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Droht das Wacken-Festival an seiner Kommerzialisierung zu Grunde zu gehen?
Droht das Wacken-Festival an seiner Kommerzialisierung zu Grunde zu gehen?(Foto: Katharina Bohm)
Freitag, 02. August 2013

Zwischen Metal und Mainstream: Was von Wacken übrig blieb

Von Julian Vetten, Wacken

Was haben Heino, Tim Mälzer und 75.000 Metal-Fans gemeinsam? Sie gehen alle zum selben Festival. Was vor 24 Jahren als Gegenentwurf zum Mainstream begann, ist mittlerweile fester Bestandteil von selbigem. Kitsch und Kommerz gehen in Wacken Hand in Hand, und doch gibt es sie noch: die Seele des Festivals. Man muss aber suchen.

Es ist heiß in Wacken, verdammt heiß. Die Nachmittagssonne brennt vom Himmel, jede Faser im Körper schreit nach Abkühlung. Erst in einer guten Stunde werden "Annihilator" versuchen, die Hauptbühne mit ihrem brachialen Thrash-Metal zu zersägen – und doch drängen sich schon Tausende Fans vor den Wellenbrechern, um später nicht irgendwo in der schwarz gekleideten Flut untergehen zu müssen. Die Metalheads beweisen dabei erstaunliche Leidensfähigkeit: Viel schlimmer als die Hitze von oben - und eigentlich kaum auszuhalten - ist das Werbeinferno, das in Dauerschleife und infernalisch laut auf die Wartenden niederprasselt. Von Energy-Drinks über Wacken-Merchandising-Pakete bis hin zu der ZDF-Fernsehgarten-Kapelle "Santiano" flimmert so ziemlich alles über den Bildschirm, was man sich nur vorstellen kann. Willkommen in Wacken, dem größten Metal-Festival der Welt.

Mainstream hin oder her - Wacken schafft ganz schön.
Mainstream hin oder her - Wacken schafft ganz schön.(Foto: Katharina Bohm)

Moment mal: Metal, ist das nicht ein Ausbruch aus der Norm? Ein Aufbegehren gegen die Autoritäten, durch Provokation und das gelebte Anderssein? Zumindest an der Hauptbühne scheint diese Maxime nicht mehr zu gelten, aber es gibt ja noch so viel mehr zu entdecken auf dem gigantischen Festivalgelände in der schleswig-holsteinischen Pampa: Alleine das Zeltlager mit Platz für 75.000 Besucher misst mittlerweile stolze 220 Hektar und grenzt schon lange nicht mehr nur an das namensgebende Wacken – auch die Nachbardörfer Gribbohm und Holstenniendorf haben seit ein paar Jahren etwas von dem stets am ersten Augustwochenende stattfindenden Spektakel.

Volksfestatmosphäre statt Apokalypse

Auch hier draußen herrscht in diesen Tagen Ausnahmezustand, aber eher einer von der gemütlichen Sorte: Die Bewohner haben sich auf den  durstigen Besucherstrom aus aller Welt eingestellt, fast jedes Haus hat hier seine eigene Garagen-Bar. Überall tummeln sich Metaller um die schattigen Biertränken, in den Vorgärten beobachten die Anwohner bei  Kaffee und Kuchen das schwarze Treiben. Volksfestatmosphäre statt Apokalypse: Es ist dieser Kontrast, der Wacken in den vergangenen Jahren zum wohl größten Medienereignis in der deutschen Festivalszene gemacht hat.

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Und obwohl die Bilder alles andere als neu sind und man auch in diesem Jahr das Gefühl bekommt, alle paar Meter über eine Fernsehkamera zu stolpern, wirkt dieses Zusammentreffen zweier Kulturen viel authentischer als alles, was bislang auf dem Gelände zu sehen war. Großen Anteil daran haben die unglaublich tiefenentspannten Anwohner der Gemeinde: "Wir freuen uns jedes Jahr wieder wie die Kinder auf Wacken", erzählt ein älteres Ehepaar auf dem Spaziergang durch den Ortskern. "Das ist doch eigentlich ziemlich hippiemäßig: Alle vertragen sich und sind friedlich, wo gibt's das denn sonst? Nicht mal die Autofahrer hupen, wenn sie wegen der Leute mal ein bisschen warten müssen, und sogar die Polizei hält sich zurück. Na ja, und wir haben ja schließlich auch was davon: Das Dorf jedenfalls macht den Umsatz des Jahres."

In den paar Festivaltagen sollen die Wackener pro Kopf durchschnittlich 3000 Euro verdienen – Kinder mit eingerechnet. Und wem die Lautstärke oder die Menschenmassen trotzdem auf die Nerven gehen, bekommt angeblich vom Veranstalter unter vorgehaltener Hand einen Urlaub spendiert. Kinder, die mit ihren Kettcars die Straße hoch- und runterdüsen und auf ihren Hängern Paletten voller Bier transportieren, die Omi, die aus ihrem Fenster heraus selbstgebackene Muffins verkauft: Der Geschäftssinn der Bewohner wirkt in seiner Unbedarftheit wahnsinnig charmant.

Vorbei an der Tim-Mälzer-Fressmeile

Was für ein Gegenpol dazu das Festival: Schon auf dem Weg vom Zeltplatz zum eigentlichen Gelände gibt es noch einmal eine Extrakontrollstation, auf der die Gäste sogar mitgebrachtes Wasser abgeben müssen, um den Umsatz bei den Ständen anzukurbeln – bei den vorherrschenden Temperaturen absolut unverantwortlich. Im Innenbereich haben die Marketingstrategen des Veranstalters dann so richtig dicke Geschütze aufgefahren: Vom klassischen Wacken-Shirt über Wacken-Kaffee bis hin zum Komplettset für den Autofan (Überzieher für Rückenspiegel und Nackenstütze sowie Wacken-Wimpel) versuchen die Macher, so ziemlich alles zu monetarisieren, was geht. Wer dann noch an der ZDF-Boombox (Karaoke für Metal-Fans), den diversen Werbeständen oder der Tim-Mälzer-Fressmeile vorbeikommt, muss sich schon fragen, wie das mit dem Metal-Ding jetzt eigentlich gemeint war.

Auch und vor allem musikalisch, nachdem Rammstein als absolutes Highlight des Abends Schnulzensänger Heino auf die Bühne holen. Genau den Heino, der sonst eher blauen Enzian besingt und in diesem Jahr Rammsteins "Sonne" coverte. Nicht umsonst beschweren sich einige Besucher im Anschluss über den "Seelenverkauf" der bösen Jungs.

Dass irgendwo tief drin in Wacken doch noch eine richtige Metal-Seele schlummert, zeigen am Ende einmal mehr die Fans: Während das Publikum bei Dickschiffen wie "Rammstein" und "Annihilator" verhältnismäßig brav bleibt, flippen die Fans auf einer der Nebenbühnen regelrecht aus. Die Mittelalter-Metal-Band "Rabenschrey" spielt, und ihr Frontmann macht keinen Hehl daraus, was er vom Pomp der restlichen Veranstaltung hält: Statt nach dem Konzert Champagner im sogenannten "Artist-Village" zu trinken, will er sich lieber mit den Fans zusammen "in Jackie-Cola ersäufen". Zwischen zwei Songs reißt er kurz die Querelen mit "den Machern" an, die von der Band wollten, sich "zu prostituieren" und zieht dann sein vielbejubeltes Fazit: "Wir haben es immer schwer gehabt, aber da scheißen wir drauf: Es gibt nur eine Macht, die zählt, und das seid ihr!" Recht hat er.

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Quelle: n-tv.de

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