Unterhaltung
Kann auch Gefühle: Til Schweiger.
Kann auch Gefühle: Til Schweiger.(Foto: NDR/Gordon Timpen)

Schweiger-"Tatort" mit Helene Fischer: "Stirb langsam" in Elblage

Von Julian Vetten

Nick Tschiller ist zurück - und mit ihm ein Stück Amerika. In bester Blockbuster-Manier schießt sich der Cop mit der Betonmimik durch eine kaputte Stadt und legt sich mit Helene Fischer an. Explosionen, Trash und flache Sprüche: Kann das gut gehen?

Hamburg ist ein Höllenloch. Kriminelle Großfamilien mit Migrationshintergrund beherrschen den Kiez, reiche Hansestädter vergnügen sich mit minderjährigen Zwangsprostituierten, die Stadtoberen sind korrupt bis unter die Hutkrempe und die Polizei ist ein schlaffer Haufen ohne Eier. Bis auf den einen wahren Streiter für das Gute natürlich, den Rächer der Entrechteten, das Fanal der Rechtschaffenheit; diesen Übermann mit der sexy Betonmimik, der zur Höchstform aufläuft je mehr er blutet und der nicht mehr locker lässt, wenn er sich einmal in einen Gegner verbissen hat: Bruce Willis ist zurück und Hamburg endlich wieder sicher.

Sehr, sehr cool: Bruce Willis aka Til Schweiger aka Nick Tschiller.
Sehr, sehr cool: Bruce Willis aka Til Schweiger aka Nick Tschiller.(Foto: NDR/Gordon Timpen)

Moment, nee, stimmt ja gar nicht: "Der große Schmerz" sieht zwar aus wie "Stirb langsam" in Elblage, ist dann aber doch nur der neueste "Tatort" mit Til Schweiger. "Think big" hat der NDR schon bei den ersten beiden Folgen als Maxime für das große Morden ausgegeben - und das ändert sich natürlich auch in der neuesten Episode nicht. Weshalb Hamburg abermals zum Schauplatz eines Actionspektakels amerikanischer Blockbuster-Machart wird, das sich nicht nur manches, sondern beinahe alles von den großen Vorbildern abschaut.

Beeindruckend talentfrei

Die wichtigste Zutat dabei ist, neben spektakulären Explosionen und möglichst viel Geballer natürlich, ein cooler Held. Um Missverständnissen vorzubeugen, zeigt gleich mal die Anfangsszene auf, wie verdammt cool Schweiger aka Nick Tschiller wirklich ist: Der Ermittler echauffiert sich am Telefon wahnsinnig über die Pläne seiner 16-jährigen Tochter, die bei irgendeinem Typen pennt - während Tschiller, quasi nebenher, ein Waffendepot mit einer ganzen Wagenladung Granaten und Bazookas in den Hamburger Badlands aushebt.

Darf auch mit einer Waffe rumfuchteln: Helene Fischer.
Darf auch mit einer Waffe rumfuchteln: Helene Fischer.(Foto: NDR/Gordon Timpen)

Tschillers Familienbande und sein archaischer Beschützerinstinkt ist dann allerdings auch die größte - und einzige - Schwachstelle des Ermittlers, von seinem Erzfeind selbstredend gekonnt ausgenutzt: Firat Astan (Erdal Yildiz), von Tschiller bereits vor zwei Folgen in den Fuhlsbütteler Knast verfrachtet, lässt Tochter und Exfrau Isabella (Stefanie Stappenbeck) von einer russischen Bande unter Führung von Helene Fischer kidnappen - und irgendwie haben auch noch Ferris MC und der koksende Hamburger Innensenator ihre Finger im Spiel.

Die Story ist, man ahnt es vielleicht schon, gewohnt krude. Was aber, und auch das liegt einigermaßen nahe, auch gar nicht so viel zur Sache tut - was zählt, ist die Action. Und die kann diesmal durchaus überzeugen. "Der große Schmerz" versteht es, über weite Strecken zu unterhalten, in vielen Szenen kommt tatsächlich Spannung auf. Und wo der Funke nicht zündet, springen die Gaststars ein, die für eine ganze Reihe unfreiwilliger Lacher sorgen: Helene Fischer als pistolenschwingende Ex-Prostituierte und Ferris MC als russischer Abziehbildgangster mit Vorliebe für Elektrowerkzeuge zeigen sich bei ihren Auftritten so beeindruckend talentfrei, dass es schon fast wieder Spaß macht, ihnen dabei zuzuschauen.

Tatortreiniger gesucht

Auch Schweiger darf für seinen Auftritt mal wieder keinen Grimme-Preis erwarten, wobei seine schauspielerische Leistung wie immer polarisiert: Die einen werden Tschiller lieben, die anderen ob der mimikbefreiten Zone nur den Kopf schütteln. Absolut nicht streiten kann man indes über Tschillers Sidekick Yalcin Gümer: Fahri Yardim als technikverliebter Cop mit Hamburger Kodderschnauze ist einfach zum Niederknien.

Man könnte jetzt natürlich noch viel schreiben über die ganzen Plotlöcher, die teils hanebüchenen Dialoge und die Chuzpe des NDR, das harmlose Hamburg in puncto Gefährlichkeit mit einer brasilianischen Favela gleichzustellen. Aber vielleicht ist es auch in Ordnung, wenn man sich dieses eine Mal einfach zurücklehnt, tief in die Popcornschale greift und sich daran ergötzt, wie sehr viele Menschen auf sehr kreative Art und Weise den Tod finden. Wer das schafft, das zumindest lässt das offene Ende vermuten, darf sich dann auch wie ein Schneekönig auf den zweiten Teil namens "Fegefeuer" freuen, der nur zwei Tage später für noch mehr Leichen sorgen dürfte. Gut, dass der NDR für diese Fälle auch den "Tatortreiniger" im Programm hat.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen