszeiten mit Mittags- und Abendtisch an sechs Tagen in der Woche sei ein weiterer Personalaufbau schon jetzt absehbar. Er selbst indes wolle - wie schon beim "Slowman" - langfristig nicht die Hauptverantwortung für das Restaurant tragen, sondern als eine Art "Spiritus Rector" dafür fungieren, so der 54-Jährige.

Die zweite Staffel von "Rachs Restaurantschule" läuft ab 16. April 2012 bei RTL.
Die zweite Staffel von "Rachs Restaurantschule" läuft ab 16. April 2012 bei RTL.

40 Lokalitäten habe man in Berlin unter die Lupe genommen, ehe die Wahl auf den Standort an der Jägerstraße gefallen sei, berichtet Rach. Dass damit eines der bekanntesten RTL-Gesichter ausgerechnet die ehemaligen Kantinenräume des 2009 von der Hauptstadt nach München umgezogenen TV-Konkurrenten Sat.1 in Beschlag genommen hat, ist dabei nur eine in erster Linie für Medien-Insider interessante Petitesse. Dort, wo einst unter anderen die Moderatoren des Frühstückfernsehens einen schnellen Happen nahmen, befindet sich nun eine offene Ganztagsküche, in die jeder Gast hineinschauen kann. Alles Essen dort wird handgemacht - von den Nudeln bis zur Eiscreme. Der künftige Name des Restaurants liegt angesichts der Straße, in der es liegt, und der Farbe seiner Fassade geradezu auf der Hand: "Roter Jäger".

Die zur Besichtigung der Räumlichkeiten am Mittwochabend eingeladenen Journalisten hatten schon einmal die Möglichkeit, Highlights der künftigen Karte durchzuprobieren - von "Crostini mit Oliventapenade und Ziegenfrischkäse" über "Zander mit Wasabi-Kartoffelpüree und Chorizo" bis hin zur "Karamelisierten Zitronen-Thymiantarte". Und es ist keine Bestechlichkeit, wenn man feststellt: Verdammt köstlich, was Rach und seine Helfer da gezaubert haben. Schließlich ist man im Gegenzug mitgefangen, mitgehangen und wird - ob man will oder nicht - in einer Folge von "Rachs Restaurantschule" womöglich gezeigt, wie man sich gerade das Wasabi-Püree aufs Hemd kleckert. Es lebe das "Dokutainment".

Der Lackmustest der Realität

Dass auch bei den auszubildenden "Hauptdarstellern" noch nicht alles rund läuft, wenngleich sie sich extrem aufmerksam und freundlich den Gästen widmen, kann man ebenfalls live miterleben. Manches Glas hört man an diesem Abend hinter dem Tresen laut scheppernd zu Bruch gehen. Aber, klar, nicht nur Rach weiß: "Das gehört dazu."

Ebenso wie es trotz aller Erfahrungen aus dem "Slowman" und der ersten "Restaurantschule" natürlich dazugehört, dass es im bisherigen Verlauf des Projekts schon allerlei Aufs und Abs gegeben hat. "Wir hatten himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Wir hatten Pünktlichkeit und Zuspätkommen. Wir hatten tolle Erlebnisse und Erlebnisse, bei denen ich gesagt habe: Das wird nichts", verrät Rach, ohne weiter ins Detail zu gehen. Das wolle er schließlich in der Sendung zeigen. Klar, denn das bleibt natürlich auch in der Neuauflage des Formats ein Teil des Spagats - den Aufbau des "Roten Jägers" als vergnügliche und spannende TV-Unterhaltung zu präsentieren. Zumindest die Dreharbeiten dafür sind weitgehend im Kasten. Mit der Eröffnung des Lokals am Montag, dem 5. März, sollen sie abgeschlossen werden. Bis dahin, so der Sternekoch, stünden durchaus noch so manche "große Entscheidungen" über die Zusammensetzung des künftigen Teams an. Wie diese ausgegangen sind, kann der Fernsehzuschauer ab 16. April verfolgen, wenn die neue Staffel von "Rachs Restaurantschule" bei RTL auf Sendung geht.

Bis es so weit ist, dass die Ereignisse rund um das neue Lokal in Berlin-Mitte als bunter TV-Zusammenschnitt in den deutschen Wohnzimmern ankommen, vergehen also noch ein paar Wochen. Und man muss kein allzu großer Prophet sein, um vorherzusagen, dass Publikumsliebling Rach mit der Sendung auch diesmal wieder ein Millionenpublikum erreichen wird. In der Zwischenzeit indes muss sich das Projekt bereits abermals dem Lackmustest der Realität stellen. Damit dies gelingt, haben die Verantwortlichen hinter den Kulissen an zahlreichen Stellschrauben gedreht. Für die Berliner Behörden und Wirtschaftsorganisationen, die das Vorhaben nach Kräften unterstützt hätten, ist Rach voll des Lobes. Durch die Lehrküche und Schulungsräume, die dem Restaurant angeschlossen sind, soll zudem sichergestellt werden, dass auch künftig Menschen in der Jägerstraße eine zweite Chance gegeben wird - "Menschen", so der Sternekoch, "die im Abseits stehen, die keine Ausbildung haben, straffällig waren oder sonstige große Probleme haben". Man müsse davon wegkommen, die Verantwortung für solche Personen allein dem Staat überzustülpen, ist Rach überzeugt. "Ich glaube, dass wir da gesellschaftlich andere Wege gehen müssen."

Quelle: n-tv.de

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