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Wird sie mit ihrem Song wirklich zum ESC fahren? Sängerin Jamala.
Wird sie mit ihrem Song wirklich zum ESC fahren? Sängerin Jamala.(Foto: REUTERS)

Krimtatarin will "1944" singen: Ukraine riskiert ESC-Ausschluss

Der Eurovision Song Contest möchte stets eine unpolitische Friede-Freude-Eierkuchen-Veranstaltung sein. Doch auch in diesem Jahr droht Brisanz. Der Grund: der Wettbewerbsbeitrag der Ukraine. Vorausgesetzt, er wird überhaupt in Stockholm zugelassen.

Die Ukraine will die Krimtatarin Jamala mit dem Lied "1944" zum Eurovision Song Contest (ESC) nach Stockholm schicken. Das entschieden eine Fachjury und das TV-Publikum bei der nationalen Endausscheidung in Kiew. Die 32-jährige Jazzsängerin setzte sich in der Abstimmung gegen fünf Konkurrenten durch. Bei ihrem Auftritt präsentierte sie sich in einem traditionellen tatarischen Kleid. Dabei sang sie unter Tränen ihr selbstkomponiertes Lied "1944", das von der Deportation der Krimtataren unter stalinistischer Herrschaft erzählt.

Ein Selfie mit der Siegerin - wer hätte das nicht gerne?
Ein Selfie mit der Siegerin - wer hätte das nicht gerne?(Foto: REUTERS)

Von den rund zwei Millionen Bewohnern der Krim, die mehrheitlich russische Wurzeln haben, gehören etwa 300.000 dem muslimischen Turkvolk der Tataren an. Unter Diktator Josef Stalin wurden sie als "Nazi-Kollaborateure" verfolgt und im Mai 1944 innerhalb weniger Tage nach Zentralasien zwangsumgesiedelt. Fast die Hälfte der 240.000 Deportierten kam ums Leben. Erst zum Ende der Sowjetunion durften die Überlebenden in ihre Heimat zurückkehren.

Ein Song als "Befreiung"

In ihrem Lied verarbeitet Jamala, die mit bürgerlichem Namen Susana Schamaladinowa heißt, die Geschichte ihrer Urgroßmutter, die zusammen mit ihren fünf Kindern deportiert wurde, während ihr Mann in der Sowjetarmee gegen die Nazis kämpfte. Ihre einzige Tochter starb auf dem Weg nach Zentralasien.

In der Jury saß auch Ruslana - Ex-ESC-Gewinnerin und politische Aktivistin in der Ukraine.
In der Jury saß auch Ruslana - Ex-ESC-Gewinnerin und politische Aktivistin in der Ukraine.(Foto: AP)

"Ich habe diesen Song gebraucht, um mich selbst zu befreien", so Jamala. Außerdem wolle sie mit dem Lied an ihre Urgroßmutter, deren verstorbene Tochter und die "tausenden von Krimtataren" erinnern, denen nichts geblieben sei - "nicht einmal Fotos". Gleichzeitig beschreibe ihr Song "genau", worunter die Ukraine auch heute wieder leide. Tatsächlich dürfte der Song viele auch an die Annexion der Schwarzmeerhalbinsel Krim durch Russland 2014 erinnern - obwohl diese nicht ausdrücklich erwähnt wird. Die Tataren hatten die Annexion aufgrund ihrer historischen Erfahrung vehement abgelehnt. Moskau geht seither mit harter Hand gegen die Minderheit vor.

Ruslana tief berührt

Gerade dies könnte jedoch dazu führen, dass Jamala und "1944" gar nicht erst zum ESC zugelassen werden. Die Regeln des Wettbewerbs untersagen politische Texte. Dementsprechend durfte 2009 etwa Georgien mit dem Lied "We Don't Wanna Put In" nicht am ESC teilnehmen - die Band Stefane & 3G räumte ein, dass es sich gegen Kremlchef Wladimir Putin richtete. Als sich beim Song Contest 2014 in Kopenhagen, den Conchita Wurst gewann, das Finalpublikum zu lauten Unmutsbekundungen gegen die Teilnehmerinnen aus Russland hinreißen ließ, schrammte der ESC am Eklat vorbei. Sehr zum Missfallen der Veranstalter, die dem Publikum nahelegten, doch bitte "nur Spaß" zu haben.

In der ukrainischen Jury saß neben Sängerin Ruslana, die den ESC 2004 gewonnen hatte, auch der Song-Contest-Zweite von 2007, Andrej Danilko alias Verka Serduchka. Jamala habe sie stark berührt, sagte Ruslana über die Gewinnerin des Vorentscheids. "Das ist absolute Originalität. Das ist die tiefe Ukraine, die wirkliche Ukraine und die starke Ukraine."

Das diesjährige ESC-Finale findet am 14. Mai in Stockholm statt. Wer Deutschland in der schwedischen Hauptstadt vertreten wird, entscheidet sich am Donnerstag beim Vorentscheid in Köln.

Quelle: n-tv.de

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